Montag, 21. März 2011

The Perfume of the Lady in Black (1974)

Nicht alles, was wie ein Giallo aussieht, ist auch einer.
THE PERFUME OF THE LADY IN BLACK (Il Profumo Della Signora in Nero) vereint zwar viele der typischen Elemente des Genres (minus schwarzer Handschuhe und Morde), doch ist seine Geschichte viel mehr psychologischer Horror als Murder Mystery. Und dazu ist er zweifellos einer der besten italienischen Horrorfilme überhaupt.

Wenn THE PERFUME besprochen wird - was relativ selten passiert, da der Film bis heute außerhalb Italiens vollkommen unbekannt ist und auch in Deutschland nie zu sehen war - fällt meistens Polanskis "Ekel" (1964) als Vorbild. Man könnte auch noch Hitchcocks "Marnie" (1964) hinzufügen. Hier wie dort durchlebt unsere weibliche Protagonistin aufgrund eines Kindheits-Traumas eine wahre Hölle in der Gegenwart. Anders als in den Vorgängern aber, die klar als Psychodramen angelegt sind, hält sich in THE PERFUME die Frage, ob unsere Hauptfigur nach und nach den Verstand verliert, oder ob finstere Machenschaften sie dazu zwingen wollen.

Sie, das ist in diesem Fall Mimsy Farmer, bekannt aus Argentos "Vier Fliegen auf grauem Samt" (1971) und anderen Genrebeiträgen, die in THE PERFUME eine fantastische Leistung abliefert und den Film mühelos alleine trägt. Ebenso wie Catherine Deneuve in "Ekel" wirkt sie ebenso verängstigt ob der seltsamen Vorgänge wie gleichzeitig sonderbar entrückt und schlafwandlerisch. Sie spielt eine Wissenschaftlerin namens Silvia, deren Leben eigentlich perfekt sein sollte, bis sie eines Tages eine fremde Frau im Spiegel sieht, die daraufhin verschwunden ist. Ihre älteren Nachbarn verhalten sich freundlich, aber irgendwie merkwürdig, ein kleines blondes Mädchen kommt zu Besuch, das sich als Silvias Kindheits-Ich herausstellt und von niemandem außer Silvia wahrgenommen wird. Silvias Bekannte hingegen sprechen plötzlich auffallend oft von Voodoo und Menschenopfern. Ein Geschäft, in dem Silvia eine Vase kauft, ist am nächsten Tag ebenfalls nicht mehr da. Und warum hat der alte Nachbar Blut am Schuh?

Der Ursprung von Silvias Qualen liegt - wie so oft - in der Kindheit begraben. Offenbar war Silvias Vater oft unterwegs, und ihre Mutter hat sich mit anderen Männern vergnügt. Die kleine Silvia hat (à la "Marnie") damals ihre Mutter mit einem Fremden beim Akt beobachtet, was sich tief in Silvias Unterbewusstsein festgesetzt hat. So wird sie in einer beängstigenden Szene von eben jenem Lover der Mutter überfallen und beinahe vergewaltigt. Ihre sexuelle Störung, verbunden mit dem tragischen Tod der Mutter, die sie in ihren Tagträumen als schwarzgekleidete Frau sieht (daher der Titel) führen zu Silvias Abgleiten in Hysterie und Wahnsinn.
Der letzte Akt des Films jedoch nimmt eine so unvorhersehbare Wendung, dass dem Zuschauer, der sich längst an die somnambule Atmosphäre des Films gewöhnt hat, Hören und Sehen vergeht. Aber nicht nur kommt das Finale erschreckend und unerwartet, es macht beim zweiten Sehen auch noch Sinn, weil in Dialogen mehrfach darauf hingewiesen wird - Schlüssel, die man beim ersten Sehen unmöglich deuten kann.

Regisseur Francesco Barilli hat mit THE PERFUME OF THE LADY IN BLACK einen beeindruckenden Film geschaffen, der sich reichlich bei anderen Werken bedient und trotzdem vollkommen eigenständig wirkt. Die erlesene Fotografie von Kameramann Mario Masini mit den sonnendurchfluteten Bildern erinnert oft an alte Gemälde und ist einfach wundervoll anzuschauen. Dazu sorgt die Musik von Nicola Piovani für ebenso lyrische Momente wie Gänsehaut-Grusel. Das Tempo des Films ist sehr langsam und dürfte auf ein modernes Publikum einschläfernd wirken, aber wer sich auf die bizarre Geschichte einlässt, wird seine helle Freude haben - und noch lange nach dem Abspann über die Geschehnisse und die grimmige Auflösung nachdenken.
THE PERFUME ist - im Gegensatz zu vielen Giallo-Vertretern seiner Zeit - kein Modeprodukt für den schnellen Konsum, sondern ein Werk für die Ewigkeit. Zu schade, dass er nie über die Landesgrenzen hinaus bekannt und gewürdigt wurde. In Italien war er seinerzeit ein großer Erfolg und hat klar die Meister des italienischen Horrorfilms beeinflusst, sowohl Argento als auch Bava, der in seinem letzten Film "Shock" (1977) Elemente aus THE PERFUME verwendete.

Dank DVD-Zeitalter kann THE PERFUME endlich auch angemessen bewundert werden. Die italienische DVD zeigt den Film ist perfekter Bildqualität und satten Farben (Sprache wahlweise Italienisch oder Englisch), sie bietet dazu ein ausführliches Interview mit Regisseur Barilli, der nicht viele Filme in seinem Leben gemacht hat, aber diesen mit besonders viel Hingabe. Für Freunde des italienischen Kinos der 70er ist THE PERFUME unverzichtbar.

09/10

Begegnung mit dem eigenen Ich - Mimsy Farmer in "The Perfume of the Lady in Black"

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