Mittwoch, 2. Februar 2011

Strapped (2010)

Eine echte Überraschung im Genre des schwulen Films ist STRAPPED (Strapped), eine Mischung aus Selbstfindungsdrama und David Lynch. Obwohl es Stricherdramen wie den berühmten Sand am Meer gibt, gelingt STRAPPED eine neue Sichtweise auf die altbekannte Geschichte.

Ein junger, namenloser Stricher (Ben Bonenfant) verlässt nach einem Hausbesuch das Apartment seines letzten Freiers und sucht den Ausgang aus dem düsteren Gebäude, findet ihn aber nicht. Die Flure enden stets in Sackgassen oder führen ihn zu weiteren Fluren ins Nirgendwo. Er begegnet anderen Bewohnern des Hauses, die alle etwas von ihm wollen - schnellen Sex, Liebe, einen Striptease, Trost, Erinnerungen. Für jeden spielt er eine andere Rolle, aber damit verirrt er sich nur tiefer in einem Labyrinth, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint...

Zugegeben, der Verweis auf Lynch ist etwas bemüht, denn im Gegensatz zu dessen Mysterien ist STRAPPED relativ leicht zu entschlüsseln. Worum es hier geht, ist ein Identitätsproblem. Unser junger Held weiß nicht, wer oder was er ist, er weiß nicht einmal, dass er auf der Suche ist. Bei richtiger Bezahlung ist er für alles zu haben und stellt sich jedes Mal komplett auf sein Gegenüber ein. Er ist ein wandelndes Chamäleon, ähnlich Woody Allens "Zelig" (1983). Mal agiert er schrill-tuntig, dann wieder abweisend und machohaft, je nachdem, wie es die Situation verlangt.
"Dieses Haus ist wie ein Labyrinth oder Irrgarten", sagt er zu einem älteren Hausbewohner (Paul Gerrior), der sich um ihn kümmert. Dieser antwortet, dass ein Irrgarten eine Falle sei, das Labyrinth aber führe immer irgendwo hin.

So führt die Geschichte unseren Protagonisten schließlich zum ersten Schritt der Selbsterkenntnis. Und auch wenn die schlussendliche Lektion relativ schlicht mit "Stricher brauchen Liebe, um aus ihrem selbstgebauten Gefängnis zu entkommen" zusammenzufassen ist, bleibt STRAPPED ein intelligenter Film mit theaterhaften Dialogen, in denen viel Wahrheit steckt. Die episodenhafte Struktur ist vielleicht nicht jedermanns Sache, entwickelt aber eine soghafte Spannung.

Hauptdarsteller Ben Bonenfant darf man als echte Entdeckung bezeichnen. Nicht nur (das muss einfach gesagt werden) sieht er unglaublich gut aus, er spielt auch seine charakterlichen Verwandlungen überzeugend, ohne jede Übertreibung. Schwule Stricher gab es in diesem Genre mehr, als man zählen kann, aber selten waren sie über Äußerlichkeiten hinaus so interessant und komplex wie Bonenfants Figur. Er entgeht jedem Klischee, und als Zuschauer fühlt man mit. "You are so beautiful" wird ihm immer wieder gesagt. Seine Schönheit (und Jugend) bedeutet Versprechen, Versuchung und Gefahr. Kontrolliert er anfangs jede Begegnung, findet er sich später in einer Situation, in der er emotional hilflos ist. Spätestens an dieser Stelle ist man ganz bei ihm und hofft, dass er seinen Weg findet. Das Kostümbild steckt ihn in eine rote Kapuzenjacke und macht ihn so im wahrsten Sinne zum 'Rotkäppchen', das immer wieder vom Weg abkommt und gleich mehreren Wölfen begegnet.

Regisseur Joseph Graham filmt das Geschehen in düsteren, ausgefallenen Bildern und bleibt dicht an unserem Helden. Stille und Abgeschlossenheit des Gebäudes (der Film verlässt das Haus nie) mit den flackernden 'EXIT'-Zeichen sorgen für einen surrealen Touch, der die metaphorische Ebene unterstreicht. Die Sets sind originell ausgestattet, die Musikbegleitung perfekt ausgesucht. Von den Nebendarstellern kann insbesondere Paul Gerrior als alternder, vereinsamter schwuler Mann überzeugen, der für unseren Helden zum Wegweiser wird.

STRAPPED gelingt das Kunststück, gleichzeitig artifiziell und berührend zu sein. Er ist trotz seines bedrückenden Settings nie deprimierend, ebenso komisch wie traurig, immer unterhaltsam - und sexy obendrein. Joseph Graham hat - auch dank seines fantastischen Hauptdarstellers - ein wundervolles Selbstfindungsdrama inszeniert, das für mich zu den besten Filmen des Jahres gehört, auch wenn es aufgrund seines Arthouse-Charakters leider nur ein kleines Publikum anspricht.

10/10

Rotkäppchen auf der Suche nach dem richtigen Weg -
Ben Bonenfant in "Strapped"

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