Montag, 11. April 2011

Die Klasse von 1984 (1982)

"We Are the Future!" -
Wie wahr.

Der friedfertige Musiklehrer Andy Norris (Perry King) beginnt seinen Dienst an der Lincoln High School, in der Gewalt, Drogenhandel, Prostitution und Mobbing an der Tagesordnung sind. Die Schüler werden beim Betreten der Schule nach Waffen durchsucht, der Rektor schwört auf Kameraüberwachung des gesamten Geländes, und sogar die Lehrer sind bereits bewaffnet. Ganz besonders die Gruppe um den verzogenen Neureichenspross Stegman (Timothy Van Patten) sorgt für Unheil, dealt mit Drogen und treibt harmlose Schüler wie den pausbäckigen Michael J. Fox vor seinem Durchbruch in Angst und Schrecken. Andy sieht sich das Spektakel nicht lange an und greift ein. Damit beschwört er einen Teufelskreis aus Gewalt herauf, in dem der alltägliche Wahnsinn in einen wahren Blutrausch eskaliert...

Schön, dass es differenzierte Filme um wichtige Themen wie Gewalt an Schulen und Gewaltspiralen gibt. DIE KLASSE VON 1984 (Class of 1984) gehört nicht dazu. Dafür kann man diesen Action-Reißer, der seine Botschaften bewusst mit dem Holzhammer serviert, aber schon prophetisch nennen. Der Film war ein Hit an den Kinokassen und wurde heftig diskutiert, allzu absurd nannte man das kreierte Schreckens-Szenario von Regisseur Mark L. Lester ("Firestarter", 1984). Heute darf man feststellen, dass vieles, was hier noch überspitzt beschrieben wird, mittlerweile traurige Realität geworden ist.

Obwohl DIE KLASSE VON 1984 keine vielschichtige Studie sein will und ganz auf Exploitation setzt (mit Anklängen an das "Rape 'n Revenge"-Subgenre), ist die Darstellung des Charakters Stegman erstaunlich gut gelungen und zeichnet ein pessimistisches Bild der No Future-Generation der 80er, in der vorhandenes Potential gnadenlos der sinnlosen Zerstörungswut geopfert wird. So versteckt sich Oberbösewicht Stegman zu Hause hinter der schnöseligen Mama und könnte ein begnadeter Pianist sein, wenn er nicht ständig Ärger machen würde. Mit anderen Worten: die Jugend beraubt sich selbst jeder Perspektive und rebelliert nicht konkret gegen Establishment oder Politik (wie in den 70ern), sondern gegen alles und nichts. Dass der Film nicht so dumm ist wie er manchmal vorgibt, zeigt die Szene, in der ein zugedröhnter Schüler den Flaggenmast der Schule erklimmt und mit der US-Flagge in Händen den amerikanischen Treue-Eid zitiert, bevor er in den Tod stürzt. Dies ist der zynische Blick auf das Amerika der Gegenwart.

Das Perfide an DIE KLASSE VON 1984 ist die Art, wie Mark Lester dabei das Publikum manipuliert. Die Schüler-Gang um Stegman besteht aus lauten, brutalen, dummen und vulgären Monstern, die nicht einen Funken Sympathie oder Verständnis verdienen (und jedes Mitgefühl verlieren, wenn sie die armen Tierchen des Biologie-Lehrers Roddy McDowall töten), während Musiklehrer Norris keinerlei negativen Züge erhält. Er ist ganz der idealistische Held, der aufrechte Amerikaner, der durch die Untaten der Schüler zu gewalttätigen Gegenmaßnahmen gezwungen wird. Als Zuschauer ist man von der ersten Sekunde an auf seiner Seite, und je fieser die Aktionen der Schüler werden, desto mehr möchte man ihn als eiskalten Rächer sehen.

Tatsächlich wollte Mark Lester den Film ursprünglich mit dem Selbstmord des Anführers Stegman enden lassen, doch das Testpublikum und der Verleiher verlangten, dass Lehrer Norris höchstpersönlich den missratenen Teenager zur Hölle schickt, so sehr war man durch die Inszenierung aufgeheizt. DIE KLASSE VON 1984 weckt auch durch die rohe und konsequente Machart alle niederen Instinkte beim Publikum. Kalt lassen dürfte der Film kaum jemanden, kontrovers ist er nach wie vor.

Die schauspielerischen Leistungen sind darüber hinaus exzellent. Besonders Perry King wirkt in den finalen Zweikampfszenen, die Mark Lester mit ultimativem Realismus und einiger Härte inszeniert, absolut überzeugend, man glaubt ihm die Verzweiflung und den Wahnsinn. Sein Gegenspieler Timothy Van Patten, der mittlerweile ins Regiefach gewechselt ist, spielt ebenfalls hervorragend. Es ist ihr Duell, das den Film auf Hochtouren hält. Hier bewahrheitet sich einmal wieder die alte Hitchcock-Regel, dass ein Thriller nur so gut ist wie sein Bösewicht, und Van Patten ist ein klasse Bösewicht. Wenn er sich selbst verstümmelt, um Perry King des Übergriffs zu bezichtigen oder dessen schwangere Ehefrau quält, wünscht man ihm Tod und Pest an den Hals. Wenn King das Auto von Van Patten absichtlich zu Schrott fährt, jubelt man innerlich über den Befreiungsschlag, von dem man schon weiß, dass er nur für noch mehr Ärger sorgen wird.

DIE KLASSE VON 1984 gehört - ob man ihn mag oder nicht - zu den unverzichtbaren Klassikern des 80er Jahre-Kinos. Lesters Film ist prägnantes Zeitdokument, beklemmende Utopie und blutrünstiger Schocker in einem, wenngleich mit Sicherheit nicht jedermanns Sache.

08/10

Kommentare:

  1. Au ja! Ekligen Abschaum auf die Kreissäge packen! Herrlich... Wozu geht man sonst zum Unterricht? ;-))

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  2. Ist auch eine echte Alternative zum "Lasst uns mal drüber reden"... :-)

    Liebe Grüße,
    Mathias

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  3. Ganz im Sinne des Films natürlich. :-)

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  4. Bietet der Lehrer zum Schluss nicht die helfende Hand? Aber was macht der Bösewicht, zieht ein Messer.....
    Denn hätt ich auch fallengelassen;)

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