Samstag, 23. April 2011

Die Nacht der reitenden Leichen (1971)

Der Spanier Amando de Ossorio schuf 1971 einen weltweit überraschend populären Genrebeitrag mit seinem Templer-Epos DIE NACHT DER REITENDEN LEICHEN (La Noche del terror ciego), der vordergründig reinster Exploitation-Trash ist, bei näherer Betrachtung aber beachtliche Qualitäten aufweist und das Zombie-Genre vorwegnimmt, das gegen Ende des Jahrzehnts erst erblühen sollte.

Ein junges Paar, Virginia und Roger, macht Urlaub in Portugal. Virginia begegnet dort ihrer alten Schulfreundin (und ehemaligen Geliebten) Bella. Zu dritt beschließt man, per Zug durch die Landschaft zu reisen, doch auf der Fahrt kommt es zu Eifersüchteleien, weswegen Virginia einfach vom Zug abspringt und ihrNachtlager allein in einer alten Dorfruine aufschlägt. Das hätte sie lieber bleiben lassen sollen, denn in dieser Nacht steigen die Geister hingerichteter Tempelritter aus ihren Gräbern und jagen per Pferd durch das verlassene Dorf. Virginia wird ihr erstes Opfer, ihre Leiche wird am nächsten Tag entdeckt. Roger und Bella erfahren von der lange zurückliegenden Vorgeschichte der Templer, die im Mittelalter Jungfrauen geopfert und deren Blut getrunken haben, bis sie exkommuniziert und getötet wurden. Nun kehren sie allabendlich aus dem Totenreich zurück und brauchen Blut...

Als kommerzielles Produkt bietet DIE NACHT DER REITENDEN LEICHEN mit den blutdürstigen Zombies, nackten Brüsten, gefesselten Jungfrauen und lesbischer Liebe in erster Linie Trash-Schauwerte en masse. Dahinter verbirgt sich aber ein außerordentlich guter Thriller mit jeder Menge Suspense, Grusel und originellen Einfällen. Die blinden Templer, die stets in Zeitlupe gefilmt werden, sind eine fantastische Kreation, die direkt aus Alpträumen zu kommen scheint. Man mag es albern finden, dass die bedauernswerten Opfer immer so lange vor Schreck stehen bleiben, bis die extrem langsamen Untoten sie eingeholt und umzingelt haben, tatsächlich aber verstärkt dies nur den surrealen Charakter des Films. De Ossorio gelingt es ganz wunderbar, die Einsamkeit und Weite der Landschaft einzufangen und somit das Maximum an Atmosphäre aus dem Stoff herauszuholen. Die Darsteller agieren allesamt nicht berauschend, aber solide. Die unkonventionelle Musik von Anton Garcia Abril sorgt für zusätzliche Gänsehaut.

Amando de Ossorio orientiert sich dabei dicht an Hitchcocks "Psycho" (1960). So baut er zu Beginn eine enorme Spannung auf, wenn die vermeintliche Protagonistin Virgina den Zug verlässt und sich alleine durch die Landschaft schlägt. Bis sie von den Templern verfolgt und ermordet wird, vergehen fast 20 Minuten Film ohne jeden Dialog. Virginia ist dabei viel mehr als typisches Horror-Kanonenfutter. Als Zuschauer ist man bei ihr, schon allein, weil man ihren Mut bewundern muss, so spontan auf das alberne Geplänkel ihrer Reisegefährten zu reagieren. Durch kleine Details wie die Tatsache, dass sie ihr mitgebrachtes Buch nicht weiterliest, sondern gleich zum Ende vorblättert, wird sie zusätzlich sympathisch, und man hofft, dass sie den Untoten entkommt. Die Struktur, eine Hauptfigur aufzubauen, diese dann kurz vor der Hälfte des Films zu beseitigen und das hinterbliebene Paar sowie deren Nachforschung für die zweite Hälfte zu verwenden, entspricht exakt dem großen Vorbild.
Die deutlichste Anspielung aber findet sich in einem kuriosen Detail, nämlich der kreischenden Bella zu Beginn und am Ende des Films - eine Einstellung, in der die Darstellerin statt roter Haare plötzlich eine blonde Perücke trägt und direkt in die Kamera schreit. Diese Einstellung entspricht exakt dem "Psycho"-Trailer, in dem Vera Miles mit Perücke unter der Dusche steht (ein Trick, um die Zuschauer in die Irre zu führen, denn - wie wir alle wissen - im Film ist es Janet Leigh, die die verhängnisvolle Dusche nimmt).

Ein weiteres Highlight findet in einer Werkstatt für Schaufensterpuppen statt, in der die mittlerweile untote Virgina auftaucht und Bellas Angestellte verfolgt. Auch das überraschende Ende des Films hinterlässt einen wohligen Schauer. Dass man zwischendurch hanebüchenen Dialog ertragen muss ("Meine Fabrik liegt gleich hinterm Friedhof und der Pestkirche."), gehört zum Spaß dazu, während die Rückblenden in die fröhlich-zärtliche Internatszeit der beiden Hauptdarstellerinnen lediglich niedere Instinkte eines schmierigen Teils des Publikums bedienen, aber herzlich wenig zum Film beitragen. Auch die ausgedehnte Vergewaltigung der lesbischen Bella durch einen widerlichen Bootsverleiher ist komplett überflüssig, ebenso Bellas Antwort auf die Frage, warum sie denn lesbisch sei: "Ich hatte ein schlimmes Erlebnis als Kind"... Oh mein Gott!

DIE NACHT DER REITENDEN LEICHEN kann als Wegbereiter für sowohl George Romeros "Dawn of the Dead" (1978) als auch die Welle europäischer Horrorfilme der späten 70er/frühen 80er angesehen werden, auch wenn er selbst nicht sonderlich blutrünstig daherkommt. Was er gut schafft, ist die Verbindung mittelalterlicher Legenden und Vampirmythen mit dem modernen Splatterfilm. Ossorios reitende Leichen sind einfach eine klasse Erfindung, auch wenn sie es nicht zu neuen Archetypen gebracht haben und ihre Zeit nach insgesamt drei Sequels, die dem Original leider nicht das Wasser reichen können, abgelaufen war. Heute besitzt der Film Kultstatus und ist immer noch einen Blick wert.

07/10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...