Donnerstag, 28. April 2011

Sitcom (1998)

Vorhang auf für eine Familiengeschichte der besonderen Art. Ein Familienpapa (Francois Marthouret) bringt eine weiße Käfigratte mit in das gutbürgerliche französische Zuhause. Das Tier sorgt allerdings für merkwürdige Veränderungen bei den Familienmitgliedern.
Der verklemmte Sohn (Adrien de Van) outet sich plötzlich beim Abendessen als schwul und hält Gruppensex-Sitzungen in seinem Zimmer ab, in die sich auch der Ehemann des Hausmädchens mit einklinkt, und bei denen hin und wieder Mamas Zucchinis zum Einsatz kommen. Mama (Evelyne Dandry) ist das Ganze nicht geheuer, und um den Sohnemann wieder umzudrehen, verführt sie ihn rasch selbst. Die sexuell aufgeladene Tochter stürzt sich derweil aus dem Fenster, sitzt fortan im Rollstuhl und versucht sich mit ihrem Lover (Stéphane Rideau) im S/M-Sex, der aber bespringt lieber das Hausmädchen. Da bleibt Papa bald nicht anderes mehr übrig als die gesamte verkommene Sippschaft zu erschießen. Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende...

Der französische Regisseur Francois Ozon bläst mit seinem ersten Spielfilm gleich zum Frontalangriff auf alle bürgerlichen Werte. Interessanterweise beginnt sein Film ähnlich, wie Chabrols "Biester" (1995) endet. Das Vorbild ist also klar erkennbar. Wo Chabrol aber subtile Mittel einsetzt, um die verhasste Bourgeoisie zu entlarven, kommt Ozon mit dem Holzhammer. Tabubrüche gibt es in SITCOM (Sitcom) genug, und Aufmerksamkeit erlangt man mit dieser brachialen Dekonstruktion der heilen Familie erst recht. Leider aber verspricht der Inhalt mehr als Ozon wirklich bietet. Zu wenig komisch ist das absurde Treiben, zu gewollt die Bösartigkeit, zu oberflächlich die Analyse gesellschaftlich-konservativer Werte. Den Vorwurf, dass hinter der effekthascherischen Fassade kaum ernst zu nehmender Inhalt steckt, musste sich Ozon lange gefallen lassen und ist ihn bis heute nie ganz losgeworden.

Als Filmdebüt bietet SITCOM dennoch reichlich Unterhaltungswert, auch wenn hier deutlich mehr möglich gewesen wäre. Die Besetzung agiert gut gelaunt und hat keine Probleme mit den drastischeren Szenen. Stéphane Rideau, eine Ikone des schwulen Kinos ("Sommer wie Winter", 2000), darf in SITCOM überraschend den Hetero mimen, bekommt von Ozon aber einen künstlichen Riesenpenis, mit dem er das Hausmädchen beglücken darf. Formal spielt Ozon mit den Mitteln der Boulevardkomödie und der - man ahnt es - Sitcom (die nichts anderes ist als die verfilmte Boulevardkomödie). Figuren kommen meistens zur Tür herein, Infos werden über das Telefon transportiert, der Hauptschauplatz - das bürgerliche Heim - wird kaum verlassen. Es fehlen praktisch nur die eingespielten Lacher.

Insgesamt ist Francois Ozon mit SITCOM ein sicher aufsehenerregender Erstling gelungen, der auf alle gesellschaftlichen Werte spuckt und eine diebische Freude an der Geschmacklosigkeit zeigt. Den grimmigen Humor, den er hier an den Tag legt, wünscht man sich in seinen aktuelleren, deutlich betulicheren Werken. Mit SITCOM begann Ozons steile Karriere, in deren Verlauf er zunächst als Enfant Terrible galt, bevor er mit publikumsfreundlicheren Filmen ("8 Frauen", 2002) auch das Massenpublikum erreichte und heute zu den etabliertesten Regisseuren des französischen Kinos zählt.

06/10

Eine schrecklich nette Familie - "Sitcom"

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