Dienstag, 18. Januar 2011

Shock (1977)

Der letzte Spielfilm des großen Mario Bava beweist, dass es in italienischen Horrorfilmen der 70er nicht nur um Zombies oder Serienkiller mit schwarzen Handschuhen ging. In SHOCK (Shock) erzählt Bava eine Haunted House-Story inklusive Seelenwanderung, mit einem Schuss Psycho-Thriller à la "Die Teuflischen" (1955). Obwohl hier Elemente aus diversen Vorbildern entnommen sind, ist Bavas Werk wiederum so innovativ, dass sich viele spätere US-Horrorfilme (wie "Amityville Horror", 1979) bei SHOCK bedienten.

Der Inhalt: der kleine Marco (David Colin, jr.) zieht mit seiner Mutter Dora (Daria Nicolodi, Ex-Gattin von Dario Argento) und deren zweitem Mann (John Steiner) in ihr altes Haus. Vor mehreren Jahren hat sich der erste Ehemann und Vater von Marco das Leben genommen, angeblich unter Drogeneinfluss. Zunächst herrscht eitel Sonnenschein, doch dann beginnen die Irritationen. Marco scheint vom Geist seines toten Papas besessen zu sein und einen unsichtbaren Begleiter zu haben. Hände aus dem Jenseits greifen nach Dora, und ihr Sohn entwickelt inzestuöse Tendenzen. Die Vergangenheit kommt bruchstückhaft zurück in die Gegenwart und enthüllt ein schreckliches Geheimnis. Haben Dora und ihr Geliebter den Ehemann ermordet, um ein neues Leben anzufangen? Und was ist im Keller hinter einer neuen Ziegelwand verborgen? ...

Marios Sohn Lamberto Bava schrieb am Drehbuch mit und übernahm auch teilweise die Regie, weil sein Vater bereits erkrankt war (er starb 1980). Vorbei sind in SHOCK die alten Zeiten der barocken Ausstattung und ausgefeilten Licht- und Farbenspiele. Zwar bietet Bava noch einige wundervolle Kamerafahrten - etwa zu Beginn, wenn die Kamera durch den Garten des Hauses in den Keller wandert, um sofort ein Element des Unbehagens zu setzen - , aber ansonsten ist SHOCK in einem naturalistischen Ton gehalten, mit viel Sonnenlicht und realistischer Atmosphäre.

Die Momente des Schreckens sind aufgrund des geringen Budgets einfallsreich umgesetzt.
Ein gutes Beispiel dafür ist die Szene, in der Marco durch einen langen Flur auf Daria Nicolodi zuläuft, die im Bildvordergrund steht, dabei durch die erhöhte Kameraperspektive kurz aus dem Bild verschwindet und plötzlich direkt vor Nicolodi als toter Ehemann wieder auftaucht - ein echter Schocker, der völlig ohne Spezialeffekte auskommt. Wo heute gemorpht würde, was die Rechner hergeben, reichen Bava zwei Schauspieler und die Kamera.
Die irritierende Einstellung, in der Daria Nicolodi einen erotischen Traum hat und sich ihre Haare wie von Geisterhand bewegen, ist ebenfalls sehr simpel entstanden, indem Bava einfach Nicolodi ans Bett geschnallt und dieses um 180 Grad gekippt hat, so dass der Eindruck entsteht, ihr ganzer Körper sei in Bewegung, während sie scheinbar ruhig auf dem Bett liegt. Klasse!

Zugegebenermaßen hat SHOCK zu Beginn einige Längen und wirkt insgesamt weniger dicht als Bavas beste Werke, doch wer dranbleibt, wird mit einem spannenden zweiten Akt und einem atemberaubenden Finale belohnt. Selbst wenn man das Geheimnis ahnt, welches das Haus und seine Bewohner umgibt, wird man nicht enttäuscht. Das Inzest-Motiv, das sich durch den Film zieht und für reichlich Unbehagen sorgt, stellt in Verbindung mit Tod und Verwesung das zentrale Leitmotiv des Films dar, das Bava bereits in einem seiner schönsten Filme, "Lisa und der Teufel" (1974), verarbeitet hat.

Nicht zuletzt muss man die Darsteller loben. Daria Nicolodi zeigt eine fantastische Leistung und sorgt dafür, dass SHOCK auch als Psychodrama funktioniert. Ihre Dora verfällt nicht nur wegen der unheimlichen Vorgänge dem Wahnsinn, sondern wegen der Schuld, die sie auf sich geladen hat. Während sie unter der Regie ihres Mannes Argento oft zum Overacten neigt, spielt sie unter Bava extrem kontrolliert und mit feinen Nuancen, sie wirkt extrem zerbrechlich. Als Zuschauer hat man Mitleid mit ihr, bleibt aber auf Distanz, und man wird unwillkürlich an Catherine Deneuves Spiel in "Ekel" (1965) erinnert, der einen ähnlichen Aufbau hat. Ein weiteres Vorbild ist Mimsy Farmer in dem großartigen, kaum bekannten "The Perfume of the Lady in Black" (1974).
Der junge David Colin jr. ist nicht ganz so bösartig, wie der Film ihn gern hätte, funktioniert aber in der Tradition "böser Horror-Kinder", und John Steiner agiert gewohnt solide, er gehörte zum Standard-Ensemble italienischer Horrorfilme der 70er/80er.

So ist Mario Bavas Abschied vom Horrorfilm ein nicht vollständig gelungenes Werk, das heute etwas angestaubt wirkt (anders als seine großen Filme wie "Die Stunde, wenn Dracula kommt", 1960, die ewig jung bleiben). Trotzdem ist ein Bava immer sehenswert, und der Ideenreichtum des Films überwiegt die Schwächen. Mit Bava hat der Horrorfilm einen seiner größten Künstler verloren. Sein Sohn Lamberto ging fortan eigene Wege und inszeniert mit seinem Debüt "Macabro - Die Küsse der Jane Baxter" (1980) einen klasse Schocker, konnte aber letztlich nie aus dem Schatten des Vaters heraustreten.

07/10

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