Montag, 20. Dezember 2010

Mission to Mars (2000)

"2001 für Dummys".
So nannte der amerikanische Kritiker Jeffrey Westhoff Brian de Palmas Weltraumoper MISSION TO MARS (Mission to Mars), die zur Jahrtausendwende in die Kinos kam, und da steckt viel Wahrheit drin.
Der Vergleich mit Stanley Kubricks großem Sci-Fi-Werk liegt so nahe, dass de Palma zur Absicherung überdeutliche Anspielungen einbaut, und obwohl sein Film visuell grandios inszeniert ist, sind die Schwächen des Drehbuchs offensichtlich. Während Kubrick die Geheimnisse und Mysterien des Alls für sich behält, wird in MISSION TO MARS für jede merkwürdige Begebenheit eine dümmliche und hanebüchene Erklärung hinausgeplärrt. Die Zeiten haben sich geändert. Ein philosophisches Meisterwerk wie "2001" (1968), das mehr Fragen aufwirft als beantwortet (was der Sinn des Science Fiction-Genres ist), ist heute nicht mehr möglich.

Worum geht es? Nachdem der Kontakt zu einer Marsmission abgebrochen ist, wird eine Rettungsmission auf den Weg geschickt, um nach dem rechten zu sehen. An Bord befinden sich der Kommandant Tim Robbins, seine Frau Connie Nielsen, sowie die Astronauten Gary Sinise (wer hat dem armen Schauspieler bloß dieses schlimme Makeup verpasst?) und Jerry O'Connell, der das junge Zielpublikum abdecken soll und für die wenigen Anflüge von Humor in einem Film sorgt, der sich viel, viel zu ernst nimmt.
Auf dem Weg zum Mars muss die Crew mit allerlei Katastrophen und dem frühen Tod von Robbins fertig werden. Als die Überlebenden endlich den Mars erreichen, finden sie einen durchgeknallten Don Cheadle (er wird aber schnell wieder geistig gesund), der noch von der ersten Mission übrig geblieben ist, und gemeinsam entdeckt man das Geheimnis des Planeten, die Antworten auf alle Fragen der Menschheit und ein weinendes Marsmännchen... nein, das habe ich mir nicht ausgedacht.

Sieht man einmal vom aufdringlichen Product Placement ab ('M&M's und 'Dr. Pepper' sind nicht nur ständig im Bild, sie werden auch noch für wichtige Handlungselemente benutzt!), und ignoriert man die penetrante Werbung für die NASA und das allgemeine Hurra-Patriotismus-Gefühl des Films (schon erstaunlich von einem Regisseur, der in den 70ern mit seinen Erstlingsfilmen geradezu subversive, regierungskritische Satiren inszeniert hat), dann bleibt immer noch das löchrige Drehbuch, das aus sämtlichen Sci-Fi-Filmen der letzten 40 Jahre zusammengeklaut ist. Es finden sich Elemente aus "Contact" (1997), "The Abyss" (1989), "2010" (1984), "Lautlos im Weltraum" (1972) und etlichen weiteren Werken. Die Charaktere sind eindimensional, und die Dialoge bestenfalls funktional.

Das ist alles noch erträglich - bis zur letzten Viertelstunde. Spätestens, wenn sich die Astronauten und das golden leuchtende CGI-Marsmännchen die Patschehändchen reichen, sich furchtbar lieb haben und das Publikum eine neue Evolutionstheorie per Animation serviert bekommt, erreicht MISSION TO MARS erschreckendes Kindergarten-Niveau, und man staunt, dass die Darsteller in der Lage sind, ernst zu bleiben angesichts von so viel Naivität und unfreiwilliger Komik. Man wird unwillkürlich an Spielbergs vermurksten "A.I." (2001) erinnert, der ebenso einen anspruchsvollen Stoff im dritten Akt zum Kindermärchen verramscht.
Die Frage übrigens, warum die Marsianer nach der Zerstörung ihres Heimatplaneten nicht einfach auf die Erde umgesiedelt sind, die doch am nächsten lag und ideale Lebensbedingungen bot, wird bezeichnernderweise nicht beantwortet - weil der Plot idiotisch ist.

Unbestritten ist aber auch die Tatsache, dass MISSION TO MARS ein visuell außergewöhnlich schöner Film ist. Die Tricks sind hervorragend, die Marsbilder besitzen eine authentische Qualität (wenn man "authentisch" in dem Zusammenhang gebrauchen kann), und de Palmas Kamera sorgt für einige atemberaubende Sequenzen.
Wie so oft beginnt er den Film mit einem langen, ununterbrochenen Tracking Shot zur Vorstellung seiner Charaktere auf einer Party (der Beginn ist gleichzeitig viel zu geschwätzig), später inszeniert er eine beeindruckende Actionsequenz (der fatale Riss in der Außenwand des Raumschiffs), die durch ihre extreme Langsamkeit und Ennio Morricones ungewöhnliche Musik enorme Spannung erzeugt. Ein Tanz der Protagonisten in der Schwerelosigkeit sowie der Filmtod von Tim Robbins in der beklemmenden Stille des Alls sind ebenfalls exzellent in Szene gesetzt - wenngleich der Film trotz seines Bemühens um emotionale Momente stets kalt und unnahbar bleibt. Hätte de Palma ein besseres Drehbuch zur Verfügung gehabt, was hätte das für ein Film werden können?

Die Besetzung ist gut, da aber keine der Figuren interessant geschrieben ist, bekommt auch niemand Gelegenheit, zu glänzen. Gary Sinise kämpft erfolglos gegen sein Makeup an, Connie Nielsen ist viel zu eisig (das war sie schon in "Gladiator", 2000), Tim Robbins spielt so gut wie gar nichts, und Armin Müller-Stahl spielt als NASA-Kommandant das, was er seit zwanzig Jahren immer spielt, und das nicht einmal besonders gut, er ruht sich nur auf seinem Ruf aus.

MISSION TO MARS war neben dem unspektakulären "Red Planet" (2000) und John Carpenters B-Film "Ghosts of Mars" (2001) einer von drei Marsfilmen, die relativ zeitnah entstanden. Da keiner der Filme ein finanzieller Hit war (wobei de Palmas Film noch am besten abschnitt), wurde das Thema Mars schnell zu den Akten gelegt.

04/10

Hallo, liebe Kinder, seid ihr alle da? - Intergalaktisches Kasperletheater in "Mission to Mars"

Kommentare:

  1. Grins...also so schlimm war das intergalaktische Kasperle doch gar nicht. Mir hat der Film - trotz diesem kleinen Aussetzer - ganz gut gefallen. LG Ray

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  2. Lieber Ray, naja, also ich fand's schon ganz schön schlimm, ich hab' ihn zweimal im Kino gesehen (unverbesserlicher De Palma-Fan), und beide Male wurde beim Auftritt des Männchens gebuht und gelacht, ich habe mich wirklich fremdgeschämt. In meiner De Palma-Rangfolge steht "MtM" auf dem letzten Platz. Liebe Grüße!

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