Freitag, 20. Mai 2011

Man-Eater - Der Menschenfresser (1980)

Aristide Massaccesi (auch bekannt als Joe D'Amato) hat neben zahlreichen Soft - und Hardcore-Erotikstreifen Anfang der 80er einige harte Horrorfilme gedreht, von denen MAN-EATER (Antropophagus) und "Sado - Stoß das Tor zur Hölle auf" (1979) die bekanntesten sind. Gleichzeitig gehören sie auch zu den berüchtigtsten Vertretern des Splatterfilms, der zu dieser Zeit in Mode war, und sind beide bis heute hierzulande wegen Gewaltverherrlichung beschlagnahmt.

Aufgrund der Zensurbehörden erlangte MAN-EATER einen beachtlichen Kultstatus und spaltet seit jeher die Horror-Fangemeinde. Für die einen ist er ein billiger, geschmackloser und kranker Schnellschuss, für die anderen ein atmosphärisch-düsterer Klassiker für Hartgesottene. Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte.

Viel Handlung gibt es nicht zu erzählen. Eine Gruppe Touristen bereist per Boot eine griechische Insel, auf der man ein verlassenes Dorf entdeckt. Während die Urlauber sich noch fragen, wo alle Einwohner geblieben sind, lauert unentdeckt schon der Man-Eater (George Eastman), der einen nach dem anderen brutal ermordet und verspeist. Der Hintergrund: selbst schiffbrüchig geworden, musste der Man-Eater seine Frau und den gemeinsamen Sohn töten, um zu überleben. Seitdem ist er - sagen wir mal, psychisch etwas angeknackst und folgt seinem kannibalistischen Trieb...

Der psychologische Background des Man-Eaters ist dabei durchaus als bodenloser Schwachsinn zu verstehen, zumal Joe D'Amato sich nie entscheiden kann, ob der Man-Eater nun irre, ein Kannibale oder ein Zombie ist, da er übermenschliche Kräfte zu haben scheint. Da sowohl Zombie- als auch Kannibalenfilme zu Beginn der 80er gerade "in" waren, bedient er einfach alle Zielgruppen, was auch in Ordnung ist.
Was ihm gut gelingt ist die Inszenierung seines Hauptdarstellers Eastman (aka Luigi Montefiore), der tatsächlich riesenhaft und grauenerregend wirkt, wenn er plötzlich hinter Türen, in Zimmerecken oder im Licht eines Gewitterblitzes auftaucht. Zudem kann sich die letzte halbe Stunde des Films spannungsmäßig wirklich sehen lassen. Der finale Schlussfight zwischen dem Man-Eater und Hauptdarstellerin Tisa Farrow (bekannt aus Fulcis "Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies", 1979), in dessen Verlauf Farrow hilflos am Seil in einem tiefen Brunnen baumelt, während der Kannibale aus dem Untergrund zu ihr hochklettert, sorgt trotz einiger unfreiwilliger Komik zuvor für Gänsehaut und Nägelknabbern. Der darauf folgende Abschluss des Films, in welchem der Man-Eater mit der Spitzhacke malträtiert wird und seine eigenen Eingeweide vernascht, bevor er abtritt, ist ebenso lachhaft wie auf bizarre Art einprägsam. Weitere Highlights sind ein Ausflug in den stockfinsteren Weinkeller eines Gemäuers und Farrows Flucht über einen alten Friedhof (der überraschend an unsere geliebten Hammer-Filme erinnert).

Bis es aber zu diesen Highlights kommt, vergeht eine geschlagene Stunde Filmzeit, in der praktisch nichts passiert und das Wort "durchhängen" eine ganz neue Bedeutung bekommt. Der Zuschauer wird mit belangloser Synthie-Musik zugedudelt, die sich in jedem griechischen Restaurant gut machen würde (der Fairness halber muss man sagen, dass sie später besser wird und mit sakralen Gesängen sogar für Grusel sorgt), daneben gibt es banale bis ominöse Dialoge, die typische Kartenlegerin, die allen Reisenden ein schreckliches Schicksal prophezeit, darf auch nicht fehlen. Ansonsten herrscht absoluter Leerlauf. Fans des Films beharren darauf, dass hier Atmosphäre aufgebaut würde, und tatsächlich liegt eine konstante Bedrohung über den Bildern, aber die Charaktere bleiben uninteressant und nichtssagend, ebenso die Schauspieler.

MAN-EATER wurde selbstverständlich schnell zum Vorzeigeobjekt für hysterische Jugendschützer, die sich besonders an einer Szene stießen, die man schon als absoluten Tabubruch bezeichnen darf, und so ist sie auch gemeint. Dort reißt der Man-Eater einer hochschwangeren Frau (Serena Grandi, die - anders als üblich - ihre Bluse über die komplette Laufzeit anbehalten darf) den Fötus aus dem Unterleib und beißt herzhaft hinein. Der ebenfalls sterbende Ehemann schaut zu. Ja, dazu kann man nicht mehr viel sagen, außer, dass die Spezialeffekte aufgrund ihrer preiswerten Machart nicht unter die Haut gehen. Das Baby ist ein gehäutetes Kaninchen und sieht gottseidank nicht im entferntesten wie ein Fötus aus. Ernsthaft inszeniert wäre diese Sequenz unerträglich, so ist sie wie vieles im Film - ekelhaft, aber zu albern, um ernst genommen zu werden. Tabubrüche sind darüber hinaus nichts schlechtes, immerhin kann man so seine eigenen Geschmacksgrenzen austesten, und dafür ist der Horrorfilm nun mal das geeignete Medium. Wer das nicht mag, soll draußen bleiben.

Unterm Strich bleibt ein harter Schocker, der mit mehr Anstrengung und überzeugenderen Masken sehr viel sehenswerter wäre. Sein Platz in der Horrorfilmgeschichte ist ihm aber aufgrund der schieren Sensationsgeilheit, der Aufmerksamkeit durch Staatsanwälte und Zensoren, sowie der unverhüllten Absicht, dem Publikum das Popcorn wieder hochkommen zu lassen, für alle Zeiten sicher.

1981 inszenierte D'Amato mit "Absurd" (Antropophagus II") eine Quasi-Fortsetzung. Auch hier spielt Eastman einen irren Killer, der Blut braucht, um sich zu regenerieren, und dafür einen Babysitter terrorisiert. Inhaltlich hat der Film, abgesehen von einigen ultraharten Splatterszenen, nichts mit dem MAN-EATER zu tun. Eine Gemeinsamkeit bleibt dennoch - auch "Absurd" wurde flugs beschlagnahmt.

06/10

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