Donnerstag, 31. März 2011

Rückenwind (2009)

Ein "experimenteller erotischer Essay" sollte RÜCKENWIND nach eigenen Angaben von Regisseur Jan Krüger werden, entwickelte sich aber doch zum Spielfilm, der mit knapp 75 Minuten immer noch sehr kurz geraten ist. Man könnte RÜCKENWIND auch "Hänsel & Hänsel" nennen, denn hier wie dort verirren sich zwei junge Menschen im Wald und geraten an ein Haus, das zum schicksalhaften Wendepunkt ihres Lebens wird.

Johann (Sebastian Schlecht) und Robin (Eric Golub) sind ein hübsches Paar, das seit zwei Monaten zusammen ist. Gemeinsam unternehmen sie einen Campingausflug per Fahrrad durch die Brandenburgische Natur, einfach so, ohne Ziel. Sie küssen sich auf Autobahnbrücken, spielen nächtliche Machtspiele im Wald, bald darauf sind die Fahrräder verschwunden. Die Jungs stehlen Sandwichs von Ausflüglern, verirren sich immer mehr in den Wäldern und landen schließlich auf dem heruntergekommenen Hof von Grit (Iris Minich) und ihrem Sohn Henri (Dennis Alevi). Es entstehen erotische Spannungen. Johann isst von ein paar wilden Graubeeren und beginnt zu halluzinieren, sieht Robin mit Henri flirten, mit Grit auch. Was ist wahr, was Einbildung? Eine von Grit erzählte Geschichte lässt ihn nicht mehr los, die Legende von einem im Wald verschwundenen Adelsspross, dessen Vater Fallen aufstellen ließ, um den Sohn zu finden. Johann verlässt mit Robin den Hof, um so eine Falle zu bauen, doch er selbst ist es, der in dieser Falle landet. Oder was ist wirklich passiert?

So unklar vieles in RÜCKENWIND ist, eins ist sicher - der Film dürfte jeden Zuschauer, der eine "runde" Geschichte erwartet, schnell ins Land der Träume schicken. Er ist extrem langsam erzählt, gesprochen wird (zunächst) kaum, die Charaktere bleiben fragmentarisch und unnahbar. 'Arthousiger' als RÜCKENWIND geht es kaum.

Doch es steckt eine Menge drin in dieser mysteriösen Filmerzählung, der man die ursprünglich geplante Kurzgeschichte deutlich anmerkt. Da wäre zum Beispiel die Beziehung von Johann und Robin mit zunächst klar verteilten Rollen, die sich immer mehr ins Gegenteil verkehren. So wird Robin als Abenteurer-Typ eingeführt, der vielleicht absichtlich vergessen hat, die Zeltstangen einzupacken, dem die verschwundenen Fahrräder nicht sonderlich viel ausmachen, und der sich schnell auf neue Kontakte einlässt, während Johann durch Vernunft seine Unsicherheit auszugleichen versucht. Vieles macht ihm Angst, ganz besonders der drohende Verlust von Robin, den er nach dem Verzehr der giftigen Beeren in mehreren Liebesverrats-Szenarien wähnt. Ihr S/M-lastiger Sex im Wald, bei dem Johann gefesselt auf dem Rücken liegt, gehört auch in dieses Bild. Später bemüht sich Johann zu sagen, dass Robin beim Sex "unten liegt", und wenn er gegen Ende allein den Hof verlassen will, zeigt er eine Stärke, die er bislang nicht hatte, nur um sich darauf in der Falle wiederzufinden, allein und verlassen. Aber befreit?

Diese Beziehungsanalyse findet sich auch in der erzählerischen Klammer von RÜCKENWIND, in der Johann per Voice-Over eine Parabel von "Fuchs und Hase" schildert, und die Frage, wer von beiden der Fuchs, und wer der Hase ist, hält den Film zusammen (wenn man möchte). Zusätzlich sorgt die Geschichte aus dem Mittelalter, von der Johann fasziniert ist, für eine weitere, mystische Komponente, die den Film im Schlussteil fast (!) ins Horrorgenre überwechseln lässt. Elemente aus "Blair Witch Project" und Ozons "Criminal Lovers" (1999) finden sich zudem in RÜCKENWIND.

Was uns letztlich Jan Krüger mit RÜCKENWIND sagen will, behält er für sich, und besonders das verschlüsselte Ende kann schon sehr frustrieren. Nichts gegen offene Enden im Arthouse-Kino, aber dieses grenzt schon an Provokation. Nichtsdestotrotz, wer Spaß am Entschlüsseln hat, wird lange über die letzten zehn Minuten nachgrübeln können, und das ist mehr als ich über viele andere Filme sagen kann.

Die beiden Hauptdarsteller sind hübsch anzuschauen und agieren äußerst authentisch. Lediglich der von Sebastian Schlecht gesprochene Voice-Over wirkt zu fade und laienhaft, da wünscht man sich eine trainiertere Stimme. Beide zeigen keine Scheu vor Nacktheit und dürfen mehrfach in Gewässern planschen und sich von der Sonne trocknen lassen. Interessanterweise schreckt Regisseur Krüger bei den Sexszenen zurück und bebildert sie anhand von Naturaufnahmen, die für sich genommen beeindruckend schön und poetisch sind, in der Vielzahl aber irgendwann beliebig wirken. Erotisch ist RÜCKENWIND trotzdem, und man wünscht sich, dass Krüger mehr aus der Dreieckskonstellation Johann/Robin/Henri machen würde.

Die realistische Stimmung des Waldausflugs wird von Kamera, Schnitt und Ton großartig eingefangen, vom Knacken im Unterholz bis zum Rauschen des Windes in Baumkronen. Die Musik der Electro-Band 'Tarwater' unterstützt den Film hervorragend. Selten war die Natur Brandenburgs eine so greifbare, fühlbare Kulisse (und mehr als das).

Mehrere Kritiker zeigten sich nach Krügers Erstling "Unterwegs" (2004), der ebenfalls eine Reise mit erotischer Verwirrung und ungewissem Ausgang erzählt, enttäuscht von den Versuchen, die experimentelle Zustandsbeschreibung in RÜCKENWIND mit dramaturgischen Mitteln wie der Parabel und den Ansätzen des Liebesdramas und sogar Thrillers zu kombinieren. Für mich liegt hier der Reiz des Films, der ohne diese Mittel sicher auch eine sehenswerte Odyssee ins Nirgendwo hätte werden können, so aber immer wieder neue Türen öffnet.
Ob das insgesamt alles stimmig ist, das muss nur Jan Krüger entscheiden und kein Kritiker. Wer sich auf die Langsamkeit des Films, die Naturbilder sowie das subtile Spannungsgeflecht zwischen den Figuren einlässt, dem kann ich RÜCKENWIND sehr empfehlen, der im Rückblick noch besser wirkt als beim ersten Sehen. Sehr viele Freunde wird er wegen der inhaltlichen Fragezeichen aber nicht gewinnen.

Zuletzt möhte ich erwähnen, dass die schwule Beziehung von Robin und Johann als vollkommen selbstverständlich behandelt wird, sowohl vom Film als auch von den Nebenfiguren. Was sich innerhalb dieser Beziehung abspielt, und woraus der Film seine Spannung bezieht, hat nichts mit der Homosexualität an sich zu tun. So sollte schwules Kino aussehen, danke dafür, Herr Krüger!

08/10

Hänsel (Johann) & Hänsel (Robin) - "Rückenwind"

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