Sonntag, 12. Dezember 2010

Scarface (1983)

Der amerikanische Traum lebt.
Vom Tellerwäscher (im wahrsten Sinne) zum Millionär schafft es der kubanische Kleinkriminelle Tony Montana (Al Pacino), der sich während einer Flüchtlingswelle als politischer Gefangener Kubas ausgibt, um in den USA sein Glück zu versuchen. Seinen Job in einer schmierigen Imbissbude gibt er bald auf, um als Drogenkurier zu arbeiten. Seine Abgebrühtheit und Furchtlosigkeit zahlen sich aus, so steigt er immer höher in der Hierarchie der Drogenbosse, bis er selbst ein ganzes Imperium führt, kopfüber in Bergen von Kokain versinkt und alle Menschen in seiner Umgebung demütigt.
Sein Zwang zur Selbstzerstörung ist nicht mehr unter Kontrolle. Längst den mächtigen Drogenbaronen ein Dorn im Auge, schicken sie ein Todeskommando los, um das "Narbengesicht" zu eliminieren. Es folgt das blutige Ende von Tony in seinem eigenen Palast, unter einer Weltkugel mit der Aufschrift "The World is Yours"...

Brian De Palmas SCARFACE (Scarface) war kein Hit an den Kinokassen. Zu dreckig, zu zynisch und zu hässlich wirkte das Gangsterdrama auf das Publikum. Heute gilt er als einer der besten Filme der 80er, und Tony Montana gehört für immer zu den einprägsamsten Rollen Al Pacinos, der sich hier förmlich die Seele aus dem Leib spielt.

Mit seinen fast drei Stunden Laufzeit fordern de Palma und sein Drehbuchautor Oliver Stone, der wie üblich gnadenlos gut recherchiert hat und tiefe Einblicke hinter die Kulissen der Drogenszene gewährt, dem Zuschauer einiges ab, und dazu gehört nicht nur die fürchterliche Synthesizer-Musik von Giorgio Moroder, der sich gerade auf dem Gipfel seiner (mir unerklärlichen) Popularität befand.
SCARFACE ist in der Tat ein für de Palmas Verhältnisse ungewohnt hässlicher Film, der zu keiner Sekunde um Sympathie für seine Protagonisten buhlt oder irgend etwas beschönigt. Die Gewalt ist roh, die Dialoge vulgär (das 'F-Wort' wird an die 200mal erwähnt, was seinerzeit zu heftigen Kontroversen führte), die Charaktere witzloser, ungebildeter Abschaum. Der einzige, für den der Zuschauer so etwas wie Mitleid empfindet, ist Pacinos Kumpel Steven Bauer, der hübsch, dumm und zum Tode verurteilt ist, sobald er den Film betritt, der aber als loyaler Freund zumindest eine positive Charaktereigenschaft besitzt.

Nur wenig von de Palmas üblichem visuellen Bombast findet sich in SCARFACE, dem es mehr um Substanz und Realismus geht (wenngleich dieser Realismus bewusst überzeichnet ist). Neben einigen Slow-Motion-Sequenzen sind es die kleinen Details, in denen man den Regisseur erkennt, etwa der gemalte Sonnenuntergang hinter der schäbigen Imbissbude, in der Pacino zu Beginn des Films arbeitet. Dieser künstliche Sonnenuntergang findet sich mehrfach in SCARFACE und verspricht den Traum von einem Paradies, das die Charaktere nie erreichen werden. Im späteren "Carlito's Way" (1993) wird Pacino sein Leben unter genau so einem Sonnenuntergang aushauchen.

Neben den bereits erwähnten Protesten seitens der Kritiker und Kinobesitzer wegen des Gebrauchs von Fäkalsprache, sorgte vor allem de Palmas Gewaltdarstellung für einen Aufruhr, insbesondere die Szene, in der Pacino von Drogendealern mit einer Kettensäge gefoltert wird, mit der bereits ein Kollege zerstückelt wurde. Diese Sequenz ist tatsächlich schwer zu verdauen, ihre Wirkung entsteht aber nicht durch das, was sie zeigt, sondern das, was sie weglässt. De Palma hat seine Lektionen von Hitchcock gelernt und weiß, dass die Suggestion viel effektiver sein kann als Drastik. Zudem muss die Frage erlaubt sein, ob es angemessen ist, in einem Film über die Machenschaften der Drogenkartelle die Gewalt zu ästhetisieren oder abzuschwächen.
Möglicherweise ging es den Moralhütern gar nicht so sehr um Gewalt und Gossensprache, sondern um die unangenehme, inzestuöse Beziehung, die Pacinos Tony zu seiner Schwester Gina (Mary Elizabeth Mastrantonio mit dem absurdesten Afro, den die Filmwelt je gesehen hat) pflegt.

So oder so, der Film steckt voller Dinge, die man eigentlich gar nicht sehen will, aber de Palma inszeniert sein Epos so packend und straff (trotz seiner Länge kommt nie Langeweile auf, die drei Stunden vergehen praktisch wie im Flug) und stattet es mit so vielen Set Pieces aus, dass man selbst überrascht ist, wie sehr eine Geschichte voller abstoßender Charaktere fesseln kann. Dass man immer nah an Pacino dran ist und nie das Interesse an ihm verliert, ist ein Beweis seiner unglaublichen Kunst und Fähigkeit, Figuren zum Leben zu erwecken.
De Palma und Stone geben ihm und seinen Mitspielern, darunter Michelle Pfeiffer als spindeldürre, ständig koksende Gangsterbraut, keinerlei Hilfestellung, um das Publikum an sie zu binden, sie machen sich sogar mehrfach über die Figuren und deren Geschmacklosigkeit, Dummheit und Eitelkeit lustig. Möglicherweise erklärt sich der finanzielle Reinfall des Films dadurch, dass seine Rohheit und Sperrigkeit zum Kino der 70er gehört. 1983 aber waren die staunenden Kinderaugen und fantastischen Welten von Spielberg, Lucas & Co. angesagt.

Auf das Original "Scarface" von Howard Hawks aus dem Jahr 1932 wird von de Palma nur in einer einzigen Szene angespielt, wenn spät im Film Pacino, Pfeiffer und Bauer in eleganter Abendkleidung in einem Restaurant sitzen und Pacino sämtliche Gäste beleidigt. Übersatt, betrunken, zugekokst und frustriert verkörpert er in dieser Sequenz das Zerrbild vom amerikanischen Traum, und sein Vorwurf an die pikierten Gäste, sie können froh sein, dass es Menschen wie ihn gäbe, auf die man mit dem Finger zeigen kann, die aber die Drecksarbeit erledigen, ist nicht von der Hand zu weisen.

Mit SCARFACE wollte de Palma, der unter dem ständigen Vorwurf litt, nur ein Hitchcock-Epigone zu sein, ein ganz und gar eigenständiges Epos schaffen, über das die Welt spricht. Und er wollte Anerkennung. Mit Stone und Pacino hatte er zwei respektierte, anspruchsvolle Namen an seiner Seite. Außerdem wollte er nach dem finanziellen Flop "Blow Out" (1981) die Gunst des Publikums zurück.
Die Anerkennung blieb ihm (zunächst) versagt, stattdessen erntete er einen Sturm der Entrüstung und Ablehnung von allen Seiten. Heute besitzt SCARFACE eine große Fangemeinde, er ist ein moderner Klassiker des Gangsterfilms, und Al Pacinos Darstellung zählt zu den großen One-Man-Shows der Filmgeschichte.

09/10


Tony Montana (Pacino) kämpft ums Überleben - erfolglos.

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