Montag, 27. Dezember 2010

Please Give (2010)

PLEASE GIVE (Please Give) gehört zu den Geheimtipps und Entdeckungen, die einen Filmfreund glauben lassen, dass es doch noch Sehenswertes im aktuellen Kino gibt und das gute Autorenkino noch nicht ganz ausgestorben ist.

Worum geht es?
Kate (Catherine Keener, wie immer wundervoll und ganz ohne Botox gealtert) kauft Möbel aus den Hinterlassenschaften frisch Verstorbener und verkauft diese teuer in ihrem Vintage-Möbelgeschäft, das sie mit Ehemann Alex (Oliver Platt) betreibt. Wegen dieser etwas unmoralischen Geschäftspraxis entwickelt sie ein dermaßen schlechtes Gewissen, dass sie an keinem Obdachlosen vorbeigehen kann, ohne ihm etwas zuzustecken. Gleichzeitig wartet sie darauf, dass die alte Nachbarin (Ann Guilbert) endlich stirbt, damit sie das Apartment bekommt und einen Durchbruch zu ihrer Wohnung machen kann.
Die beiden Enkelinnen der alten Dame könnten unterschiedlicher nicht sein. Die sarkastische und zickige Mary (Amanda Peet), eine Kosmetikerin, die nur auf Äußerlichkeiten achtet, beginnt eine Affäre mit Kates Ehemann. Die schüchterne Röntgenassistentin Rebecca (Rebecca Hall) wagt sich dagegen erstmals an eine Beziehung. Kates pubertierende Tochter Abby (Sarah Steele) hingegen ist verzweifelt wegen ihrer Pickel und der Tatsache, dass Mami lieber 20 Dollar einem Obdachlosen gibt als ihr neue Jeans zu kaufen...

Mit PLEASE GIVE ist Regisseurin/Autorin Nicole Holofcener eine federleichte, anspruchsvolle und bitter-komische Gesellschaftssatire gelungen, die allein von den Charakteren lebt. Ein Plot ist so gut wie nicht vorhanden, stattdessen steuert der Film episodenhaft von einer großartigen Szene zur nächsten. Das Ensemble aus hochkarätigen Schauspielern (nicht Stars) befindet sich in höchster Spiellaune.
Ein wenig erinnert PLEASE GIVE an die besten Filme Woody Allens. Nicole Holofcener hat einen genauen Blick für menschliche Schwächen und peinliche Situationen (Catherine Keener verschenkt Essen an einen vermeintlich Obdachlosen, der sich als lediglich schlecht angezogener Restaurant-Gast entpuppt und spricht über den Durchbruch zur Nachbarswohnung, während die alte Wohnungsbesitzerin neben ihr sitzt und brav ihren Kuchen isst) und kann beides sowohl komödiantisch als auch dramatisch aufbereiten. Die Charaktere sind reich an Facetten, jeder von ihnen offenbart im Laufe des Films mehr Seiten als man ihm anfangs zugestehen mag. Das Lachen bleibt einem ein ums andere Mal im Halse stecken, und die emotionalen Momente berühren tief, ganz so wie Nicole Holofcener es gerade möchte.

PLEASE GIVE (der von Holofcener zunächst "The Cake Is Good" betitelt wurde, als niemandem ein passender Titel einfiel) beginnt mit einer fürs amerikanische Kino gewagten Provokation, nämlich mit einer Montage nackter Brüste aller Altersgruppen, die zwecks Mammografie auf dem dafür vorgesehenen Objekttisch ausgerichtet werden. Die Regisseurin meinte dazu, sie wollte die ganzen Brüste lieber am Anfang haben, damit das Publikum beruhigt sei und sich die Hauptdarstellerinnen später nicht ausziehen müssen. Dieser sympathische, bissige Humor findet sich durchgehend in PLEASE GIVE, den ich zum besten Film des Jahres küren würde, der neben allem 3D-Schrott und gehyptem Mainstream-Quark vollkommen am Publikum vorbeiging, und der auch bei den Oscars im kommenden Frühjahr garantiert übersehen wird. Jede Wette!

9,5/10

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