Freitag, 18. Februar 2011

Die Besessenheit des Joel Delaney (1972)

Der US-Okkultschocker DIE BESESSENHEIT DES JOEL DELANEY (The Possession of Joel Delaney) gehört wohl zu den unbekanntesten Horrorfilmen der 70er. Das verwundert, weil immerhin Hollywoodstar Shirley McaLaine hier ihren ersten und einzigen Auftritt in einem Genrefilm abliefert.

MacLaine spielt die reiche, gelangweilte Manhattan Upperclass-Lady Norah Benson, die mit ihren zwei kleinen Kindern zusammenlebt und zu ihrem hübschen Bruder Joel (Perry King) eine etwas zu enge Beziehung pflegt. Mehr noch als ihre Kinder ist Joel der Mittelpunkt ihres Lebens. Als Joel nicht zu einem geplanten Dinner auftaucht und Norah nur seltsames Stöhnen am Telefon hört, macht sie sich Sorgen, die sich noch verstärken, als ihr Bruder plötzlich spanisch spricht und immer aggressiver wird. Ist Joel womöglich besessen vom Geist eines toten Serienkillers, der mit Vorliebe Frauen köpfte?

In den USA, wo der Film nicht ganz so unbekannt ist wie im Rest der Welt, ist JOEL DELANEY äußerst umstritten. Die einen halten ihn für einen geschmacklosen und rassistischen Billigschocker, andere loben seinen differenzierten Blick auf das Zusammenleben verschiedener Kulturen in New York. Ja, was denn jetzt? Die Antwort ist schwer zu finden, aber ich denke, man kann dem Film zugestehen, dass er sich tatsächlich um den differenzierten Blick bemüht und etwas über städtische Paranoia erzählen will.

So spielt MacLaine eine überraschend unsympathische Figur. Ihre geschiedene Norah ist keine Glamourfrau, sondern eine versnobte und egoistische Zimtzicke, die für niemanden außer ihrer Kinder und Joel etwas empfindet. Sie behandelt die Angestellten wie Leibeigene, und wenn sie zwecks Recherche später das spanische Viertel im East Village aufsucht, fühlt sie sich an jeder Ecke belästigt (ungefähr so wie John Waters es in "Hairspray" persifliert hat). Hier kann man dem Film unterstellen, er spiele mit den Zuschauerängsten vor fremden Kulturen, zumal MacLaines Panik begründet scheint und Regisseur Warris Hussein die Parallelgesellschaft als bedrohlich zeichnet. Gleichzeitig passt MacLaines Verhalten aber perfekt zu ihrer Figur.

Eine weitere anspruchsvolle Facette bietet der Film in der Geschwisterbeziehung Norah/Joel, die stark an Inzucht grenzt - nicht umsonst wird Perry King auf einer Party für MacLaines jüngeren Liebhaber gehalten. Das Fehlen eines Ehemannes und beider Eltern verursacht eine starke Abhängigkeit zwischen den Geschwistern. Je mehr sich Joel in seiner Besessenheit abnabelt, desto größer wird Norahs Angst - nicht nur um seine Gesundheit, sondern ihren eigenen Seelenfrieden.

Interessanterweise wird das Thema 'Besessenheit' hier bereits vor dem großen Erfolg von "Der Exorzist" (1974) aufgearbeitet. Während Warren Husseins JOEL DELANEY aber in der Versenkung verschwand, machte William Friedkins Film die große Kasse und wurde zum Welthit. DIE BESESSENHEIT VON JOEL DELANEY leider unter der faden Regie und einem erzählerischen Schneckentempo, das den Zuschauer häufig zum Drücken der Schnellvorlauftaste auf der Fernbedienung ermuntert. Trotz der ansprechenden Leistungen von MacLaine und Perry King gelingt es dem Film selten, als Horrorfilm wirklich zu packen, dann schon eher als Psychodrama.

Im Finale allerdings, wenn MacLaine und die Kinder sich vor dem psychopathischen Joel im einsamen Strandhaus verstecken, serviert Hussein dann plötzlich einen abgetrennten Kopf im Vorratsschrank und überschreitet ohne Vorwarnung gleich mehrere Geschmackgrenzen. Der durchgeknallte Joel zwingt MacLaines Filmkinder, Hundefutter zu essen und nackt vor ihm zu tanzen, was einen mehr als unangenehmen Beigeschmack hat, da die Kinderdarsteller absolut schutzlos der Kamera ausgesetzt werden. Da wird der eher müde Thriller plötzlich zu "Mondo Brutale" (1972).

DIE BESESSENHEIT DES JOEL DELANEY ist fast unmöglich zu bewerten. Er hat ein paar gute Szenen und mit MacLaine ein schauspielerisches Schwergewicht in der Hauptrolle. Er fängt die New Yorker Locations in bester 70er-Tradition hervorragend ein und vermittelt eine realistische Atmosphäre. Mit strafferem Buch und mehr Tempo hätte er ein klasse Horrorstück abgegeben. So bleibt er irgendwo im Mittelmaß stecken, und die letzten 10 Minuten sind absolut nichts für Zartbesaitete oder Zuschauer, die Political Correctness wichtig nehmen. Ein merkwürdiger Film, aber nicht ohne Schauwerte.

05/10

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