Samstag, 8. Januar 2011

Lost Highway (1996)

Oje, wie soll man bloß LOST HIGHWAY (Lost Highway) besprechen? Rezensenten geraten bei dieser Übung leicht in in die Zwangslage, sich mit Deutungsansätzen und Superlativen zu überschlagen oder ihn schlicht zum Meisterwerk zu erklären, weil dann eh alle Diskussionen beendet sind. Das kann auch eine Kapitulation sein.

Fred (Bill Pullmann) spielt Saxophon in einem Nachtclub und kann seine Frau Renée (Patricia Arquette) im Bett nicht befriedigen. Jemand filmt heimlich das Haus der beiden mit einer Videokamera und schickt ihnen die Bänder. Die Polizei weiß keinen Rat. Das nächste Band zeigt Fred und Renée im Schlafzimmer. Auf einer Party begegnet Fred dem "Mystery Man" (Robert Blake), der offenbar die Fähigkeit besitzt, an zwei Orten gleichzeitig zu sein. Renée wird ermordet, Fred kommt in die Todeszelle. Dort wird er von heftigen Kopfschmerzen geplagt und taucht ab in eine andere Identität. Die Wärter finden nicht mehr Fred in der Zelle vor, sondern den jungen Automechaniker Pete (Balthazar Getty).
Fred/Pete wird entlassen und kehrt nach Hause zu seinen Eltern zurück, die sich schon Sorgen gemacht haben, wo er bleibt. In der Werkstatt begegnet Pete dem Gangster Mr. Eddy (Robert Loggia) und dessen Gangsterbraut Alice (Patricia Arquette). Pete und Alice beginnen eine Affäre, und schon steckt er mitten in neuen Schwierigkeiten. Es kommt erneut zu Mord und Totschlag, und ehe er sich versieht, fährt Fred/Pete wieder auf dem nächtlichen Highway entlang und steckt mitten in der Verwandlung. Wer wird er als nächstes sein?

Worum geht es in LOST HIGHWAY? Um geborgte Identitäten, den Film als Endlosschleife (etwas, wovon Lynch immer geträumt hat), um vorherbestimmtes Schicksal, Flucht vor der realen Hölle in eine Traumwelt, in der uns die Realität doch wieder einholt? Das Internet ist voller Interpretationen. Einige meinen sogar, den Film komplett "verstanden" zu haben, was rührend naiv scheint angesichts der Tatsache, dass es hier wohl nicht um die Verschlüsselung einer durch und durch logischen Geschichte geht, die von David Lynch lediglich so verwirrend aufbereitet wurde, dass sie als Rätselspiel zu verstehen ist. Es geht eher darum, Sinnzusammenhänge zu erahnen und sich auf das Erlebnis Film einzulassen, das von allen Fesseln des Erzählkinos befreit ist und für den Zuschauer ebenso befreiend sein kann.

In diesem Sinne ist LOST HIGHWAY ein großer Lynch. Während er aber auf der einen Seite viele von Lynchs überhaupt schönsten, beunruhigendsten und verstörendsten Momenten bietet und in der ersten Hälfte geradezu vor künstlerischer Geschlossenheit und Ideenreichtum explodiert, herrscht in der zweiten Hälfte gelegentlich auch Leerlauf. Ist man nicht mit Haut und Haar Lynch-Jünger und ohnehin von allem restlos begeistert, was der Meister vorsetzt, darf man feststellen, dass ein paar Charaktere (wie Petes Eltern und Freundin) ziemlich langweilig und nichtssagend geraten sind, dass Robert Loggia kein adäquater Ersatz für einen Dennis Hopper ("Blue Velvet", 1986) ist, und dass er stellenweise ein bisschen mehr Tempo vertragen würde.

Nichtsdestotrotz bleibt LOST HIGHWAY ein faszinierendes, einzigartiges Filmerlebnis. Allein der Soundtrack-Mix aus Pop, Rammstein, Badalamenti und Tönen, die man nie zuvor gehört hat, ist der reine Wahnsinn. Auch darstellerisch gibt es nichts auszusetzen. Patricia Arquette ist neben Linda Fiorentino ("Die letzte Verführung", 1994) die beste (doppelte) Femme Fatale des modernen Kinos (sorry, Brian De Palma), und der hübsche Balthazar Getty ist wieder einer von Lynchs jung-verträumten Alter Egos, die an Leute geraten, die ein paar Nummern zu groß für sie sind - und an Frauen, die sie ins Verhängnis reißen. Der mit Abstand beste Einfall ist der "Mystery Man", dessen Auftritte unvergesslich bleiben, und der als Bindeglied zwischen den Parallelwelten fungiert.

Was ist LOST HIGHWAY also? Film Noir, Gangsterfilm, Thriller, Horror, Mystery?
Alles zusammen und noch mehr. LOST HIGHWAY wird oft als Vertreter des "Pure Cinema" bezeichnet. Er ist vielleicht der herausragendste Vertreter eines solchen Kinos, ein "Letztes Jahr in Marienbad" (1961) der 90er.

Und übrigens - Dick Laurent ist tot.

9.5/10

Der "Mystery Man" - Robert Blake

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