Mittwoch, 9. Februar 2011

Angst (1983)

Ich mache es kurz - ANGST ist ein Meisterwerk.

Ohne wenn und aber. Der beste Serienkiller-Film aller Zeiten. Er ist intensiver als "Henry, Portrait of a Serial Killer" (1986) und weitaus verstörender als "Funny Games" (1997). Der Österreicher Gerald Kargl hat ANGST ausschließlich mit privaten Mitteln finanziert und sich deswegen über Jahre verschuldet. ANGST lief in wenigen Wiener Kinos, in anderen Ländern wurde entweder gleich mit Verbot gedroht, oder die Verleiher sprangen in letzter Sekunde ab. Obwohl das Horror-Kino Anfang der 80er mit der Splatter-Welle weitaus härtere Filme - in maskentechnischer Hinsicht - erlebt hatte, wollte niemand ANGST zeigen. Weil er wirklich tief unter die Haut geht und sich dort festsetzt. Wer ihn gesehen hat, wird ihn wahrscheinlich nie wieder vergessen.

Zu Beginn des Films wird der Serienkiller, gespielt von Erwin Leder, aus dem Zuchthaus entlassen. Wir hören seine Geschichte als inneren Monolog, bis zum Schluss. Dialoge gibt es so gut wie nicht, nur seine Stimme. "Zuchthäuser können die Täter wegsperren, aber den Wunsch zu töten nehmen sie ihnen nicht", weiß er und hält schon nach dem nächsten Opfer Ausschau. Jeder, der ihm begegnet, könnte das nächste Opfer werden. Eine Taxifahrerin entgeht nur knapp seinem Tötungsdrang und wirft ihn aus dem Wagen. Er stolpert durch den Wald und erreicht ein abgelegenes, mittelständisches Haus. Er dringt dort ein und wartet, bis die Bewohner nach Hause kommen. Eine Mutter, ihr behinderter Sohn, der im Rollstuhl sitzt, sowie die junge Tochter. Der Killer überwältigt und tötet alle nacheinander. Das meiste geschieht in Echtzeit, nur gegen Ende wird Filmzeit gerafft, bevor sich der Kreis schließt.

Der Überlebenskampf der Familie und deren Ermordung wird von Gerald Kargl quälend echt, ohne Distanz und bewusst ohne jede Spannungsmittel inszeniert. Gewalt und Mord sollen hier nicht unterhaltsam sein. Der Voiceover von Leder, der die eigene Kindheit und seine Entwicklung zum Serienmörder beschreibt, erklärt nichts, man erhält lediglich einen Einblick in seine Biografie, die so nüchtern wie ein Krankenbericht gesprochen wird.

Was seinen Ansatz zur Gewaltdarstellung angeht, ähnelt ANGST Hanekes "Funny Games", aber er verzichtet auf den erhobenen Zeigefinger und will auch keine Lehrstunde erteilen. ANGST ist kein intellektuelles Experiment, sondern drastisches, radikales, ehrliches Kino, das weh tut. Es wundert nicht, das Gaspar Noé ("Irreversible", 2002) ANGST zu seinen Lieblingsfilmen zählt, und Jörg Buttgereit erklärt im Vorwort der DVD von ANGST, dass sein Serienkiller-Film "Schramm" (1993) wohl nicht entstanden wäre, hätte er damals ANGST gekannt.

Neben Erwin Leders fantastischer Darstellung, die dem Grauen ein Gesicht und einen Körper gibt, der wie ein gehetztes Tier durch das Anwesen rennt und sich in einen wahren Blutrausch hineinsteigert, begeistert in ANGST die Kameraarbeit des Oscar-Preisträgers Zbigniew Rybczynski, der oft die Kamera direkt am Körper des Killers befestigt (ein Mittel, das später von Darren Aronofsky in "Pi" und "Requiem for a Dream" verwendet wurde) und damit sowohl dessen verzerrte Weltsicht wiedergibt als auch den Zuschauer direkt an den Killer bindet.

Nicht zuletzt sorgt die eiskalte Synthesizer-Musik von Klaus Schulze (Mitglied von 'Tangerine Dream') für eine kongeniale Untermalung. Wenn Erwin Leder zu seiner letzten Tat ansetzt, die gefesselte Tochter des Hauses ersticht und danach die Leiche schändet, erreicht Schulzes Musik eine Intensität, die schwer zu beschreiben ist. Auch deswegen gehört diese Sequenz zu den unvergesslichsten (und härtesten) Filmmomenten aller Zeiten. Mit dem Hausdackel, der die Taten des Killers die ganze Zeit beobachtet, bringt Kargl etwas Humor ins Spiel, aber dadurch macht er es dem Zuchauer nicht leichter.

Es ist tragisch, dass ANGST nicht sein Publikum gefunden hat, aber auch irgendwie nachvollziehbar. Was Gerald Kargl hier beschreibt, geht über das Maß dessen hinaus, was man als Zuschauer ertragen will und kann. Weil aber Mord und Totschlag seit Anbeginn des Kinos zu den populärsten Themen gehören, ist ein Film wie ANGST umso wichtiger. Weil er uns in Erinnerung bringt, dass Gewalt in der Realität etwas ganz anderes ist. So schwer ANGST auch zu bewältigen ist, er gehört zu den kompromisslosesten Filmen aller Zeiten, dafür gebührt Gerald Kargl jeder Respekt.

10/10

Erwin Leder als von seiner eigenen Sucht gehetzter Killer in "Angst".

Kommentare:

  1. Hallo Mathias, den hab ich mir jetzt mal gekauft. Ich bin schon vor einem Jahr auf diesen Film aufmerksam geworden, habe ihn dann aber wieder aus den Augen verloren. Dank deiner euphorischen Beschreibung musste ich nun zuschlagen. Und beinahe hätte ich "Der Fan" noch mitbestellt. Aber da war ich dann doch noch etwas vorsichtig, zu sehr sind mir noch diese 1000 Verrisse im Gedächtnis...grins. LG Ray

    AntwortenLöschen
  2. Hi Ray, das kann ich sehr gut verstehen, kicher, der ist auch wirklich nicht jedermanns Sache. Da Dir "Irreversible" gefallen hat, wenn ich mich recht erinnere, wird "Angst" das richtige für Dich sein. Ich habe ihn vor Jahren gesehen und wollte ihn danach nie wieder sehen (war begeistert, bekam die Bilder aber nicht aus dem Kopf), habe mich aber neulich noch einmal rangetraut, und er hatte exakt den gleichen Effekt wie beim ersten Mal. Liebe Grüße!

    AntwortenLöschen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...