Montag, 3. Januar 2011

Das Urteil von Nürnberg (1961)

Stanley Kramers Gerichts- und Geschichtsdrama DAS URTEIL VON NÜRNBERG (Judgement at Nuremberg) gehört zu den großen Hollywood-Klassikern, die ein äußerst schwieriges Thema differenziert und intelligent angehen und dabei noch spannende Unterhaltung schaffen.
Selbst wenn man Kleinigkeiten am Film bemängeln kann, bleibt doch die enorme Sorgfalt der Produktion auf jeder Ebene bestens im Gedächtnis.

Der Inhalt: Im Jahr 1947 kommt der US-Richter Haywood (Spencer Tracy) nach Nürnberg, um den Prozess gegen vier Nazi-Juristen, darunter der ehemalige Justizminister Janning (Burt Lancaster), zu führen. Schon kurz nach seiner Ankunft wird er von den vielen verschiedenen Eindrücken und den Versuchen der Einflussnahme überfordert. Der amerikanische Staatsanwalt (Richard Widmark) möchte am liebsten das gesamte deutsche Volk vor Gericht stellen, der deutsche Verteidiger Rolfe (Maximilian Schell) hingegen fordert, dass auch der Rest der Welt sich zur Schuld am Krieg bekennt. Das nette deutsche Dienstbotenpaar in Haywoods Haus will von den Gräueltaten der Nazis nichts gewusst haben, ebenso deren ehemalige Arbeitgeberin Frau Berthold (Marlene Dietrich), die mit einem verurteilten und hingerichteten General verheiratet war. Der Kalte Krieg steht vor der Tür, und die Amerikaner brauchen die Deutschen als Verbündete. Ist es überhaupt möglich, in diesem Prozess ein gerechtes Urteil zu fällen?

Das bisschen Kritik vorweg - natürlich kommen die Amerikaner im Film verhältnismäßig gut weg, das konnte man auch erwarten und wäre sicher kaum anders möglich gewesen, immerhin ist dies eine amerikanische Produktion. Und auch Spencer Tracys Rolle als netter Opa, der von gar nichts weiß und sich in jeder Beziehung menschlich korrekt verhält, scheint etwas unrealistisch. Gleichzeitig funktioniert er auf dramaturgischer Ebene als Identifikationsfigur und Bindeglied zum Zuschauer, der sich selbst in diesem schwierigen Szenario ein Bild machen muss, und so sind Tracys Unbefangenheit und "Unschuld", wenn man so will, zwingend notwendig.

Mehr gibt es aber auch nicht auszusetzen. DAS URTEIL VON NÜRNBERG ist für seine Zeit in jeder Beziehung erstaunlich differenziert, und man muss anerkennen, dass er so viel richtig macht was komplett hätte schief gehen können. Die Deutschen werden nicht in ihrer Gesamtheit als Nazis abgestempelt (es gibt die Unwissenden, die Opfer, die Leugner, die Verdränger und die Bekenner), und auch die Frage nach der Mitschuld anderer Nationen wird gestellt.
Das exzellente Drehbuch von Abby Mann, das zu Recht mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, zieht dazu eine Verbindung vom Nazi-Unrecht zur McCarthy-Ära (besonders eindringlich in Schells aggressiver Befragung von Zeugin Judy Garland) und beleuchtet auch die Funktion der Nürnberger Prozesse als Schauprozesse der Siegermächte, die immer mehr zur Farce und - unter dem Einfluss des beginnenden Kalten Krieges - zum Machtspiel gegen die Russen verkamen. Sogar die Einbindung realen Filmmaterials aus den KZs, vorgeführt von Staatsanwalt Widmark zum Entsetzen der Anwesenden, wird vom Film als unfairer Manipulationsversuch bewertet. Die Bilder wirken trotzdem.

Jenseits aller politischer Fallstricke, denen sich der Film souverän entzieht, ist DAS URTEIL VON NÜRNBERG großes Schauspielerkino. Tracy, Dietrich und Widmark sind ganz auf Typ besetzt und spielen routiniert, während in den Nebenrollen besonders Judy Garland und Montgomery Clift gegen ihr Image besetzt werden und in nur wenigen Szenen unvergessliche Leistungen zeigen. Vor allem ist es aber Maximilian Schell mit seiner atemberaubenden Darstellung, der aus dem Ensemble heraussticht. Niemals fällt er in Klischees, spielt facettenreich und intensiv. Schell erhielt einen Oscar für die beste Nebenrolle.
Erwähnt werden sollte noch Burt Lancaster als angeklagter Justizminister, der lange Zeit schweigt und auch nach seinem großen Schuldeingeständnis (in welchem der Film wieder sehr genau zwischen Deutschnationalismus und Nationalsozialismus unterscheidet) ein Rätsel bleibt.

Regisseur Stanley Kramer, das "Gewissen Hollywoods", leistet beeindruckende Arbeit, nicht nur in der Führung der Schauspieler, sondern auch in den vielen langen, ununterbrochenen Takes und Kamerafahrten im Gericht, die sorgfältigst geplant werden mussten und jedesmal optimal eingesetzt werden. So verkommt DAS URTEIL VON NÜRNBERG nie zur Geschichtsstunde mit erhobenem Zeigefinger oder Schwarz/Weiß-Malerei, sondern ist großes, wichtiges Kino, hochspannend, emotional, klug und fesselnd. Für mich einer der besten Filme aller Zeiten.

10/10

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