Dienstag, 4. Januar 2011

Das Narrenschiff (1965)

Stanley Kramers Hochglanzproduktion DAS NARRENSCHIFF (Ship of Fools), nach dem Roman von Katherine Anne Porter, folgt der seit "Menschen im Hotel" (1932) beliebten Erzählstrukur, die Schicksale verschiedener Charaktere auf einem begrenzten Schauplatz zu erzählen, hier ein Passagierschiff, das 1933 von Mexiko nach Deutschland fährt.

Unter den Reisenden befinden sich eine alternde amerikanische Lady (Vivien Leigh), die auf der Suche nach ein bisschen Zärtlichkeit jeden Mann angräbt, der in ihre Nähe kommt, ein ewig streitendes junges Paar (George Segal und Elizabeth Ashley), sowie eine deportierte, tablettensüchtige Comtessa (Simone Signoret), in die sich der herzkranke, desillusionierte Schiffsarzt (Oskar Werner) verliebt. Die Machtergreifung Hitlers steht kurz bevor und spiegelt sich in der Geschichte um den Nazi Rieber (José Ferrer), der am Kapitänstisch große Reden schwingt und sich mit dem Juden Löwenthal (Heinz Rühmann) eine Kabine teilt. Je länger die Reise dauert, desto mehr spitzen sich die privaten und politischen Dramen zu...

DAS NARRENSCHIFF ist ein fesselndes Drama mit nur ganz wenigen Schwächen. So ist die Geschichte um George Segal und Elizabeth Ashley eher uninteressant, zumal beide Darsteller nicht mit den Kollegen mithalten können. Was diese jedoch leisten, ist hingegen mehr als sehenswert. Vivien Leigh - in ihrer letzten Filmrolle - wiederholt hier ihren Part aus "Der römische Frühling der Mrs. Stone" (1961) und liefert eine atemberaubende Charakterstudie. Ihre Szenen mit Lee Marvin als ausgebranntem Baseballprofi sind die Höhepunkte des Films, auch wegen der bissigen Dialoge (Marvin fragt: "Was haben denn alle gegen die Juden? Bei uns gibt es sowas nicht", woraufhin Leigh kühl lächelnd erwidert: "Sie waren wahrscheinlich zu beschäftigt, die Schwarzen zu lynchen, um noch Zeit für die Juden zu finden.").

Der emotional stärkste Strang ist die Liebesgeschichte zwischen Oskar Werner und Simone Signoret, die einen gewaltigen Auftritt bekommt, wenn sie bei einem Zwischenstopp durch Hunderte von Kleindarstellern an Bord geleitet wird. Werner spielt so hinreißend, dass es eine reine Freude ist, ihm zuzusehen. Wenn er am Bett von Signoret sitzt, wirkt er wie ein Kind, und in Signorets Gesicht ist von mütterlicher Besorgnis bis zu romantischer Leidenschaft alles lesbar.

Der Ton des Films ist erstaunlicherweise weniger melodramatisch als vielmehr bitter-sarkastisch, auch im Umgang mit der Zeitgeschichte. Anders als im ernsten "Urteil von Nürnberg" (1961), den Stanley Kramer ebenfalls nach dem Drehbuch von Abby Mann inszenierte, ist die Machtergreifung der Nazis hier in der überzeichneten Figur des großmäuligen José Ferrer das Ziel von Hohn und Spott, sorgt aber auch für bedrückende Momente, etwa wenn Heinz Rühmann zu seinem kleinwüchsigen Tischnachbarn (und Erzähler des Films) sagt: "Es gibt in Deutschland eine Million Juden! Was wollen sie tun, uns alle umbringen?".

Letztendlich sind die Einzelleistungen - und Szenen im NARRENSCHIFF etwas größer als das Gesamtbild. Diese Szenen gehören dann aber auch zu den Sternstunden des Kinos. Es irritiert zwar, dass nichts im Film nach 1933 aussieht (Frisuren, Kleider und Ausstattung sind eindeutig 60er), aber nichtsdestotrotz ist Stanley Kramers Film ein prächtiges Stück Kino für den Freund von Ensemblefilmen.

Bester Dialog:
Ferrer: "Die Juden sind an allem Schuld."
Rühmann: "Stimmt, die Juden und die Radfahrer."
Ferrer: "Wieso die Radfahrer?"
Rühmann: "Wieso die Juden?"

09/10

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