Sonntag, 2. Januar 2011

L ist nicht nur Liebe (1980)


Beginnen wir das Jahr mit einem der schönsten schlechten Filme der 80er, Gordon Willis' L IST NICHT NUR LIEBE (Windows). Schon allein der wunderbare deutsche Verleihtitel lässt den geneigten Zuschauer nachdenken - was könnte denn noch für L stehen?

Nun, in diesem Fall bedeutet es wohl "lesbisch", denn genau das ist die durchgeknallte Psychopathin Elizabeth Ashley ("Coma", 1978), die das Objekt ihrer Begierde, Nachbarin Talia Shire, mit dem Fernglas beobachtet und ihr nachstellt. Die arme Talia Shire ahnt nicht, dass die freundliche Dame von nebenan scharf auf sie ist. So scharf, dass sie Talia eines Abends einen bezahlten Vergewaltiger auf den Hals hetzt (den sie wahrscheinlich in den Gelben Seiten unter "V" gefunden hat), der Shire überfällt und ihr Angststöhnen auf Tonband aufnimmt. Diese Aufnahme hört sich die irre Ashley dann gemütlich zu Hause bei einem guten Glas Wein an. Der ermittelnde Cop Joseph Cortese verliebt sich ebenfalls auf der Stelle in Shire, was Elizabeth Ashley noch mehr in Rage bringt. Bald schon hagelt es tote Katzen, psychopathische Ausbrüche, und dann stehen sich Angreiferin und Opfer Auge in Auge gegenüber...

Man muss schon heftig schlucken beim Anblick von L IST NICHT NUR LIEBE, denn der geht sein Thema mit derartiger Geschmacklosigkeit und Politischer Unkorrektheit an, dass man heute kaum fassen kann, dass so ein Film jemals entstehen konnte. Interessanterweise gab es massenhaft Proteste bei den Dreharbeiten des gleichzeitig entstandenen "Cruising" (1981), gegen den Schwulen- und Lesbenverbände auf die Straße gingen. L IST NICHT NUR LIEBE dagegen wurde heimlich, still und leise produziert und erregte erst die Gemüter, als er in die Kinos kam. Ein Feministinnen-Verband deklarierte zu Recht: "Es sind nicht Frauen, die Frauen Gewalt antun, sondern Männer!"

Das ist dem Film natürlich herzlich schnuppe, und vermutlich könnte L IST NICHT NUR LIEBE sogar ein passabler Psychothriller im Stil von "Weiblich, ledig, jung sucht..." (1992) sein, wäre er nicht so... sterbenslangweilig.
Tatsächlich. Dass ein Film mit so kontroversem Inhalt so öde sein kann, wer hätte das gedacht? Obwohl eine Menge passiert, lässt der Thriller vollkommen kalt und fährt eine Unglaubwürdigkeit nach der nächsten auf. Es hilft auch nicht, dass sich alle Filmfiguren sofort in Talia Shire verlieben und für sie über Leichen gehen, obwohl Shire hier ihre mausgraue Darstellung aus "Rocky" (1976) wiederholt und nun wirklich kein Lustobjekt ist, sie wirkt durchgehend übermüdet und verhuscht (könnte das Drehbuch verursacht haben).

Elizabeth Ashley hingegen gibt alles und weiß offensichtlich, dass sie sich in Trash der Güteklasse C befindet. Sie overactet, was das Zeug hält. Mein Lieblingsmoment ist der, wenn sie beim Psychiater sitzt (der wahrscheinlich Überstunden machen muss, so viel Schrauben sind bei Ashley locker) und gerade ihre wundervoll zärtliche Liebe zu Talia Shire erklärt, sich dann aber spontan übergeben muss. Da geht es dem Zuschauer ähnlich.
Der zweitbeste Moment folgt später, wenn Talia Shire in einem Taxi sitzt und in ihrem Fahrer den Vergewaltiger wiedererkennt. Sie lässt ihn an einer Straßenecke anhalten und ruft von einer Telefonzelle aus die Polizei, die ihr erklärt - und jetzt kommt's! - dass sie sich wieder in den Wagen zurücksetzen soll, bis Hilfe eingetroffen ist! Ja, auf diesem Realitätsanspruch bewegt sich der Film.

Das wirklich Unfassbare aber ist die Tatsache, dass L IST NICHT NUR LIEBE das Regiedebüt von Gordon Willis ist, einem der besten Kameramänner aller Zeiten, der mit großen Regisseuren gearbeitet hat, und dem man doch mehr Geschmack zugetraut hätte. So ist der Film stets kunstvoll geleuchtet und schön anzuschauen (die New York-Bilder schwelgen geradezu in sanften Brauntönen, so wie in vielen Filmen Woody Allens, die Willis fotografiert hat), aber inhaltlich haben wir es leider mit einer echten Gurke zu tun.

Offenbar war L IST NICHT NUR LIEBE auch den Verantwortlichen bei Warner Bros. peinlich, denn nachdem er nach kürzester Zeit wieder aus den Kinos verschwand, war er fortan nicht mehr gesehen. In Deutschland ist er auf VHS erschienen, in vielen anderen Ländern - wie seinem Heimatland - nicht einmal das, und eine DVD-Veröffentlichung wird wahrscheinlich nie erfolgen. Sogar das Fernsehen strahlt ihn nicht aus, und das will wirklich was heißen.

04/10

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