Sonntag, 17. April 2011

The Beyond - Die Geisterstadt der Zombies (1981)

Nicht viele Regisseure können auf ein Werk verweisen, das ihre gesammelten Fähigkeiten, Obsessionen, Stärken (und Schwächen) so exemplarisch auf den Punkt bringt. Um Lucio Fulci zu verstehen, muss man nur auf THE BEYOND (E tu vivrai nel terrore – L'aldilà) verweisen, der alles enthält, was seinen Ruf und Ruhm ausmacht. THE BEYOND ist das definitive, ultimative Meisterwerk des italienischen Regisseurs. Wer diesen Film nicht mag, wird kaum einem anderen Fulci etwas abgewinnen können. Ebenso wie sein Vorgänger "Ein Zombie hing am Glockenseil" (1980) wurde auch THE BEYOND weltweit zensiert, verboten, beschlagnahmt und gekürzt, dabei ist Fulcis Ausflug in die Welt des Fantastischen hier noch irrealer als zuvor.

Der Handlungsfaden von THE BEYOND kann hier nicht einmal mehr als solcher bezeichnet werden. Nach einem furiosen, sepiagefärbten Auftakt in der Vergangenheit, in dem ein Maler von einem wütenden Mob mit Fackeln und Folterinstrumenten in einem alten Hotel ermordet, verstümmelt und eingemauert wird, springt der Film ein paar Jahrzehnte in die Gegenwart, wo die junge und sympathische Lisa (Catriona MacColl) eben jenes Südstaaten-Hotel wieder herrichtet, das sie geerbt hat. Doch kaum haben die Arbeiten begonnen, passieren mysteriöse Ereignisse - ein Handwerker fällt vom Gerüst, einem Klempner wird ein Auge aus dem Kopf gepult, ein Architekt wird von Spinnen zerfressen, ein blindes Mädchen mit Schäferhund taucht auf, um Lisa zu warnen, und schließlich erheben sich in der örtlichen Leichenhalle die Toten. Wie es scheint, beherbergt das Hotel eines der sieben Tore zur Hölle...

Die Anspielungen Fulcis reichen von den alten Universal-Gruselklassikern wie "Frankenstein" (1931) bis zu Argentos "Suspiria" (1977) und "Inferno" (1980), in dem ebenfalls düstere Gemäuer die Herbergen teuflischer Mächte darstellen und ein Buch den Schlüssel zu einem der vielen Geheimnisse bereit hält.
Während Argentos Werke trotz ähnlicher Handlungsfreiheit stets gelobt und bewundert wurden, ereilte Fulci bei gleichem Verzicht auf lineare Erzählweise Spott und Verachtung - wenngleich nicht in Fankreisen, wo sein Film schnell Kultstatus errang. Amerikanische Kritiker wie Roger Ebert verdammen heute noch THE BEYOND als bloße Aneinanderreihung willkürlicher Splatterszenen, während europäische Cineasten und Horror-Aficionados Fulcis Mut bewundern, sich von allen Vereinbarungen des klassischen Erzählkinos zu verabschieden und einen - wie er selbst sagte - "absoluten Film" zu kreieren, der nicht von Geschichte oder Charakteren, sondern von Bildern, Farben, Tönen und einzelnen Sequenzen lebt, die eine ganz eigene Welt erschaffen. Tatsächlich kann man THE BEYOND komplett ohne Ton sehen und versteht dennoch den gesamten Film.

THE BEYOND ist ein harter, stellenweise fast unerträglich grausamer Film, keine Frage, aber wie schon im "Glockenseil" nutzt Fulci jede Möglichkeit zur Abstraktion und geht in den Splatterszenen dermaßen over the top, dass man keinen Bezug zu realer Gewalt mehr herstellen kann. Das Lachen über manche Unzulänglichkeit - etwa die Taranteln aus Pfeifenreinigern, die ein menschliches Gesicht verspeisen, das mittlerweile berühmte Schild "Do Not Entry" oder die Szene, in der Hauptdarsteller David Warbeck im Krankenhaus-Fahrstuhl seine Waffe nachlädt, in dem er eine Kugel in den Lauf drückt - vergeht angesichts der vielen grandiosen Szenarien, wie die Begegnung mit der blinden Emily (Sarah Keller) auf einsamer Landstraße oder die beängstigende Auflösung im Land der Toten.

Nichts, was in THE BEYOND geschieht, ist den Gesetzen von Natur oder Logik unterworfen. Emily und ihr Hund verschwinden im Nebel und tauchen gleich wieder auf, um erneut in derselben Einstellung zu verschwinden. Sounds werden bis zur Unkenntlichkeit verzerrt und/oder überhöht, Menschen lösen sich nach Säureattacken in farbenfrohe Aquarelle auf, Augen sind das primäre Ziel der Untoten (ebenso wie Fulcis auf die des Zuschauers). Der Film suhlt sich förmlich in Bildern von Tod, Verwesung, Übergang, Blut und Exkrementen. Schön sind Fulcis Bilder nie, aber man bekommt sie nur schwer aus dem Gedächtnis. Dabei ist THE BEYOND - wie sein Vorgänger - kein deprimierend grimmiges Werk, sondern auf mehreren Ebenen höchst unterhaltsames Exploitation-Kino mit ungebremster Lust an Sensationsmacherei.

So unglaublich die Regie-Einfälle sind, man sollte nie das geniale Buch von Dardano Sacchetti, die Musik von Fabio Frizzi und die exzellenten Darsteller Warbeck und MacColl vergessen, die dem Ganzen erst die Klasse verleihen, und allen voran natürlich der überragende Makeup-Künstler Gianetto de Rossi. THE BEYOND und Fulci sind der Beweis für die Albernheit der populären Auteur-Theorie, die dem Regisseur die volle Verantwortung für seine Filme zuschreibt. Nicht umsonst sind viele von Fulcis früheren und späteren Werken so unansehbar und misslungen, weil er eben nicht auf die Kraft seiner talentierten Mitarbeiter zurückgreifen konnte.

THE BEYOND gehört zu den wichtigsten Filmen des italienischen Horrorkinos. Umso bedauerlicher, dass er bis heute hierzulande beschlagnahmt ist (Finger weg von den gekürzten Fassungen!). Viele spätere Regisseure nannten THE BEYOND als Inspirationsquelle - so gehört er zu den Lieblingsfilmen Quentin Tarantinos, der ihn Mitte der 90er mit seinem "Rolling Thunder"-Label erneut in die Kinos brachte, um ihm einem neuen, jungen Publikum zugänglich zu machen. Seit seinem ersten Erscheinen wird THE BEYOND belächelt, verfolgt und verehrt, aber im Gegensatz zu seinem Schöpfer wird er unsterblich bleiben.

P.S. Wer sich einen ganz besonderen Leckerbissen gönnen will, sollte sich den DVD-Audiokommentar der Darsteller Warbeck und MacColl anhören, die gut eingespielt, fröhlich gelaunt und mitreißend komisch sind, ganz besonders, wenn Warbeck seine Partnerin dazu bringt, sich die heftigeren Stellen anzuschauen. Für den missverstandenen Fulci haben sie tolle Anekdoten und jede Menge echter Herzenswärme auf Lager. Das ist Lichtjahre entfernt von den brechreizerregenden "Team"-Kommentaren aktueller Produktionen, in denen sich pausenlos selbst gelobt wird.

10/10

Im Reich der Toten -
David Warbeck und Catriona MacColl in "The Beyond"

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