Freitag, 27. Mai 2011

Der Auslandskorrespondent (1940)

DER AUSLANDSKORRESPONDENT (Foreign Correspondent) ist Alfred Hitchcocks zweiter amerikanischer Film nach "Rebecca" (1940). Mit dieser Mischung aus Spionagefilm, Action und politischer Propaganda, in welcher der Held quer durch Europa gehetzt wird, folgte er den großen Erfolgen, die er in England mit Filmen wie "Die 39 Stufen" (1935) und "The Man Who Knew Too Much" (1934) hatte.
Leider ist die Zeit nicht allzu freundlich mit dem AUSLANDSKORRESPONDENT umgegangen, und heute zählt er trotz vieler visueller Highlights nicht zu Hitchcocks wichtigeren Arbeiten.

Zum Inhalt: Europa steht der 2. Weltkrieg bevor. Der US-Reporter John Jones (Joel McCrea) wird unter dem falschen Namen Huntley Haverstock nach London geschickt, wo er Stephen Fisher (Herbert Marshall),, Chef einer US-Friedensorganisation, kennen lernt und sich gleich in dessen hübsche Tochter (Laraine Day) verliebt. In Holland soll er an einem Friedenskongress teilnehmen, wird aber stattdessen zeuge, wie dort der wichtigste Sprecher Van Meer (Albert Bassermann) vor den Augen der wartenden Journalisten und Gäste ermordet wird. Er verfolgt den Attentäter bis zu einer geheimnisvollen Windmühle und kommt nach und nach auf die Spur eines politischen Komplotts, das ausgerechnet vom Friedensaktivisten Fisher initiiert wurde...

Nach dem Riesenerfolg von "Rebecca" war Hitchcock überrascht, für seinen Thriller keine A-Besetzung zu bekommen. Der von ihm favorisierte Gary Cooper etwa lehnte die Hauptrolle ab, weil Thriller zu jener Zeit als B-Filme galten. Daher übernahm Western-Darsteller McCrea die Hauptrolle, der als sympathischer Journalist zwar überzeugt, aber nicht sonderlich interessant ist. Ebenso bleibt Laraine Day als Frau seines Herzens blass. Es ist bezeichnend, dass Hitchcock sehr viel mehr Freude an George Sanders zeigt, der als schottischer Kollege McCreas deutlich mehr Skurrilität und Ausstrahlung besitzt und im Verlauf des Films einige Action-Momente für unseren Helden übernimmt.

Die außergewöhnlichen Darstellungen finden sich in den Nebenrollen. Herbert Marshall, der noch Jahre zuvor in Hitchcocks britischem "Mord - Sir John greift ein" (1930) den Ermittler gab, ist hier ein exzellenter Bösewicht. Der Komödiant Robert Benchley hat großartige Szenen als versoffener Reporter-Kollege, der große Theatermime Albert Bassermann bleibt unvergesslich als Van Meer und dessen Doppelgänger, und als Attentäter, der McCrea vom Kirchturm stürzen will, darf Edmund Purdom ("Immer Ärger mit Harry", 1955) seinen ersten Hitchcock-Auftritt absolvieren. Bemerkenswert ist übrigens das Tempo, in dem die Schauspieler die Dialoge vortragen. Das sieht und hört man heute nicht allzu oft.

In seiner Inszenierung bemüht sich Hitchcock, McCrea von einer spannenden Situation zur nächsten zu jagen und schafft gerade zu Beginn einige echte Action-Höhepunkte wie die Autoverfolgungsjagd nach dem Mord an Bassermann und McCreas Flucht vor zwei Killern über die Hotel-Balustrade. Zu recht berühmt ist die Windmühlen-Sequenz, die fast expressionistische Qualität erreicht. Das Ausnutzen von landestypischen Merkmalen (Holland/Windmühlen, London/Kirchturm) für Suspense-Sequenzen war Hitchcocks Spezialität. Das Finale mit dem abstürzenden Flugzeug, in dem sich sämtliche Hauptdarsteller befinden, die sich daraufhin im tobenden Ozean auf eine abgebrochenen Tragfläche retten, ist eine tricktechnische Meisterleistung.

Und dennoch - irgendwie will DER AUSLANDSKORRESPONDENT bei mir nicht so recht zünden. Er befand sich in der Reihenfolge meiner Lieblings-Hitchcocks immer weit unten und wird auch nach erneuter Sichtung dort bleiben. Man kann ihm kaum einen Vorwurf machen, weder in formaler noch inhaltlicher Hinsicht, aber es fehlen Geheimnisse, Komplexität und Hitchcocks Lieblingsthemen wie Schuldübertragung oder düstere, erotische Obsessionen. Die Charaktere bleiben eindimensional, die Helden sind gut (und langweilig), die Bösen sind böse, der aufrechte Amerikaner entwickelt ein politisches Bewusstsein, etc., etc.
Oder anders: Wo ist eine Mrs. Danvers, wenn man sie braucht? Wo ist die kühle Blondine, die mit Handschellen an den Helden gekettet, die Nacht mit ihm verbringen muss? Und wo steckt die verschwundene alte Dame?
DER AUSLANDSKORRESPONDENT ist solide Unterhaltung ohne weiteren Tiefgang, Doppeldeutigkeiten oder packende emotionale Konflikte, auch bei mehrfachem Sehen gibt es nichts, was man überraschend entdecken könnte. Insofern bleibt er für mich ein zu vernachlässigender Film. Der thematisch ähnliche "Ministerium der Angst" (1945) von Fritz Lang gefällt mir deutlich besser.

DER AUSLANDSKORRESPONDENT lief hierzulande zunächst in einer gekürzten und in der Synchronisation verfälschten Fassung unter dem Titel "Mord", später erstellte das ZDF eine korrekte und komplette Synchronfassung unter dem jetzigen Titel.

6,5/10

Kommentare:

  1. Hi Matthias,
    witzigerweise hatten wir wohl zeitgleich Lust wieder mal den "Foreign Correspondent" anzuschauen. Wobei er bei mir wesentlich besser wegkommt, er hat schon großartige Momente. Mir gefiel lediglich der heroische Abgang von Herbert Marshall nicht so gut.
    LG Ray

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  2. Hi Ray, das kommt bei uns ja öfter vor mit der zeitgleichen Sichtung, das ist schon witzig. :-) Der hat schon viel Gutes, keine Frage, aber insgesamt steht er bei mir nicht so hoch im Kurs. Liebe Grüße!

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