Donnerstag, 10. Februar 2011

Das Böse (1979)

Auf dem Höhepunkt der Horror-Welle Ende der 70er gab es neben den Heerscharen von Slashern, die John Carpenters "Halloween" (1978) imitierten, auch einige innovative Filme. Zu den besten gehört Don Coscarellis DAS BÖSE (Phantasm), der im Sinne des klassischen Erzählkinos zwar keine logische Geschichte anbietet, dafür aber einen wilden Mix aus verschiedenen Motiven, von Science-Fiction bis hin zum Märchenfilm.

Der Inhalt ist schwer wiederzugeben: Nach dem Tod ihrer Eltern leben die Brüder Mike und Jody in ländlicher Umgebung. Für den jüngeren Jody (Bill Thornbury) ist der große Bruder Mike (Michael Baldwin) Vaterersatz und bester Freund in einer Person. Bei einem seiner Streifzüge durch die Landschaft begegnet er auf einem Friedhof einem unheimlichen Totengräber, dem 'Tall Man' (Angus Scrimm), der ihn ebenso ängstigt wie fasziniert. Er folgt ihm heimlich und beobachtet, wie dieser die Toten aus den Gräbern stiehlt und diese als Zwergsklaven in eine andere Dimension schickt. Wer ihm dabei zu nahe kommt, muss sich vor fliegenden Silberkugeln in acht nehmen, die sich direkt ins Gehirn bohren und für einen spektakulären Tod sorgen. Doch das ist erst der Anfang einer verrückten Reise...

Mehr zu erzählen, wäre fahrlässig, denn - wie schon gesagt - DAS BÖSE erzählt keine schlüssige Story, sondern reiht merkwürdige Begebenheiten und Situationen aneinander, in die der junge Jody gerät, mit dem 'Tall Man' im Zentrum des Schreckens. Don Coscarelli spielt mit ganz unterschiedlichen Einflüssen, verzichtet aber auf direkte Querverweise. So wirkt sein Film hochgradig originell und eigenständig.

Die etablierte Kritik konnte mit diesem bizarren Mix natürlich nichts anfangen, dazu wurde der Film auf Video hierzulande auch noch beschlagnahmt, obwohl er bis auf einen einzigen Moment (und selbst dieser ist eher surreal als hart) keinerlei Splatter bietet, sondern vielmehr fantasievolle Alptraum-Szenarien, die dem Zuschauer ein wohliges Frösteln bescheren, aber niemals die Grenze des Zumutbaren überschreiten und in erster Linie unterhaltsam und spaßig sind.
DAS BÖSE ist kein ernst gemeinter Film und zwinkert dem Publikum immer wieder zu, etwa in der wundervollen Sequenz, in der Jody bei einer Wahrsagerin seine Hand in eine Schachtel stecken muss, um seinen Mut zu beweisen - ohne zu wissen, was sich vielleicht fürchterliches in der Box befindet...
In einem durch Zeitlupe und Ton-Echo brillant verstärkten Moment beobachtet Jody heimlich den 'Tall Man' auf der anderen Straßenseite, der plötzlich stehen bleibt, seinen versteckten Beobachter "wittert" und sich zu ihm - und damit uns, den Zuschauern - umdreht. Ein grusliger Höhepunkt des modernen Horrorkinos.

Neben diesen formalen Qualitäten besitzt DAS BÖSE aber auch inhaltliche Substanz. Die Charaktere verhalten sich wie Menschen und haben ehrliche Gefühle füreinander. Die Trauer über den Tod der Eltern und die enge Bindung der beiden Brüder werden eindringlich geschildert, und Jodys Entsetzen, als er erfährt, dass Mike ihn vielleicht verlassen und in der Kleinstadt zurücklassen könnte, ist absolut überzeugend und ergreifend. Nicht zuletzt sind die grausigen Erlebnisse von Jody nur die Verkörperung seiner realen Ängste vor dem Älterwerden, vor Einsamkeit und Verlust.
So bemüht sich DAS BÖSE trotz seiner abgefahrenen 'Geschichte' und der vielen verrückten Ideen stets um Glaubwürdigkeit. Diese Qualitäten machen ihn zu einem der besten Horrorfilme der 70er, sowie zu einem modernem Klassiker.

Das Publikum mochte DAS BÖSE auf Anhieb. Darsteller Angus Scrimm erlangte durch seine beängstigende Verkörperung des 'Tall Man' verdienten Ruhm in Fankreisen und wurde neben Michael Myers, Jason Vorhees und Leatherface zur Ikone des Genres. Regisseur Don Coscarelli konnte leider seinen Erstlings-Erfolg nicht wiederholen. Das obligatorische Sequel "Das Böse II" (1988) ist mehr Remake als Fortsetzung (wenngleich unterhaltsam), die weiteren Teile 3 und 4 kann man sich getrost sparen.

10/10


Der 'Tall Man' ist uns auf der Spur - Angus Scrimm in "Phantasm"

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