Montag, 23. Mai 2011

Der Besuch (1964)

Die jüngst erschienene DVD von Bernhard Wickis DER BESUCH (The Visit) bietet die gute Gelegenheit, einen Film wieder zu sehen und eventuell auch neu beurteilen zu können, der einen unglaublich schlechten Ruf besitzt.
Die Adaption von Dürrenmatts berühmtem Stück "Der Besuch der alten Dame" mit Starbesetzung gilt als komplett misslungene Theaterverfilmung, wurde seinerzeit sowohl vom Publikum als auch von Kritikern abgelehnt und verschwand in der Versenkung. Nun ist sie wieder da.

Zum Inhalt - der mehr als nur vage von Dürrenmatts Vorlage abweicht: Die schwerreiche Karla Zachanassian (Ingrid Bergman) kehrt zurück in ihre osteuropäische Heimatstadt Gullen, wo sie begeistert empfangen wird, da die Stadt bankrott ist und auf einen Geldsegen der Milliardärin hofft. Tatsächlich verspricht die ältere Dame zwei Millionen für Gemeinde und Einwohner, aber unter einer Bedingung: Karlas Jugendliebe Serge (Anthony Quinn), mit dem sie als junges Mädchen ein Kind zeugte, woraufhin sie mit Schimpf und Schande aus der Heimat gejagt wurde und in einem Freudenhaus landete, soll auf ihr Verlangen hin getötet werden, um ihre jahrzehntelange Rachsucht zu befriedigen. Zunächst wehren sich die Gullener gegen diese unmoralische Erpressung, doch die Gier wächst und wächst...

Wer hofft, einen womöglich ungerecht vergessenen Film wieder entdecken zu dürfen, wird schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Dabei fällt die Exposition des Films - Vorbereitung, Ankunft und Forderung der alten Dame - noch recht unterhaltsam aus. Die kontrastreiche Schwarzweißfotografie (Cinemascope) und die ungewöhnliche Musik von Hans-Martin Majewski werden gut eingesetzt. Gedreht wurde der Film in den berühmten Cinecittà-Studios in Rom.
Die effektvoll gegen den Typ besetzte Ingrid Bergman zeigt viel Spielfreude und Lust an der Darstellung einer durch und durch moralisch verkommenen Frau, die nur mit Hohn und Spott auf die rührenden Versuche der Gullener reagiert, ihr einen großspurigen Empfang zu bereiten. Als fleischgewordener Kapitalismus erhält sie extravagante Gewänder, die besten Dialoge und jede Menge Raum, um zu glänzen. Sie thront auf ihrem Balkon hoch über der Stadt wie eine Königin und füttert ihren Liebling - einen Leoparden mit Diamanthalsband - mit rohem Fleisch.
Allein wegen Bergmans Darstellung ist DER BESUCH sehenswert.

Alles, was darüber hinausgeht, enttäuscht hingegen maßlos, und der Film hängt gnadenlos durch, sobald Bergman aus der Szenerie verschwindet. So darf man Anthony Quinn als krasse Fehlbesetzung bezeichnen. Als ehemaliger Liebhaber der Bergman wirkt er blass und uninteressant, und es ist kontraproduktiv, wenn Bergmans Karla die Sympathien voll und ganz auf ihrer Seite hat. Auch die übrigen, durchaus bekannten Darsteller wie Romolo Valli, Valentina Cortese und Hans-Christian Blech werden von Bergman überschattet und bleiben farblos.

Dass DER BESUCH es darüber hinaus wagt, das sarkastische, schwarzhumorige Ende des Stücks in eine Art Happy End zu verwandeln, ist eine derartige Dummheit, dass man darüber nur den Kopf schütteln kann. Die Adaption verändert nicht nur den Kern von Dürrenmatts Vorlage, sondern verkehrt sie ins Gegenteil. Der Kapitalismus ist hier nicht mehr das alles zerfressende Monster, das sogar moralisch integre Menschen in Mörder verwandelt, sondern darf sogar noch Güte und Gnade zeigen. Erbärmlich. Dieses Ende wurde Regisseur Bernhard Wicki von der produzierenden 20th Century Fox aufgezwungen, und es versenkt den Film an Ort und Stelle. Als Theaterverfilmung wird DER BESUCH dadurch indiskutabel und zeigt quasi exemplarisch Hollywoods schlechteste Seite, ein komplettes Unverständnis für Tiefe und Dramatik, die Kitsch und Sentimentalität weichen müssen. Dass der Schweizerische Handlungsort Güllen nach Osteuropa verlegt wurde, lässt ebenso tief blicken. Kapitalismuskritik und Hollywood - als hätte man es geahnt...

Natürlich mogelt der Film auch bei Bergmans Figur, sowohl bei ihrem Alter (sie ist deutlich jünger und begehrenswerter als im Stück, das sie als altes wandelndes Ersatzteillager beschreibt) als auch bei ihrer tragischen Vorgeschichte, aber das wären Änderungen, mit denen man leben könnte. Es ist schade, dass Ingrid Bergmans wundervolle Vorstellung so gnadenlos in einem Film untergeht, der praktisch alle Möglichkeiten sinnlos verschenkt.

Nachdem Bernhard Wicki mit "Die Brücke" (1959) einen künstlerisch überzeugenden und internationalen Erfolg inszeniert hatte, erlitt er mit DER BESUCH heftig Schiffbruch. Zyniker würden sagen, das hat man nun davon, wenn man eine literarische Vorlage so vergewaltigt. Für Bergman-Fans ist DER BESUCH dennoch unverzichtbar. Die Schauspielerin war in ihrer Filmografie selten so bösartig, bissig und intrigant. Es ist eine Freude, ihr zuzuschauen.

05/10

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