Freitag, 21. Januar 2011

Shining (1980)

"Heeeere's Johnny!"

Sprach Jack Nicholson - in einer der unvergesslichsten Darbietungen seiner Karriere - und rammte die Axt in die Badezimmertür, um seiner Filmfrau Shelley Duvall und Söhnchen Danny Lloyd die Köpfe einzuschlagen - oder schlimmeres. Wenn dieser Punkt erreicht ist, explodiert die aufgestaute Spannung von SHINING (The Shining), die Regisseur Stanley Kubrick in seiner typischen Detailversessenheit aufgebaut hat, und zwar von Beginn an, wenn die Kamera den Wagen der Familie Torrance durch die Bergwelt verfolgt, in der die Menschen klein und unbedeutend, und die Natur und ihre Geheimnisse gewaltig sind.

Drei Personen, ein abgelegenes Berghotel, ein harter Winter und die Geister der Vergangenheit, sowohl im übertragenen wie im wörtlichen Sinn, das sind die Zutaten von Kubricks SHINING. Hier soll Jack Nicholson als Hausmeister das Hotel über den Winter bringen, aber Vorsicht: der letzte Hausmeister hat vor Jahren einen Koller bekommen und seine Familie mit der Axt zerstückelt. Als die drei allein und isoliert sind, beginnt der Psychokrieg. Nicholsons unterdrückte Alkoholsucht und Versagensangst manifestiert sich in Aggression gegenüber Frau und Sohn, und die blutige Vergangenheit des Hotels sorgt für vermeintliche Geistererscheinungen, die ihn endgültig in den Wahnsinn abgleiten lassen...

1980 zog Stanley Kubrick aus, den "erschreckendsten Film aller Zeiten" zu inszenieren. Als SHINING herauskam, wurde er sowohl von Stephen King, dem Autor der erfolgreichen Romanvorlage, als auch dessen Fans mit Ablehnung bedacht. Zu sehr hatte sich Kubrick vom Buch entfernt. Dazu muss man sagen, dass King in seinem (besten) Roman einen klassischen Spannungsablauf schildert, das langsame Abgleiten eines Normalbürgers - mit Abgründen hinter der heilen Fassade - in den Wahnsinn. Eine derart schnurgerade Dramaturgie konnte und durfte man von einem Kubrick nicht erwarten, und warum auch? Stephen King sind schon wesentlich schlimmere Dinge in Verfilmungen seiner Vorlagen angetan worden.
Gerüchte über einen finanziellen Misserfolg des Films machten ebenfalls die Runde, erwiesen sich aber als unwahr, tatsächlich ist SHINING mit seiner stetig wachsenden Popularität, die auch jüngere Generationen erreicht, eine der erfolgreichsten Adaptionen Kings, und auch wenn es immer noch Menschen gibt, die den Film ablehnen (aus Gründen, die ich noch nie nachvollziehen konnte), darf ich an dieser Stelle verkünden, dass SHINING schon immer einer meiner liebsten Horrorfilme war, dass er fantastisch altert (nämlich gar nicht), und dass sich Kubricks Entscheidungen alle zum Vorteil des Films auswirken - was man übrigens sehr schön an der später entstandenen TV-Fassung "The Shining" (1997) sieht, für die Stephen King das Drehbuch schrieb, und die nichts weiter als ein gut gespielter, aber durchschnittlicher Thriller mit schlechten Effekten ist.

Kubrick verzichtet fast vollständig auf Horror-Versatzstücke und lässt mit Hilfe seines Kameramannes John Alcott Bilder und Kamerafahrten von unglaublicher Kraft entstehen. Wenn der (fabelhafte) Danny Lloyd durch die Flure des Overlook-Hotels radelt und die Steadycam ihm folgt, wird der Zuschauer förmlich in den Film hineingezogen, man möchte wissen, was sich hinter der Tür von Zimmer 237 verbirgt, aber Kubrick lässt uns zappeln, immer wieder. Entscheidende Szenen (Dannys Misshandlung in 237) werden nicht gezeigt, scheinbar unwichtige Momente dagegen ausführlich ausgespielt.
Kubricks Sinn für Inszenierung lässt uns immer hautnah dabei sein, man riecht förmlich den Muff der Flure und Teppiche, man spürt die Kälte des Winters. Als äußerst hilfreich erweist sich der wie immer bei Kubrick perfekte Soundtrack-Mix aus klassischen Komponisten und den sphärischen Klängen von Wendy Carlos (früher Walter Carlos, bis zu seiner Geschlechtsumwandlung, aber das nur am Rande) und Rachel Elkind.

Dass Jack Nicholson von der ersten Minute an psychopathisch wirkt, wurde vielfach kritisiert, ist aber nachvollziehbar, weil Kubrick die Spannung ganz woanders sucht, nämlich in der Frage, wann Frau und Kind das erkennen. Der Zuschauer ist den Charakteren weit voraus und kann nur zusehen, wie sie in ihr Unglück laufen. Bei King werden Die Figuren selbst Zeugen des drohenden Unheils (was ebenso wirkungsvoll ist), bei Kubrick sind sie lange Zeit ahnungslos oder üben sich in Verdrängung. Die Familiendynamik interessiert Kubrick mehr als die Schauergeschichte.

Ich kann hier beim besten Willen (und ich will gar nicht) irgend etwas kritisieren. Natürlich kann der Film auf jemanden langatmig wirken, der noch nie etwas von Kubrick gehört hat, oder der einen hohen Body Count braucht. Brauche ich auch manchmal, aber deswegen kann ich ein Kunstwerk wie SHINING trotzdem genießen. Welcher Horrorfilm der letzten Jahrzehnte bietet so viele Momente, die sich für immer ins Gedächtnis brennen - das Heckenlabyrinth, die Zwillinge im Flur, die alte Frau in der Badewanne, 'Redrum', die zertrümmerte Tür, das Blut im Fahrstuhl, die Schneewehe vor dem Fenster, und nicht zuletzt der eine Satz, den Nicholson immer und immer wieder tippt. Für mich war, ist und wird SHINING immer ein Meisterwerk des Schreckens sein. In jungen Jahren habe ich mich einfach nur gegruselt, jetzt im Erwachsenenalter kann ich auch die formale Virtuosität des Films genießen.

"Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen". Also schnell nochmal anschauen, immerhin schneit es draußen gerade wieder, und welches Wetter wäre besser geeignet?

Letzte Anmerkung: Stanley Kubrick hat für Europa eine zweistündige Fassung des in den USA 143 Minuten langen Films erstellt. Die längere Version beinhaltet mehr Erklärungen, wie eine sehr lange Sequenz zu Beginn, in der Sohn Danny von einer Ärztin untersucht und die Vorgeschichte von Nicholsons Gewaltausbrüchen angesprochen wird. Kubrick war überzeugt, die Europäer würden den Film "schneller verstehen" als die Amerikaner. Insofern sind beide Versionen autorisiert, und ich könnte keine bevorzugen.

10/10

Redrum - die Tür zum Wahnsinn in "Shining"

Kommentare:

  1. DEFINITIV einer der besten Filme, die es gibt. Ich habe - schon sehr lange her - auch das Buch gelesen und als ich dann den Film gesehen habe, war ich überhaupt nicht enttäuscht. Es ist anders und besonders das Ende, aber nun auch nicht soooo extrem. Würde eher sagen: beide Versionen funktionieren perfekt in ihren jeweiligen Medien Buch und Film. Schade, dass King hier so erzürnt und dünnhäutig war - sehe ich wie Du, es gibt wesenlich schlechtere Verfilmungen seiner Werke. Wie auch immer, jetzt gibt es übrigens den Film zum Film: "Room 237". Seit heute im Kino: der Da Vinci Code von Kubrick's Shining - oder was der Film mit 42, Apollo und Indianern zu tun hat. http://www.welt.de/kultur/kino/article120082143/Im-Shining-Teppich-ist-ein-Geheimnis-versteckt.html
    Schaust Du Dir das an?

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  2. Ich weiß nicht, eigentlich möchte ich keine Geheimnisse entschlüsselt sehen, sondern lieber die Labyrinthe des Herrn Kubrick weiter ohne Analysen genießen. Zu den Indianern und den Zahlenspielen steht bereits viel im Kubrick-Buch von Thomas Allen Nelson (Heyne Filmbibliothek), aber man muss das auch alles nicht wissen, um den Film toll zu finden. LG!

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  3. Ich werde mir den wohl auch nicht anschauen. Vermutlich kann man danach den Film nicht mehr unbeeinflusst ansehen.
    Außerdem ist vieles ja trotzdem eh Spekulation.

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