Samstag, 26. Februar 2011

Cujo (1983)

Als stolzer Hundebesitzer darf ich sagen, dass ich Horrorfilme, in denen der beste Freund des Menschen als Bedrohung fungiert, selten überzeugend finde. In den meisten Fällen sieht man allzu deutlich, wie sich arme Schauspieler abmühen, die gutmütigen und spielbegeisterten Vierbeiner durch Kreischen und Zappeln als blutrünstige Bestien zu verkaufen, was immer ein bisschen an Bela Lugosi und den Gummikraken erinnert.

Insofern ist CUJO (Cujo) eine rühmliche Ausnahme. Die Makeup-Künstler und Hauptdarstellerin Dee Wallacegeben sich alle Mühe, den sanften Bernhardiner Cujo als tollwütiges Monster durchgehen zu lassen, und dank der hervorragenden Kameraarbeit von Jan de Bont und der Regie von Lewis Teague gelingt das Vorhaben über weite Strecken.

Nach dem Roman von Stephen King erzählt CUJO von besagtem Bernhardiner, der sich nach einer sehr schönen Anfangssequenz durch einen Fledermausbiss mit Tollwut ansteckt. Cujos Herrchen (Ed Lauter), ein KFZ-Mechaniker, der draußen vor der Stadt auf einem einsamen Hof lebt, wird übers Wochenende von Frau und Sohn allein gelassen und freut sich auf Saufgelage mit seinem Kumpel, als Cujo plötzlich durchdreht und beide tötet. Zurück auf dem Hof leidet Cujo still vor sich hin, bis die nette Donna Trenton (Dee Wallace) mit ihrem Söhnchen Tad (Danny Pintauro) vorbeikommt, um ihren klapprigen Wagen reparieren zu lassen. Dort sieht sie sich plötzlich dem wild gewordenen Cujo gegenüber, und ihr Wagen gibt vollständig seinen Geist auf. Nun sind Mutter und Sohn bei Affenhitze eingesperrt in ihrem Auto, werden von Cujo belagert und sehen keinen Ausweg aus der alptraumhaften Situation...

Ja, die gute, alte Zeit, als es noch keine Handys gab. Da wurde es Drehbuchautoren sehr viel einfacher gemacht, eine klaustrophobische Atmosphäre zu erzeugen. In aktuellen Filmen versagt dafür in ähnlichen Situationen der Netzempfang, früher musste man sich um solche Erklärungen keine Gedanken machen.

Stephen King war nach eigenen Aussagen sehr glücklich über CUJO und forderte gleich einen Oscar für Dee Wallace, die hier tatsächlich eine starke Leistung liefert, ebenso ihr Filmsohn Danny Pintauro. Eingeschlossen und der Bedrohung durch Cujo ausgesetzt, zeigen beide sehr viele Facetten von Unruhe, Angst, bis hin zu nackter Panik. Alle Fluchtversuche von Wallace scheitern, und auch der eintreffende Sheriff, der Rettung verspricht, wird zu Hundefutter verarbeitet (eine Szene, in der man klar sieht, dass der Cujo-Darsteller doch nur spielen möchte).

Für den Hund Cujo wurden mehrere Bernhardine engagiert, auch ein künstlicher Cujo wurde für die Nahkampfszenen mit Dee Wallace hergestellt. Den Unterschied merkt man als Zuschauer kaum, und der von Stephen King erdachte Dreh, dass Cujo eben kein Monster ist, sondern sich "nur" mit Tollwut infiziert hat, lässt den Schrecken real und nachvollziehbar erscheinen. Im Roman werden übrigens weite Strecken der Geschichte aus der Sicht des Hundes erzählt, worauf der Film natürlich mangels Umsetzbarkeit verzichtet (ein Cujo-Voiceover wäre doch etwas albern).

Einige hervorragend inszenierte Spannungsmomente sorgen für gepflegten Grusel - etwa, wenn Dee Wallace sich nach Stunden aus dem Wagen traut, weil sie den Hund nicht mehr sieht - der UNTER dem Wagen liegt! Da gefriert schon kurz das Blut in den Adern.
Eine weitere außergewöhnliche Sequenz schildert den Nervenzusammenbruch von Wallace nach einem Kampf mit Cujo, und Jan de Bonts Kamera lässt den Zuschauer durch immer schneller werdende 360 Grad-Schwenks im Inneren des Wagens direkt an der Hysterie von Mutter und Kind teilhaben.

Der Film lässt sich viel Zeit für die Etablierung der Situation. Bevor es überhaupt zu der Cujo-Situation kommt, wird zunächst das problematische Eheleben von Cujos Besitzern parallel zur vergleichbaren Krise der Trentons geschildert. Donna Trenton hat eine Affäre mit dem ortsansässigen Tischler (Christpher Stone, im wahren Leben der Ehemann von Dee Wallace), während ihr Sohn Tad sich vor Monstern unter dem Bett fürchtet. Beide müssen sich in der Begegnung mit Cujo ihren realen Ängsten stellen und diese besiegen.
An dieser Stelle muss ein kleiner SPOILER einsetzen: in Kings Roman stirbt das Kind Tad am Ende, was dem Buch eine extrem deprimierende Note verleiht. Lewis Teague lässt Donna Trenton jedoch im Film über sich hinauswachsen und den Kampf gegen Cujo gewinnen, so dass sie ihr Kind retten kann. Was von vielen King-Fans als typisches Hollywood-Ende verachtet wurde, fand beim Autor selbst großen Anklang. Er erklärte später, dass er den Roman in einer sehr zynischen und verbitterten Stimmung geschrieben hatte und die heile Romanfamilie zerstören wollte, weil so etwas in der Realität passieren kann. Im Film aber wäre es fatal, den Zuschauer so lange mit Mutter und Kind mitleiden zu lassen, um es dann zu töten. Lediglich auf den klischierten Schluss-Schock hätte Teague verzichten können.

Fazit: CUJO nimmt nach ruhigem Beginn Fahrt auf und wird zu einem extrem spannenden, klaustrophobischen Terror-Stück, das dem Zuschauer kaum Luft zum Atmen lässt. Der sehr gute Soundtrack von Charles Bernstein reiht sich in die bemerkenswerten Leistungen aller Beteiligten ein, und so gehört Lewis Teagues Schocker zu den besseren King-Verfilmungen, auch wenn er nicht die Meisterschaft der Top-Kandidaten von Cronenberg, De Palma oder Kubrick erreicht.

Nachtrag: die deutsche Fassung wurde - wie so oft - gekürzt, allerdings nicht in den Horror-Sequenzen, sondern in den Szenen, welche die Affäre Donna Trentons beschreiben. Entweder fand man diese zu langatmig für einen Horror-Film, oder man wollte nachträglich das untreue Verhalten der Protagonistin "säubern". In jedem Fall eine merkwürdige Entscheidung.

7.5/10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...