Dienstag, 24. Mai 2011

Das unheimliche Fenster (1949)

Wüsste man es nicht besser, könnte man DAS UNHEIMLICHE FENSTER (The Window) für eine lupenreine Hitchcock-Hommage halten, weil er viele Elemente des Thriller-Meisters verwendet und ganze Einstellungen an dessen Werke erinnern. Tatsächlich verhält es sich aber umgekehrt. Regisseur Ted Tetzlaff hat hier vieles eigenhändig etabliert, was bei Hitchcock später Verwendung fand. Das verwundert nicht, da beide 1946 bereits zusammen arbeiteten. Tezlaff war der Kameramann bei einem von Hitchcocks besten Filmen, "Berüchtigt".

DAS UNHEIMLICHE FENSTER erzählt vom neunjährigen Tommy Woodry (Bobby Driscoll), der mit seinen Eltern (Arthur Kennedy und Barbara Hale) in einer kleinen Wohnung in New York lebt und gern frei erfundene Lügengeschichten erzählt, um sich wichtig zu machen. Als er eines nachts aufgrund der Hitze draußen auf der Feuertreppe schläft, beobachtet er, wie das Nachbarsehepaar ein Stockwerk höher einen Mann ermordet und die Leiche beseitigt. Leider glaubt Tommy niemand die Geschichte, weder seine Eltern, noch die Polizei. Als aber die Nachbarn von seinen wilden Erzählungen Wind bekommen, beschließen sie, den Jungen verschwinden zu lassen...

Der Name Hitchcock taucht bei solch einer Situation natürlich automatisch auf. Der Film verlässt seinen begrenzten Schauplatz nur selten und braucht lediglich ein Minimum an Exposition, um sofort zu Hochspannung aufzulaufen, die bis zum aufregenden Finale, in dem der kleine Tommy durch ein leerstehendes Abbruchhaus vor dem mörderischen Nachbarn flieht, nicht abreißt.
Die Ähnlichkeiten zwischen dieser Geschichte und dem späteren "Das Fenster zum Hof" (1954) sind nicht zufällig, da beide Filme nach Vorlagen von Cornell Woolrich entstanden. Hier wie dort sorgen der heiße Großstadt-Sommer und die blühende Fantasie des Protagonisten für reichlich Nervenkitzel. Daneben gibt es im UNHEIMLICHEN FENSTER noch einen Mord mit der Haushaltsschere ("Bei Anruf Mord", 1954), und wenn zu Beginn die Stadt New York in der Totalen eingefangen wird, bevor die Kamera langsam auf ein Apartmentfenster zufährt, fällt einem unweigerlich "Psycho" (1960) ein. Die böse Nacbhbarin wird von Ruth Roman gespielt, die kurz später in "Der Fremde im Zug" (1951) die weibliche Hauptrolle übernahm und von Hitchcock deutlich glamouröser geführt wurde.

DAS UNHEIMLICHE FENSTER weist mit seinen 70 Minuten Spielzeit keinerlei Längen auf, es gibt keine einzige überflüssige Szene oder Einstellung im gesamten Film. Es ist absolut erstaunlich, mit wie wenig Aufwand und Mitteln Tetzlaff den Zuschauer in Atem hält, dank des hervorragenden Drehbuchs von Mel Dinelli, guten Darstellern und effektiver Kameraführung. Ebenso bemerkenswert ist das Setting, das geradezu neorealistisch wirkt. Die Charaktere leben in der Lower Eastside in heruntergekommenen, schäbigen Apartments, trocknen die Wäsche über der Straße, und die Kinder spielen zwischen Schutthaufen und in teilweise abgerissenen Häusern. Keine Hollywood-Übertreibung stört das authentische Gefühl der Geschichte, die dadurch umso realistischer und nachvollziehbarer wirkt.
Und wie in den besten Filmen geht es um mehr als das, was wir vordergründig an Handlung sehen. Subtil erzählt sich darunter die Geschichte eines Kindes, das um den Respekt und die Liebe seines Vaters kämpft, der früh im Film sagt "Du willst doch nicht, dass ich mich für dich schämen muss", und nach dem Herzschlag-Finale den Kleinen in den Arm nehmen und seinen Stolz ausdrücken kann. Dass Tommy sich nun keine "Geschichten mehr ausdenken wird" ist mehr als nur eine moralische Pointe.

DAS UNHEIMLICHE FENSTER war ein großer Erfolg an den Kinokassen und gilt als Klassiker, er erhielt sogar eine Oscar-Nominierung (für den besten Schnitt), was für einen kleinen B-Film wie diesen absolut ungewöhnlich war. Kinderdarsteller Bobby Driscoll durfte einen Spezialoscar in Empfang nehmen. Es war der Höhepunkt seiner Karriere, die bald schon beendet war. Driscoll starb im Alter von nur 31 Jahren an den Folgen seiner Drogenabhängigkeit.

Hierzulande ist DAS UNHEIMLICHE FENSTER nicht ganz so bekannt. Ich erinnere mich aber noch genau, dass ich ihn als Kind im TV gesehen und mich fast zu Tode gefürchtet habe. Oft verlieren diese Erlebnisse ihre Kraft, wenn man die Filme im erwachsenen Alter wieder sieht, aber DAS UNHEIMLICHE FENSTER hat bis heute nichts von seiner Klasse verloren.

10/10


Das Fenster zum Mord - The Window

Kommentare:

  1. Ja! ein super Film! total spannend und auch noch zu Herzen gehend. wie der Kleine durch sein Lügen um Aufmerksamkeit und Anerkennung wirbt, und beides erst sehr spät bekommt - für die Wahrheit. Danke für Deine schöne Rezension, Matze.

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  2. Bitteschön, gern geschehen, ich hatte den Film doch fast schon vergessen, das Wiedersehen hat sich wirklich gelohnt. Liebe Grüße!

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