Montag, 7. Februar 2011

Der Fan (1982)

Simone (Désirée Nosbusch) ist anders als andere Mädchen. Oder ist sie genau wie alle Mädchen?  

Simone steckt mitten in der Pubertät und ist verliebt in den Popstar "R" (Bodo Staiger, Frontmann der New Wave-Band "Rheingold", die auch den Soundtrack beisteuert). Simone schwänzt den Unterricht, schreibt Liebesbriefe und wartet vergeblich auf Antwort. Sie träumt von einer romantischen Liebe. Als es den Eltern zu viel wird, haut sie von zu Hause ab und reist nach München, wo "R" in einer TV-Show auftreten soll. Sie trampt und muss sich gegen zudringliche Männer wehren. Als sie "R" vor dem Fernsehstudio begegnet, fällt sie in Ohnmacht. Er nimmt sie mit ins Studio, und danach in seine Wohnung. Er schläft mit ihr und will sie gleich danach wieder verlassen. Ein böser Fehler, denn Pubertierende im Liebestaumel sind zu allem fähig...

DER FAN von Ex-Filmkritiker Eckhart Schmidt sorgte schon vor seinem Erscheinen für enormes Aufsehen im heimischen Blätterwald, da die junge 'Nymphe' Nosbusch (ach, die Deutschen und ihre 'Nymphen', siehe auch Nastassja Kinski) angeblich den Filmstart vor Gericht aufgrund diverser Nacktszenen, für die sie sich schämte, stoppen lassen wollte. Wie sich später herausstellte, wollte sie nur die Verbreitung von Nacktfotos Monate vor dem Start verhindern. So konnten Leser der Zeitschrift 'Cinema' die junge Nosbusch bereits lange vor dem Film von vorne bis hinten begaffen, natürlich mit entsprechender "moralischer Entrüstung" des (Käse-)Blattes.
Als DER FAN dann doch in die Kinos kam, zeigten sich die Kritiker eher hämisch und unbeeindruckt. Der Film hat die Zeit aber überdauert und ist heute ein kleiner Kultfilm, was sowohl an seinen Qualitäten als auch am 80er Zeitgeist liegt, den Schmidt überzeugend einfängt.

Für den oberflächlichen Betrachter dürfte DER FAN dabei eine Geduldsprobe sein. In der ersten halben Stunde passiert auf der Handlungsebene rein gar nichts, hier ist DER FAN reines Psychogramm der Teenagerin Simone, die von Nosbusch mit kleineren Schwächen, aber insgesamt überzeugend gespielt wird, im finalen Akt sogar hervorragend. Simones Leben befindet sich im Stillstand, und so will auch der Film nicht vorankommen, kreist unentwegt um ihre Sehnsucht.

Ein Jahr vor DER FAN kam mit "Der Fanatiker" (1981) die US-Variante in die Kinos, doch wo dieser eher die Thriller-Schiene eines "Dressed to Kill" (1980) bedient geht Eckhart Schmidt den Autorenfilmer-Weg. Was manchen zäh und langweilig vorkommen mag, ist ein außerordentlich gelungenes Psychodrama, das im letzten Akt ins groteske Horrorkino kippt. Der Tötungs- und Verspeisungsakt des Stars durch seinen Fan (die Szenen, wegen denen das Publikum ins Kino kam, und auf die sie lange warten mussten) wird von Schmidt eindringlich inszeniert. Bilder, in denen etwa Nosbusch das Blut vom Küchenboden leckt oder an dem Elektromesser lutscht, sind ebenso reißerisch wie zärtlich, und die Musikuntermalung von "Rheingold" sorgt für ein intensives Filmerlebnis.

Deutsche Exploitation-Filme gibt es nicht allzu viele, so ist es kein Wunder, dass DER FAN von der etablierten Kritik nicht ernst genommen wurde. Ist Schmidts Inszenierung an vielen Stellen überdeutlich ("Wenn du noch mal die Schule schwänzt, schicke ich dich in ein Erziehungsheim!" schreit Papa direkt in die Kamera), so gelingt es ihm doch, alle Untiefen von Starkult und Teenager-Angst auszuloten. In einer bemerkenswerten Einstellung setzt er Starverehrung mit Nazi-Gefolgschaft gleich. Alle Popstars im Film tragen nur Buchstaben als Namen, sind nur Chiffren. "R" tritt in einer Deko mit Schaufensterpuppen auf und ist von ihnen kaum zu unterscheiden. Menschen behandelt er ebenfalls wie Gebrauchsgegenstände. Die Fans sind nicht besser, sie interessieren sich trotz Liebesschwüre nicht für den Menschen hinter dem Kürzel, sondern nur für die Befriedigung ihrer eigenen Sehnsüchte. Am Ende des Films glaubt Simone immer noch, verliebt zu sein.

Nicht zuletzt funktioniert DER FAN auch wunderbar als Zeitreise in die 80er. Der Synthie-Soundtrack von "Rheingold", Kostüme, Frisuren, Buttons, Walkmen, Postämter, elektrische Küchenhelfer und "Auf los geht's los" im Fernsehen, herrlich! Wer sich kurzzeitig daran erinnern möchte, wie's "damals" war, für den ist DER FAN ein wahres Fest.

Ich stehe dazu. Für mich ist DER FAN einer der besten deutschen Filme der 80er. Die Vorbilder sind offensichtlich (es gibt Anspielungen an "Carrie", 1976 und andere Horror-Erfolge), trotzdem geht Schmidt seinen eigenen Weg und erzählt seine grausige Geschichte bis zum bitteren Ende. Und er führt vor, wozu man Kult-Küchengeräte der 80er wie Elektromesser und Moulinette (dreimal drücken!) noch so gebrauchen kann...

Letzte persönliche Bemerkung: die vielen überheblichen/spöttischen Negativbesprechungen des Films in diversen Film- und Horror-Foren gehen absurderweise Hand in Hand mit der konservativen Filmkritik, dabei sollten Horror-Fans eigentlich offener und toleranter sein als der katholische Filmdienst. Da muss man sich nicht wundern, warum es so wenige gute Genrebeiträge aus heimischen Landen gibt, wenn gleichzeitig bis zum Erbrechen reproduzierte US-Konfektionsware bejubelt wird. Schon deswegen vergebe ich für den eigenwilligen FAN...

09/10

Das perfekte Promi-Dinner -
Désirée Nosbusch mit Küchenhelfer in "Der Fan"

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