Mittwoch, 15. Dezember 2010

Spiel auf Zeit (1998)

Während vor den Toren ein Hurrikan tobt, wird bei einem Boxkampf in Atlantic City vor den Augen von 14.000 Zeugen der US-Verteidigungsminister erschossen.
Die Halle wird abgeriegelt, und der korrupte Cop Rick Santoro (Nicolas Cage), der nichts mehr liebt als Publicity, übernimmt die Untersuchung, zumal sein bester Freund Kevin Dunne (Gary Sinise), ein ranghoher Offizier, für die Sicherheit des Ministers zuständig war und Hilfe benötigt. Eine geheimnisvolle Zeugin (Carla Gugino) versucht unterdessen verzweifelt, das Gebäude zu verlassen, denn sie weiß mehr über das Attentat - unter anderem, dass Kevin Dunne der Drahtzieher ist.
Eine Suche nach der Zeugin entbrennt. Santoro muss sie finden, um sie zu befragen, Dunne muss sie finden, um sie zu beseitigen...

Brian de Palmas SPIEL AUF ZEIT (Snake Eyes) beginnt mit einer atemberaubenden Sequenz, die über 12 Minuten ohne sichtbaren Schnitt auskommt (tatsächlich gibt es acht), und in der die Kamera Nicolas Cage durch sämtliche Räume der Boxarena verfolgt, während die einzelnen Charaktere vorgestellt werden. Diese Kamera-Bravour geht natürlich zurück auf Orson Welles' "Im Zeichen des Bösen" (1958), der ebenfalls mit einem Attentat begann, und dessen Eröffnung bereits von Scorsese und Paul Thomas Anderson kopiert wurde. Trotz der vielen, vielen Dialoge und Figuren, die man sich in kürzester Zeit einprägen muss, weil sie später wichtig werden, läuft SPIEL AUF ZEIT in dieser Passage auf Hochtouren. Bis zum Moment, in dem der Schuss fällt und die Zuschauer in Panik die Halle verlassen, ist de Palmas Film ein Meisterstück.

Leider geht es danach bergab. Obwohl de Palma einige gute Einfälle und Set Pieces (wie die Verfolgung von Gugino durch das Hotel-Labyrinth) einstreut, die das Interesse gelegentlich wieder aufflackern lassen, wird die anfängliche Brillanz durch flache Dialoge, einen uninteressanten Hintergrund und ein katastrophal konstruiertes Ende nahezu zerstört. Dazu kommen mehrere absurde Unglaubwürdigkeiten wie eine völlig verlassene Damentoilette, in der Carla Gugino sich in aller Ruhe das Blut von den Händen wäscht, während draußen 14.ooo (!) Zeugen festgehalten werden, von denen offenbar niemand auf die Toilette muss.
Ursprünglich hatte Brian de Palma ein völlig anderes Ende im Sinn, in dem eine gigantische Flutwelle Atlantic City quasi als göttliche Bestrafung überrollt. Aus Budgetgründen musste er auf dieses spektakuläre Ende verzichten. Jetzt ist das Finale ein Zusammentreffen von Zufällen und Klischees, und die emotionale Wirkung gleich Null, ganz besonders, wenn man die Eröffnung noch im Kopf hat.

Wie in all seinen Filmen zitiert de Palma auch in SPIEL AUF ZEIT ausgiebig die Filmgeschichte, darunter seinen eigenen "Blow Out" (1981), in dem ebenfalls der Ablauf eines Attentats im Laufe des Films mehrfach beleuchtet wird. Oft wurde in Kritiken zu SPIEL AUF ZEIT Kurosawas "Rashomon" (1950) erwähnt, doch hier wird nicht ein- und dasselbe Ereignis aus unterschiedlicher Perspektive unterschiedlich gedeutet, sondern die ständige Wiederholung jenes Ereignisses aus verschiedenen Blickwinkeln ergibt erst das gesamte Bild.

Thematisch geht es in SPIEL AUF ZEIT wie so oft bei de Palma um das Sehen und die Deutung dessen, was man sieht. Überwachungskameras spielen wieder eine große Rolle, die Lösung des Rätsels findet Nicolas Cage in einem Gerät, das "fliegendes Auge" genannt wird. Carla Gugino verliert bei der Massenpanik ihrer Brille und kann fortan alles nur noch verschwommen sehen. Nicolas Cage spielt einen Cop, der überhaupt nur wegsieht anstatt genau hinzuschauen. Wenn er es endlich tut, sieht er lauter Dinge, die er gar nicht sehen will.
Cage ist für diesen negativen, eitlen und schmierigen Typ die perfekte Besetzung, und man sieht ihm die Lust an, mit der er sich in diese unkorrekte Rolle wirft (sein Timing in der für ihn schwierigen Eröffnungssequenz ist perfekt). Gary Sinise zeigt ebenfalls eine ansprechende Leistung, und als naives Mädel mit guten Absichten kann Carla Gugino einigermaßen überzeugen, wenngleich man ihr die Wissenschaftlerin nicht ganz abnimmt. Eine geradezu schreckliche Vorstellung liefert John Heard als Strippenzieher des Attentats, er spielt eine einzige Karikatur.

Für de Palma-Fans gibt es viel zu sehen in SPIEL AUF ZEIT, in dem jeder technische Trick weidlich genutzt wird, von Zeitlupe über Split-Screen bis zu verschachtelten Rückblenden. In einer bemerkenswerten Passage wandert seine Kamera über mehrere Hotelzimmer hinweg, bis sie das richtige erreicht hat, und wir werden Zeuge von Menschen, die sich in ihren Zimmern unbeobachtet glauben. Dazu gibt es wieder den gemalten Sonnenuntergang (diesmal im Konferenzzimmer), der Erlösung verspricht, eine wichtige Fahrstuhl-Sequenz und eine falsche Blondine, die eine Brünette ist ("Familiengrab" lässt grüßen).
Den Abspann sollte man übrigens trotz des fürchterlichen Popsongs vollständig sehen, denn de Palma endet in seiner letzten Einstellung mit einem ironischen Kommentar, der nicht zufällig an "Sisters" (1972) erinnert.

Letztlich ist es der typisch Hitchcocksche MacGuffin (hier ein fehlerhaftes Raketenabwehrsystem), der SPIEL AUF ZEIT so enttäuschen macht. Nach dem raffinierten Aufbau und spektakulärem Beginn bleibt er als Hintergrund für die Geschehnisse vollkommen uninteressant. Trotzdem ist de Palmas ambitionierter Echtzeit-Thriller über weite Strecken ein visueller Augenschmaus, der von mehrfachem Sehen profitiert.
Mir persönlich ist ein etwas misslungener de Palma ohnehin zehnmal lieber als jeder 08/15-Thriller aus untalentierterer Hand.

07/10

Kommentare:

  1. Schön, eine de Palma Retrospektive. "Spiel auf Zeit" ist ebenfalls ein unterschätzter Thriller, der kameratechnisch überwältigend ist.

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  2. Hi Ray, ja irgendwie hatte ich die Phase ab der 90er bislang noch gar nicht abgedeckt. Mir hat "Spiel auf Zeit" mit leichten Abstrichen wieder gut gefallen, wie alle de Palmas wirkt er aber im Kino noch besser. Liebe Grüße!

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