Dienstag, 1. Februar 2011

Wer den Wind sät (1960)

In einer konservativen Kleinstadt in Tennessee wird ein junger Lehrer verhaftet und vor Gericht gestellt, weil er seinen Schülern Darwins Evolutionstheorien im Biologieunterricht erläuterte, was gegen das herrschende Gesetz verstößt. Der Vorgang erregt das nationale Interesse. Der bibelfeste Fanatiker und ehemalige Präsidentschaftskandidat Grady (Fredric March) tritt mit der gesamten Gemeinde im Rücken als Ankläger auf. Der zynische Reporter Hornbeck (Gene Kelly) bringt den angesehenen Verteidiger Drummond (Spencer Tracy) nach Tennessee, wo der sogenannte "Affenprozess" seinen Lauf nimmt. Vor Gericht kommt es zu dramatischen Rededuellen der beiden Kontrahenten, während die Nation mitfiebert...

Stanley Kramer, das "Gewissen Hollywoods", inszenierte WER DEN WIND SÄT (Inherit The Wind) nach einem Bühnenstück, das wiederum auf einem wahren Prozess basiert, der 1925 stattgefunden hat. So ist der Film in erster Linie ein auf wenige Schauplätze beschränktes Gerichtsdrama und Schauspielerfilm erster Güte, auch wenn Kramer bei den Außenaufnahmen für einigen Aufwand sorgt und damit die Enge des Theaterstücks immer wieder aufbricht. Dabei zeigen Spencer Tracy und ein - von Kostüm und Maske hinreißend verunstalteter - Fredric March geradezu atemberaubende Leistungen als ewig fluchender Verteidiger aus der Großstadt und sein verfressener, redenschwingender Gegenspieler, der Gott persönlich auf seiner Seite wähnt. Auch die Nebenrollen sind - mit Ausnahme des Ortspfarrers Claude Akins, der etwas steif und künstlich wirkt - glänzend besetzt. Als giftspritzender Journalist weiß Gene Kelly auch ohne Tanzeinlagen zu überzeugen.

Gleich mehrere wichtige Themen werden hier aufgegriffen und verarbeitet - die Verteidigung der Meinungsfreiheit, Wissenschaft gegen religiösen Fanatismus, Fortschritt gegen Stillstand, Jugend gegen Alter und liberale Aufklärung gegen Konservativismus. Die persönliche Freiheit des Menschen und dessen Recht, zu denken, stehen in Tennessee vor Gericht. Anders als in seinem todernsten Drama "Das Urteil von Nürnberg" (1965) aber inszeniert Stanley Kramer WER DEN WIND SÄT mit viel Humor und satirischem Blick. Der Film vertritt eindeutig die Position Spencer Tracys und lässt dem selbstgefälligen Ankläger March nichts durchgehen. Er (über)zeichnet March als lächerliche Witzfigur, die ausgerechnet an einer biblischen Todsünde, der Völlerei, zugrunde geht. Die Unterschiedlichkeit der beiden Charaktere wird von Kramer durchgehend bebildert, sei es durch verschiedene Hosenträger oder asynchron schwingende Schaukelstühle, auf denen sie sitzen.

Die Tatsache, dass es in den USA heute noch Bestrebungen gibt, Darwins Theorien abzulehnen und zu verbieten, macht den Film erschreckend aktuell. Wo Dummheit und Scheuklappen regieren, ist die Lynchjustiz nicht weit, und die "braven Gläubigen", die doch angeblich nur Frieden und Liebe unter den Menschen wollen, sind als erste dabei, wenn es darum geht, jemanden zum Teufel zu jagen oder Ungläubigen Gewalt anzutun.

So gehört WER DEN WIND SÄT zu den großen, wichtigen Gerichtsdramen Hollywoods. Leichte Zugeständnisse an die Zeit (Tracy muss sich am Ende selbst als durchaus gläubig - wenngleich aufgeklärt - präsentieren und dem Zyniker Kelly eine Moralpredigt halten, obwohl dieser zweifellos als Sprachrohr der Autoren fungiert) dürfen getrost ignoriert werden beim Genuss dieses in jeder Beziehung hervorragenden Films.

09/10

Kommentare:

  1. Hi Mathias, ja - das ist auch einer meiner Lieblingsgerichtsfilme. LG Ray

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  2. Hi Ray, meiner auch, nach "Zeugin der Anklage" (immer noch der beste), "Urteil von Nürnberg" und den "12 Geschworenen". Das Sub-Genre hat schon tolle Filme hervorgebracht. Liebe Grüße!

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