Mittwoch, 2. März 2011

The Girl Who Knew Too Much (1963)

Mario Bavas früher Schwarzweiß-Thriller THE GIRL WHO KNEW TOO MUCH (La ragazza che sapeva troppo) wird oft als Geburtsstunde des Giallo bezeichnet.
Als Hitchcock-Hommage angelegt, beinhaltet der Film viele Elemente, die später zu Markenzeichen des Giallo werden sollten, ist aber in der Gewaltdarstellung sehr zurückhaltend und wird in ironischem Ton erzählt.

Worum geht es?
Die junge Amerikanerin Nora Davis (Leticia Roman) hat es nicht leicht. Gerade in Rom angekommen, werden ihr auf dem Flughafen Drogen untergejubelt, dann stirbt in der selben Nacht noch ihre alte Tante, bei der sie unterkommen wollte, an einem Herzinfarkt. Als sie nachts Hilfe holen möchte, wird sie beraubt und niedergeschlagen. Wieder bei Sinnen, wankt sie weiter und wird Zeugin eines Mordes. Natürlich glaubt ihr niemand, denn eine Leiche ist bei Tageslicht nicht mehr zu entdecken, außerdem war Nora benommen, als sie den Mord beobachtete. Bald schon glaubt sie selber an eine Halluzination. Dann aber merkt sie, dass der Täter es jetzt auf sie abgesehen hat. Der tötet nämlich nach dem Alphabet und hat die Opfer A-C schon durch, da kommt ihm die junge Nora Davis gerade recht...

Herausragend gelungen ist wie immer die Kameraarbeit, die an Bavas Klassiker "Die Stunde, wenn Dracula kommt" (1960) erinnert und einige dramaturgische Schwächen ausgleicht. Die ersten zwanzig Minuten des Films sind hervorragend inszeniert, mit vielen kunstvollen Licht- und Schattenspielen und Anleihen beim Horrorfilm. Der starke Ablauf der bizarren Ereignisse sorgt für Dauerspannung und Nervenkitzel. Die tote Tante ist ebenso makaber in Szene gesetzt wie Bava es später in "Die drei Gesichter der Furcht" (1963) wiederholen sollte, wo der Anblick eines toten Hausherrin die diebische Angestellte in den Wahnsinn treibt.

Diese gnadenlose Intensität kann leider nicht gehalten werden, da sich nach diesem Auftakt eine Liebesgeschichte zwischen Leticia Roman und John Saxon anbahnt, welche die Handlung aufhält. Dazu wird THE GIRL WHO KNEW TOO MUCH deutlich verspielter und humorvoller, weswegen er in manchen Nachschlagewerken sogar als Komödie geführt wird. So ertönt plötzlich ein Voice-Over im Agatha Christie-Stil, es wird herumgealbert, und die Recherche nach dem sogenannten "Alphabet"-Killer weist einige Längen auf.

Nichtsdestotrotz setzt Mario Bava immer wieder Glanzlichter, etwa, wenn Leticia Roman sich nachts in ihrer neuen Behausung fürchtet, unheimliche Schatten an den Fenstern auftauchen und sie die gesamte Wohnung mit Fallen ausstattet. Da hat sich Wes Craven einiges für seinen späteren "Nightmare on Elm Street" (1984) abgeschaut. Auch das Auffinden der Leiche eines ehemaligen Polizisten, der Leticia Roman bei der Auflärung hilft, ist stark inszeniert, ebenso das Finale, in dem sich der (irre) Mörder als jemand herausstellt, mit dem der Zuschauer niemals gerechnet hätte.

Neben den Schwächen in der Story aber kann Bavas Thriller sehr gut unterhalten und war äußerst einflussreich. Vieles im Film erinnert an spätere Schocker von Dario Argento, der von Bava gelernt hat. So spielte John Saxon 20 Jahre später in Argentos "Tenebre" (1982) eine wichtige Rolle, und die Auflösung des Falles ähnelt nicht zufällig der aus Argentos "Deep Red" (1975). Die Mordzeugin, die sich an ein bestimmtes Detail nicht mehr erinnern kann, wurde zum Standard des Giallo, ebenso das "Haus des Mörders", in dem sich Zeitungsausschnitte früherer Taten befinden. Insofern trägt THE GIRL WHO KNEW TOO MUCH seinen Ruf als Begründer des Genres zu Recht.

Für Bava-Fans ist THE GIRL WHO KNEW TOO MUCH Pflichtprogramm. Die leichten Defizite werden durch die hervorragende Kameraarbeit und einige packende Set Pieces mehr als wett gemacht.

07/10

Dem Mörder auf der Spur -
Leticia Roman ist das "Girl Who Knew Too Much"

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