Mittwoch, 16. März 2011

Labyrinth des Schreckens (1975)

Regisseur Umberto Lenzi gehört zu den profilierteren, nicht aber zu den besten italienischen Genre-Regisseuren der 70er und 80er. Hauptsächlich berühmt (soll heißen: berüchtigt) ist er wegen seiner extremen Kannibalen-Filme, aber auch im Giallo-Bereich hat er ein paar interessante Streifen abgeliefert.
LABYRINTH DES SCHRECKENS / EYEBALL (Gatti Rossi in un Labirinto di Vetro) ist ein schwächerer Beitrag in einem ohnehin sehr geschmacksabhängigen Genre und objektiv sicher kein guter Film, für den Giallo-Freund bietet er aber ausreichende Unterhaltung.

Von den roten Katzen, die im Originaltitel durchs Labyrinth laufen, findet sich zwar weit und breit keine Spur, dafür erzählt EYEBALL von einer Gruppe amerikanischer Touristen, die per Bus durch Barcelona reisen. Gleichzeitig metzelt ein unheimlicher Killer junge Frauen aus der Gruppe nieder und entfernt seinen Opfern das linke Auge. Verdächtig sind sämtliche Teilnehmer der Reisegruppe, zu denen u.a. ein Priester, ein lesbisches Pärchen, ein Hinterwäldler mit inzestuösen Neigungen und Hauptdarsteller John Richardson gehören, dessen Ehefrau sich gerade in einer Nervenheilanstalt befinden soll, die sich aber vielleicht doch ganz in seiner Nähe befindet. Und lag sie nicht vor einiger Zeit bewusstlos am Pool neben der Leiche einer Konkurrentin, mit einem blutigen Dolch in der Hand...?

Fragen über Fragen in einem Film, dessen dramaturgischer Aufbau eher holprig daherkommt. Umberto Lenzi besitzt zwar das Talent für ordentliche Set Pieces, aber einen durchgehend spannenden Thriller kann er nicht inszenieren. In den Dialogpassagen hängt EYEBALL regelmäßig durch, ganz besonders, wenn der schnarchige Ermittler (der seine letzte Dienstwoche vor der Pensionierung absolviert) mit seinem jungen Nachfolger auf der Bildfläche erscheint. Weder ermitteln die beiden etwas bemerkenswertes, noch lösen sie den Fall, sorgen aber für einen ungewollten Riesen-Lacher am Ende, wenn der Alte sein Patschehändchen auf die Schulter des Novizen legt und ihm mit todernster Miene erklärt: "Jetzt bist du dran, Sohn!"

Überhaupt sollte man sich EYEBALL nicht wegen differenzierter Darstellungen oder einer logisch schlüssigen Handlung anschauen, schon eher wegen der vielen Trash-Elemente. So darf das lesbische Pärchen natürlich nicht fehlen, und fast alle Damen müssen kurz ihre Blusen ablegen. Da ich kürzlich die pubertäre Machart des aktuellen "Piranha 3-D" (2010) kritisiert habe, muss ich an dieser Stelle sagen, dass der italienische Giallo oft auf dem selben Level arbeitet und seinem Publikum nur zu gern Sex und Gewalt anbietet, Story und Glaubwürdigkeit aber auf der Strecke bleiben. Trotzdem, diese 70er-Modeprodukte besitzen einen eigenwilligen, bizarren Charme, und sie haben sich eine gewisse Naivität bewahrt. Deswegen wirken sie auf mich durch die Bank sympathischer.

Dass Lenzi kein Argento ist, merkt man übrigens überdeutlich in einer Sequenz, die förmlich nach einem Horror-Höhepunkt schreit (der Mord in der Geisterbahn), aber dann überraschend unspektakulär in Szene gesetzt wird. Dass Dario Argento wiederum seine Konkurrenten genau studiert hat, sieht man an der Tatsache, dass er sich für seinen späteren Giallo "Tenebrae" (1982) den Teil mit der irren und vielleicht oder vielleicht auch nicht abwesenden Ehefrau ausgeborgt hat. Hier weist das Drehbuch dann auch die größte Schwäche auf, denn das für den Giallo typische, fehlende Detail, an das sich unser Protagonist im Zusammenhang mit einem früheren Mordfall nicht erinnern kann (bzw. ist es vielmehr ein Puzzleteil, das nicht stimmt), ist geradezu lächerlich unrealistisch - zu viel möchte ich an dieser Stelle nicht verraten, nur so viel: Eheleute sollten sich eigentlich besser kennen!

EYEBALL ist nicht über Gebühr blutrünstig, der Killer trägt zur Abwechslung keine schwarzen, sondern rote Handschuhe (und ein rotes Regencape à la "Wenn die Gondeln Trauer tragen", 1973), anatomische Details werden zwecks Schockeffekt gern übersehen, und die Auflösung der Mordserie, bzw. die Motivation des Täters kommt entsprechend hanebüchen daher, so wie man es im Giallo liebt.
Neben den gut eingefangenen, sommerlichen Barcelona-Locations kann vor allem Bruno Nicolais Musik überzeugen, die im Grunde nur ein Hauptthema anbietet, welches immer wieder variiert wird und bei einigen Zuschauern zu Ohrenbluten führen kann, mich aber begeistert. Das Finale in einer alten Burg ist ebenfalls sehenswert - man bekommt schließlich nicht jeden Tag einen Killer vorgesetzt, der versucht, sich ein frisch entferntes Auge in den eigenen Schädel einzusetzen.

Fazit: Für Giallo-Fans und Komplettisten ein Muss, ansonsten zu vernachlässigen. Lenzis "Das Rätsel des silbernen Halbmonds" (1972) ist mir persönlich lieber, sein bester Film ist überhaupt der Zombie-Action-Knaller "Großangriff der Zombies" (1980), zu dem wir noch kommen.

06/10

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