Freitag, 13. Mai 2011

Ich sehe den Mann deiner Träume (2010)

Nachdem ich von Woody Allens letzten Werken nicht unbedingt begeistert war, stellte sich ICH SEHE DEN MANN DEINER TRÄUME (You Will Meet a Tall Dark Stranger) als willkommene Überraschung heraus. Zwar fehlt dem Beziehungsdrama der scharfe Witz früherer Allens, dafür bietet er aber eine Menge Tempo, differenzierte Charaktere, hervorragende Schauspieler und einige sehr kluge (und erwachsene) Beobachtungen über menschliches Verhalten. Für den mittlerweile 41. Film eines über 70jährigen wirkt sein Film erstaunlich frisch und vital. Das Kino-Publikum wusste das zu honorieren und bescherte ihm ansehnliche Zuschauerzahlen.

Die Handlung spielt in London, geschildert werden parallel diverse Liebesbeziehungen von Figuren, die mit ihrem Leben unzufrieden sind und entweder von selbst ausbrechen oder durch äußere Umstände gezwungen werden, neue Wege zu beschreiten.
Alfie (Anthony Hopkins) hat seine langjährige Ehefrau Helena (Gemma Jones) für eine sexy Teilzeit-Prostituierte (Lucy Punch) verlassen, die mehr an Alfies Geld interessiert ist (Klischee oder Wahrheit? Wer kann das sagen?). Die sitzen gelassene Helena schaut seitdem gern zu tief in die Whiskyflasche und belagert eine Wahrsagerin, die ihr stets eine rosige Zukunft verspricht. Helenas Tochter Sally (Naomi Watts) steckt in einer sexlosen Ehe mit dem Autor Roy (Josh Brolin), der nach seinem ersten erfolgreichen Roman keinen zweiten zustande gebracht hat und ein Verhältnis mit einer jungen Frau beginnt, die im Haus gegenüber wohnt, selbst aber verlobt ist. Sally wiederum verliebt sich in ihren verheirateten Chef (Antonio Banderas), der ihre Gefühle scheinbar erwidert, aber längst eine Affäre mit einer anderen jungen Dame pflegt. Das Liebeskarussell dreht sich immer schneller, und bald stehen alle Figuren mehr oder weniger vor einem Scherbenhaufen, der mal ihr Leben war...

Woody Allen lässt sich zunächst viel Zeit, die Charaktere einzuführen (wie schon in "Vicky Cristina Barcelona" wird das Geschehen aus dem Off erzählt), vollbringt dies aber in ungewohnt kurzen und temporeichen Szenen, die man in der Form länger nicht von ihm gesehen hat. Nach dem ersten Drittel kann er dann mit zahlreichen Wendungen überraschen, die zumeist unvorhersehbar sind, selbst wenn man das Figurenarsenal und die angesprochenen Themen (erfolglose Künstler am Scheideweg, Ausbruch aus einer langen Beziehung, der zweite Frühling, die Sinnsuche im Leben, etc.) bereits kennt. ICH SEHE DEN MANN DEINER TRÄUME wird zwar als Komödie verkauft und kann durchaus mit einigen herzhaften Lachern aufwarten, insgesamt ist der Ton aber eher düster, auf Slapstick und Situationskomik wird komplett verzichtet. Man könnte den Film eher als leichte und amüsante Variante von Allens "Innenleben" (1978) beschreiben, da die Beziehungskonstellationen nahezu identisch sind.

Dargeboten wird das amouröse Bäumchen-wechsel-dich-Spiel von dem vermutlich besten Ensemble, das Allen seit "Harry außer sich" (1997) zur Verfügung stand. Alle Schauspieler bekommen ihre Glanzmomente, aber es sind besonders Anthony Hopkins als alternder Lustgreis, der seine junge Geliebte nur mit Hilfe von Viagra beglücken kann, Gemma Jones als naive, verlassene Ehefrau und (wer hätte das gedacht?) Antonio Banderas als Wolf im Designer-Schafspelz, die für die stärksten Szenen sorgen.
Auch Josh Brolin hat sich vom Pin-Up zum echten Charakterdarsteller gemausert, und er bekommt von Allen den besten Handlungsstrang, wenn er als erfolgloser Schriftsteller das Manuskript eines Bekannten stiehlt und als seines ausgibt, nachdem er von dessen Ableben erfahren hat - was sich als fataler Irrtum herausstellt, denn der Betroffene liegt 'lediglich' im Koma, aus dem er jederzeit wieder erwachen kann, womit Brolins Karriere und Leben ruiniert wären. Dieses Damoklesschwert, das Brolin nun mit sich tragen muss, steht (bzw. hängt) stellvertretend für die Ungewissheit der Zukunft aller Charaktere, die weder von Scharlatanen vorausgesagt, noch durch Verzweiflungstaten wie radikale Schnitte im Privatleben beeinflusst werden kann. Dennoch versuchen alle, ihrem Schicksal - so, wie es sich ihnen darstellt - zu entkommen.

Wer am Ende mit wem und in welcher Situation endet, bleibt bis zum Finale unklar, das macht ICH SEHE DEN MANN DEINER TRÄUME so unterhaltsam, und es wundert nicht, dass Woody Allen sich den schönsten Ausgang für die Figur vorbehält, die wir wohl am meisten ins Herz geschlossen haben, während andere ihre verdiente oder auch unverdiente Strafe erhalten. Und Reinkarnation ist nur eine noch größere Strafe, weil man in einem weiteren Leben nur noch mal alles versauen kann.
Den größten Lacher erzielt die hinreißende Lucy Punch als vulgäre, strohdumme Geliebte von Sir Anthony Hopkins, der durch ihre Einkäufe in die Pleite getrieben und von einem Rivalen zusammengeschlagen wurde und nun auch noch erfährt, dass die Dame schwanger ist - ohne zu wissen, von wem eigentlich. "Du solltest eigentlich vor Glück zerspringen. Das ist doch genau das, was du wolltest!"

Oder wie Allen an anderer Stelle sagt: "Wenn man gerade denkt, schlimmer kann es nicht mehr werden, lehrt einen das Schicksal, dass es noch viel dicker kommen kann."
Da ist er wieder, unser Lieblings-Pessimist. Mir hat's gefallen. Freue mich auf den nächsten.

08/10

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