Samstag, 16. April 2011

Ein Zombie hing am Glockenseil (1980)

Es ist praktisch unmöglich, EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL (City of the Living Dead) objektiv zu beurteilen. In den 80ern galt der Film als DER härteste und schrecklichste aller Horrorfilme. Er wurde beschlagnahmt, verdammt, verstümmelt, ganze Sondersendungen im ZDF wurden über ihn gemacht (Wer erinnert sich nicht gern an die öffentlich-rechtliche pädagogische Farce „Mama, Papa, Zombie“, in der manipulativ und einseitig vor den Folgen des Horrorkonsums bei Kindern gewarnt wurde). Sein Ruf war derart berüchtigt, dass die Qualitäten des Films komplett übersehen wurden.

Womit wir es hier zu tun haben, ist eine Trockenübung für Lucio Fulcis folgendes Meisterwerk „The Beyond – Die Geisterstadt der Zombies“ (1981). EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL folgt dem durch George Romero und Fulcis eigenen Vorgänger „Woodoo“ (1979) ausgelösten Trend des Zombieschockers, mixt dazu Elemente aus den Erzählungen H.P. Lovecrafts (der Handlungsort Dunwich taucht mehrfach bei Lovecraft auf) und verzichtet fast vollständig auf eine lineare Geschichte. Verbunden mit den extremen Splatter-Szenen, die tatsächlich ihresgleichen suchen, war Fulcis Film selbstverständlich kein Liebling der Kritiker, aber das Publikum mochte ihn auf Anhieb, und heute gilt er trotz oder wegen seines Rufs als kleiner Klassiker des italienischen Horrorfilms.

Worum geht es? In der bereits erwähnten Südstaaten-Stadt Dunwich erhängt sich ein Priester auf dem örtlichen Friedhof, was nach alter Überlieferung die Pforten der Hölle öffnet und die Toten zum Leben erweckt. Die steigen dann auch bald aus den Gräbern und machen sich über die Gehirne der Einwohner her. Gleichzeitig sind ein Medium (Catriona MacColl) und ein Journalist (Christopher George) auf dem Weg nach Dunwich, um die Übernahme der Welt durch die Toten zu stoppen…

Was EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL vor allem auszeichnet, ist die surreale, nebelverhangene und angsteinflößende Atmosphäre der Stadt Dunwich, in der sämtliche Charaktere schräg und geisterhaft erscheinen. Fulci beginnt seine Sequenzen oft mit der Großaufnahme eines Augenpaars, eine Weiterführung des Stilmittels, das er bereits in „Woodoo“ erfolgreich angewandt hatte. Die Handlung ist nicht mehr als ein dünner roter Faden, der die einzelnen Set Pieces zusammenhält. Diese Abkehr vom klassischen Erzählkino sollte Fulci in „The Beyond“ noch radikaler durchführen, hier wirkt sie noch etwas vorsichtig.

Zusammen mit der fabelhaften Musik von Fabio Frizzi und seinem Kameramann Sergio Salvati schafft Lucio Fulci unvergessliche, alptraumhafte Szenarien mit extremen Gewaltfantasien. Der Anblick des toten Priesters lässt die Augen der Charaktere bluten, eine Frau erbricht sämtliche ihrer Innereien vor den Augen des entsetzten Lovers (gespielt von Regisseur Michele Soavi), ein Madensturm geht auf die Protagonisten nieder (eine Hommage an Argentos „Suspiria“, 1977), die Zombies zerquetschen Gehirnmasse, und auf dem Höhepunkt wird der Dorftrottel (gespielt von Italo-Horror-Ikone John Morghen, der in vielen Genrebeiträgen sein Leben lassen musste) von einem eifersüchtigen Vater per Bohrmaschine erledigt, die sich durch seinen Kopf bohrt.

Dass man derlei Unappetitlichkeiten trotzdem unterhaltsam finden kann liegt nicht an der Abgestumpftheit des Zuschauers, sondern an der gelungenen Aufbereitung durch Makeup-Künstler Gino de Rossi, der weniger auf Realismus als auf Groteske zielt. So wird EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL auch nicht zu einem deprimierenden Folterfilmchen, sondern einem fantastischen Ausflug ins Reich des Absurden, und genau da liegt die Stärke von Lucio Fulci als Regisseur und Künstler. Man kann seine Filme auch lächerlich und stümperhaft finden, aber nur wenige werden sie aus dem Gedächtnis bekommen, denn Fulcis Bilder entspringen stets dem Unterbewusstsein.
Die Szene, in der die lebendig begrabene Catriona MacColl von Christopher George gerettet wird, in dem er den Sarg mit einer Spitzhacke bearbeitet, wobei das scharfe Ende immer kurz vor MacColls Augen landet, ist so ein Beispiel. Hier verbinden sich tiefste Urängste mit makaberem Humor und Suspense.

Dass diese Schlachtplatte nicht jedem gefällt, ist klar, soll sie auch nicht. Das Horrorgenre erreichte zu Beginn der 80er einen Härtegrad, dessen drastischste Auswüchse im italienischen Kannibalenfilm zu finden sind. Die Zuschauer verlangten nach Szenen der extremen Auflösung, die aufgrund technischer Mängel zuvor nicht möglich waren. Mitte der 80er war der Spuk wieder vorbei, als sich das Publikum wie erwartet an die hässlichsten Bilder und schlimmsten Verstümmelungen menschlicher Körper gewöhnt hatte.
Der Horrorfilm ist seit jeher ein Medium der Grenzerfahrung, und Fulcis Werke aus der Zeit gehören zu den eindringlichsten und gleichzeitig unterhaltsamsten Beiträgen. Wer hier nur die Moralkeule der Gewaltpornografie schwingt und Verbote durchsetzt, hat das Medium schlicht nicht begriffen und unterschätzt das Publikum, das sehr wohl zwischen Wahrheit und Fiktion zu trennen weiß – ganz besonders, wenn ein Film wie EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL so überdeutlich Elemente des Fantastischen benutzt. Kaum ein Zombiefilm der Epoche ist so wenig in der Realität angesiedelt wie Fulcis Höllen-Oper.

Allen Kopfschüttlern zum Trotz - ich liebe diesen Film und kann ihn immer wieder sehen. 

10/10

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