Sonntag, 13. Februar 2011

Scanners - Ihre Gedanken können toten (1981)

SCANNERS war der erste große Kassenerfolg des Kanadiers David Cronenberg, und der Erfolg des Films, der in den USA am Start-Wochenende auf Platz 1 der Kinocharts landete, überraschte selbst den Regisseur. Seine Vorgänger "Shivers" (1975), "Rabid" (1977) und "Die Brut" (1979) waren zwar in Fankreisen äußerst populär, aber keine finanziellen Hits beim Massenpublikum.

Der Inhalt: die Kinder von Frauen, die in den 50er Jahren während der Schwangerschaft ein Beruhigungmittel namens 'Ephemerol' eingenommen haben, sind als sogenannte 'Scanner' auf die Welt gekommen - sie können mit der Kraft ihres Geistes die Gedanken anderer Menschen lesen (=scannen), ihnen den eigenen Willen aufzwingen oder im Ernstfall deren Körper zerstören. Der junge Scanner Cameron Vale (Stephen Lack) wird von dem Konzern Consec aufgegriffen und vom 'Ephemerol'-Erfinder Dr. Paul Ruth (Patrick McGoohan) überzeugt, gegen eine Gruppe gewaltbereiter Scanner vorzugehen, die dem Konzern schaden wollen und vom Scanner Revok (Michael Ironside) angeführt werden. Je näher der gutmütige Vale Revok kommt, desto gefährlicher wird sein Auftrag...

David Cronenberg staunte auch über den Erfolg, weil die Produktion von SCANNERS eine katastrophale Angelegenheit war. Der Film erhielt unerwartet grünes Licht und musste schnellstens realisiert werden, bevor es überhaupt ein fertiges Drehbuch oder Locations gab. Dem fertigen Film merkt man dies nicht an.
SCANNERS ist der publikumsfreundlichste und actionlastigste frühe Cronenberg. Er hält sich nicht lange mit Vorgeschichten auf, sondern springt gleich hinein ins Geschehen, wenn der Herumtreiber Vale in einer Shopping Mall zuerst eine Kundin scannt, um dann vor den Häschern des Consec-Konzerns zu fliehen, von denen er schließlich wie ein Tier mit Betäubungspfeilen 'abgeschossen' wird.
Danach folgt die berühmteste Sequenz des Films, die in den Trailern auf originelle Weise benutzt wurde, und in welcher der "böse" Scanner Michael Ironside bei einer wissenschaftlichen Darbietung im Konzern den Kopf eines Teilnehmers durch Telepathie zum Platzen bringt. Man muss sagen, dass dies nach wie vor der spektakulärste und schönste platzende Kopf der Horrorgeschichte ist, und wer den definitiven "Platzender-Kopf-Film" sucht, der ist bei SCANNERS an der richtigen Adresse.

Bleiben wir kurz bei den Effekten - bis auf den splatternden Kopf gibt es zunächst kaum weitere von Cronenbergs gewohnten Spezialeffekten. Der Regisseur erklärte dazu, wie Menschen durch Pistolenschüsse verwundet und getötet werden, interessiere ihn in Effekte-Hinsicht nicht. So bleibt SCANNERS bis zum großen Finale eher blutleer, aber dort - wenn Vale gegen Revok zum ultimativen Scanner-Fight antritt - schlägt die volle Stunde von Spezialeffekte-Maestro Dick Smith, der mit fantastischen Tricks Augen zerkochen und blutende Geschwüre entstehen lässt, dass man seinen Augen kaum traut.
Der Film schließt mit einer unvorhersehbaren Wendung, die Cronenbergs vielleicht optimistischstes Ende bietet (noch ein Grund für den Erfolg), aber dennoch auf bizarre Weise in das filmische Universum des Regisseurs passt. Das Gefühl eines Happy Ends stellt sich natürlich nicht ein, dazu ist es viel zu grotesk. Man beachte Howard Shores musikalische Anspielung auf "Die Brut" in der letzten Szene, die dem potentiell verwirrten Zuschauer hilft, das Geschehen zu verstehen.

Ansonsten besticht SCANNERS durch jede Menge Action Set-Pieces, eine typisch Cronenbergsche Winter-Atmosphäre, den intelligenten Umgang mit der Story-Prämisse, die sowohl die Gefahren durch Wissenschaft und Pharma-Industrie aufzeigt als auch im Finale mythische Dimensionen erreicht, wenn das Duell Gut gegen Böse noch eine zusätzliche Dimension erhält, die ich an dieser Stelle nicht verraten möchte. Weitere Höhepunkte: das Scannen eines Konzern-Computers durch die Telefonleitung und die Szene im Wartezimmer eines Arztes, in dem Hauptdarstellerin Jennifer O'Neill von einem ungeborenen Baby aus dem Mutterbauch heraus gescannt wird (!) - was für ein Einfall.

Die Dialoge sind wie immer in Cronenbergs Frühwerken funktional bis philosophisch ("I'm one of you", sagt Vale zu einem Scanner-Künstler, der fragend erwidert: "You're one of me?"). Einzige Schwachstelle des Films ist Stephen Lacks blasse Darstellung in der Hauptrolle, die zu keiner Zeit Sympathie erzeugt, obwohl man als Zuschauer auf seiner Seite sein müsste. Möglicherweise ist das beabsichtigt - auch Art Hindle in "Die Brut" und James Woods in "Videodrome" (1983) sind keine Sympathieträger. Diese kreierte Cronenberg erst in "Dead Zone" (1983) und "Die Fliege" (1985). Klasse dagegen sind Patrick McGoohan als Schöpfer der Bestien und Michael Ironside als menschliches Monster.
SCANNERS war so beliebt, dass er mehrere Fortsetzungen erhielt, die allerdings nicht von Cronenberg inszeniert wurden und dem Original nicht das Wasser reichen können.

SCANNERS gilt oft als schwächerer Cronenberg, weil er weitaus oberflächlicher an die Sache geht als seine Vorgänger und Horror, Action, Thriller und Science Fiction munter in einen Topf wirft. Dennoch gehört er für alle Zeiten zu meinen Lieblings-Cronenbergs. Er hat in all den Jahren nichts von seinem Reiz verloren, er ist packend, eiskalt und bedrückend. Howard Shores elektronischer Soundtrack gehört zu seinen besten Werken, und im Kino ist SCANNERS ein wirklich unvergessliches Erlebnis.

10/10


Michael Ironside im finalen Scanner-Duell

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