Sonntag, 16. Januar 2011

Im Augenblick der Angst (1987)

Der wenig bekannte spanische Horrorbeitrag IM AUGENBLICK DER ANGST (Anguish) erschien Ende der 80er hierzulande nur auf Video. Weit entfernt vom strickmusterhaften aktuellen Horrorkinofilm erzählt Regisseur Bigas Luna, der in seinem Heimatland vor allem für künstlerisch-erotische Spielfilme im Stile Almodovars bekannt wurde, eine Film-im-Film-Geschichte, die sowohl den Horrorfilm an sich als auch den Zuschauer dieses Genres auf intelligente und sehr eigenständige Weise reflektiert.

IM AUGENBLICK DER ANGST beginnt mit den Untaten eines Augenarztes (Michael Lerner), der sich unter dem Einfluss seiner irren Mutter (gespielt von "Poltergeist"-Medium Zelda Rubinstein), welche den Sohnemann regelmäßig hypnotisiert (und mit ihm das Publikum), als Serienkiller und Augensammler herumtreibt.
Doch es ist nicht alles so, wie es aussieht, denn nach ca. 20 Minuten sehen wir, dass es sich bei der grausigen Geschichte lediglich um einen Film (namens "The Mommy") handelt, den sich zwei junge Mädels gerade im Kino ansehen. Während die eine Horrorfilme liebt, bekommt die andere es mit der Angst zu tun und flüchtet sich auf die Toilette. Dort muss sie zu ihrem Entsetzen feststellen, dass sich ein realer Killer im Kino befindet, der "The Mommy" wohl einmal zu oft gesehen hat und selbst aus kranker Mutterliebe zum Mörder wird. Als dann auch noch der Film-Mörder in "The Mommy" ins Kino geht und sich dort an den Zuschauern vergreift, haben wir es plötzlich mit drei Realitätsebenen zu tun...

Der Augenblick, in dem die Kamera durch eine Rückwärtsfahrt von der Leinwand in den Kinosaal erstmals den doppelten Boden der Handlung offenbart, gehört fraglos zu den großen Momenten des modernen Horrorfilms, und so ist es auch ein wenig schade, dass man IM AUGENBLICK DER ANGST nur auf Video bestaunen durfte, denn im Kino wird er ungleich besser wirken.
Der deutsche Video-Verleih hat mit seiner Titelgebung das Leitmotiv des Films hübsch auf den Punkt gebracht. Es geht um die Augen und das Sehen in vielerlei Hinsicht. Der Film-Arzt quält seine Patientin mit einer schmerzenden Kontaktlinse, bevor er ihr die Augen herausschneidet. Die ängstliche Heldin hält sich im Kino die Augen zu, um das fiktive Grauen nicht mitansehen zu müssen. "Das ist ja entsetzlich", stöhnt sie, und ihre Begleiterin antwortet begeistert: "Deswegen sind wir hier!"

Das Spiel mit den Handlungsebenen erreicht im Finale eine irrwitzige Qualität, wenn Real- und Fiktivhandlung parallel ablaufen und der Killer im Kino unsere Protagonistin als Geisel vor der Leinwand hält, während hinter ihm der Film-Killer das gleiche tut und sich Horrorfilm und Wirklichkeit endgültig vermischen.
Als Zuschauer hat man allerdings keine Mühe, die Ebenen zu unterscheiden. Während der Film-im-Film extrem düster inszeniert ist und ein paar drastische Gore-Einlagen bietet (Angriffe auf das menschliche Auge mit spitzen Gegenständen sind immer schön für Szenen, in denen man kaum hinsehen mag), funktioniert die Realhandlung eher als Psycho-Thriller, und der Film, den sich der fiktive Killer in "The Mommy" im Kino ansieht, ist - zur besseren Trennung - ein Schwarzweiß-Monsterfilm.

Einige Schwächen gibt es aber doch zu beklagen. Mit der Wahrscheinlichkeit nimmt es der Film nicht allzu genau. So braucht unsere Heldin eine Ewigkeit, um jemanden davon zu überzeugen, dass sich ein Mörder im Kino befindet, anstatt einfach auf die Straße zu laufen und die Polizei zu rufen. - Die Hypnose-Szenen, die mehrfach den Handlungsfluss unterbrechen sind albern, ganz besonders, weil Bigas Luna sich mit seiner gesprochenen Warnung an die Zuschauer auf dem Niveau eines William Castle-Gimmicks befindet, für den sein Film sowohl zu intelligent als auch zu ernst gemeint ist.
Und letztlich muss man kritisieren, dass Bigas Luna mit seinem gestörten Killer im Kino allen Zensoren der Welt recht zu geben scheint, denn dessen Ausrasten wird klar durch das Medium motiviert - was bedeutet, dass Horrorfilme für labile Menschen also doch gefährlich sind. Eine zweifelhafte Message, die vielleicht so nicht beabsichtigt war.

IM AUGENBLICK DER ANGST war trotz seines Geheimtipp-Status' immerhin so einflussreich, dass sich viele Elemente in US-Horrorfilmen wiederfinden, am deutlichsten in Wes Cravens "Scream"-Reihe. Wenn in "Scream 2" zu Beginn ein Pärchen im Kino ermordet wird, ist das eine beinahe 1:1-Hommage an Lunas' Werk. Und auch Woody Allens Finale von "Manhattan MurderMystery" (1993) benutzt einen sehr ähnlichen Effekt. Ganz neu war der Dreh aber auch bei Luna nicht. 1980 begann der US-Slasher "Panische Angst" (He Knows You're Alone) ebenfalls mit einem Film-im-Film und anschließendem Mord im Kino. So befruchten sich Horrorfilme gegenseitig.

07/10

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