Donnerstag, 16. Dezember 2010

Femme Fatale (2002)

Die Franzosen liebten die Filme Brian de Palmas schon immer mehr als die Amerikaner, dort gilt der Regisseur verdientermaßen als großer Filmkünstler.
Für FEMME FATALE (Femme Fatale) erhielt er in Frankreich Carte Blanche und durfte seinen Film frei inszenieren, ohne Einmischungen von Studios oder Kompromisse an den Massengeschmack. Herausgekommen ist ein Geschenk für de Palma-Fans, eine weitere visuell erlesene Hitchcock-Hommage mit verschachtelter Erzähltechnik und dem Einsatz sämtlicher filmästhetischer Mittel, die den Regisseur berühmt gemacht haben.
Die Frage ist nur - ist FEMME FATALE ein guter Film?

FEMME FATALE erzählt von der skrupellosen, schönen Laure Ash (Rebecca Romijn-Stamos), die mit ein paar Gangstern bei den Filmfestspielen in Cannes einen spektakulären Diamantenraub durchführt und mit den erbeuteten Steinen durchbrennt. Verfolgt von den wütenden Kumpanen, kann sie sich bei einem Ehepaar verstecken, deren verschwundener Tochter sie zum Verwechseln ähnlich sieht. Als die Tochter zurückkehrt und sich vor den Augen von Laure erschießt, übernimmt die Diebin deren Identität und flüchtet nach Amerika, wo sie den Politiker Bruce (Peter Coyote) kennen lernt und ein neues Leben als dessen Botschaftergattin beginnt. Jahre später macht ein Paparazzo (Antonio Banderas) heimlich Fotos von der Dame, wodurch ihre alten Diebeskollegen wieder auf ihre Spur kommen. Laure erspinnt einen raffinierten Plan, sie für immer loszuwerden und dazu noch an das Geld ihres Mannes zu kommen...

Zugegeben, eine knappe Inhaltsangabe ist schwierig, weil die von de Palma selbst erdachte Geschichte außerordentlich kompliziert scheint.
Die Hitchcock-Anspielungen sind offensichtlich - eine Diebin in der Hauptrolle ("Marnie", 1964), das Motiv der blonden/brünetten Doppelgängerin und ein hinterhältig eingefädelter Mordplan ("Vertigo", 1958) sind nur einige.
Die Struktur des Films und die überraschende Wendung borgt sich de Palma hingegen von Fritz Langs "Gefährliche Begegnung" (1944), einem Meisterwerk des Film Noir. Hier wie dort stellt sich gegen Ende heraus, dass weite Teile des Films lediglich von der Hauptfigur geträumt wurden und die Hauptakteure lediglich Passanten und andere Unbeteiligte waren, die vom Unterbewusstsein des Träumers verarbeitet wurden.
De Palma verbirgt das nicht, sondern streut gezielte Hinweise für den aufmerksamen Zuschauer ein, etwa das ständige Eingießen von Wasser am Bildrand, eine Rolle Isoliermaterial, ein Plakat oder eine Uhr, die immer dieselbe Zeit anzeigt. Und er benutzt diesen Kniff nicht als simple Überraschung, sondern arbeitet das Traum-Motiv auch thematisch ein, wenn er der Frage nachgeht, inwieweit Lebensweg und Schicksal vorherbestimmt sind.
Diese philosophischen Betrachtungen bleiben allerdings Fragmente in einem Film, der ohnehin nur aus Fragmenten und Zitaten besteht. FEMME FATALE ist eine Collage, ähnlich derer in Antonio Banderas' Apartment (gestaltet von de Palmas Bruder Bart). Das Bild zeigt den Blick aus Banderas' Apartment und besteht aus einzelnen Ausschnitten, die bei unterschiedlicher Tageszeit und Wetter aufgenommen wurden, so dass ein irritierendes Gesamtkunstwerk daraus entsteht, dessen Geheimnis man nicht auf den ersten Blick erkennt, und so möchte de Palma auch FEMME FATALE verstanden wissen.

Das Problem mit FEMME FATALE ist - hinter all den Split-Screen-Montagen, Zeitlupen, Traumsequenzen und Rückblenden steckt eine furchtbar künstliche, überkonstruierte Geschichte, die absolut belanglos bleibt. De Palmas Charaktere sind eindimensionale Schachfiguren, die vom Regisseur beliebig übers Brett geschoben und neu angeordnet werden, aber kein Eigenleben besitzen, sie sind bei näherer Betrachtung geradezu erschreckend flach und langweilig. Hat sich de Palma in seinen frühen Werken neben der Erzähltechnik und den Hitchcock-Hommagen noch für seine Figuren interessiert, ähneln seine Filme heute stilistischer Selbstbefriedigung.

Die Schauspieler sind gegen den visuellen Bombast praktisch chancenlos. Antonio Banderas' Paparazzo besitzt nicht die Spur von Charakter, wir erfahren nichts über seinen Hintergrund. Entsprechend gelangweilt spielt er seinen Part. Banderas ist angeblich auf die Bitte seiner Ehefrau Melanie Griffith (Hauptdarstellerin in de Palmas "Fegefeuer der Eitelkeiten", 1990, und "Body Double", 1984) eingesprungen, weil de Palma Probleme hatte, einen Hauptdarsteller zu finden. Angesichts des Drehbuchs ist das nicht verwunderlich.
Rebecca
Romijn-Stamos bleibt - obwohl schön anzuschauen - blass und hilflos angesichts von Dialogen wie "Ich bin ein böses Mädchen, Nicolas, sehr böse, durch und durch verdorben!"
Dass FEMME FATALE für sie eher einen Karriereknick bedeutete, spricht für sich. Peter Coyote bekommt die überhaupt ödeste Rolle des gesamten Films, er sitzt oder steht nur herum und sagt seinen Text auf. Das Wiedersehen mit de Palma-Veteran Gregg Henry ("Body Double") ist nett, mehr aber auch nicht. Am meisten Spaß haben (und machen) die Franzosen Edouard Montoute und Eriq Ebouaney als Kriminelle, sie bekommen aber viel zu wenig Filmzeit.

Ohne Frage, de Palma hat mit FEMME FATALE einen weitgehend kompromisslosen Film inszeniert. Allein seine Entscheidung, alle Franzosen im Film französisch sprechen zu lassen und zu untertiteln (weswegen die Hälfte aller Dialoge vom Zuschauer mitgelesen werden muss) reicht schon, das Publikum gegen sich aufzubringen. Mit der Traum-Auflösung, so gut sie auch umgesetzt ist, erntet er ebenfalls mehr Buhrufe als Beifall. Kein Wunder also, dass der Film ein katastrophaler Flop an den Kinokassen war.
Brian
de Palma hat in seiner Karriere oft den Spagat zwischen Mainstream-Anerkennung und Avantgardismus versucht. Für einen echten Arthouse-Film aber fehlt es FEMME FATALE schlicht an inhaltlicher Substanz. Sogar ein formal geschliffenes Kunstwerk wie "Letztes Jahr in Marienbad" (1961) bietet auf dieser Ebene mehr.

Erwähnt werden muss noch die ca. 20-minütige Eingangssequenz, die zwar dieses Mal nicht ohne Schnitt auskommt (à la "Spiel auf Zeit", 1998), aber den Diamantenraub in Echtzeit schildert, weitgehend stumm, unterlegt mit einer "Bolero"-Variante des Filmkomponisten Ryuichi Sakamoto und garniert mit einer Sexszene zwischen Romijn-Stamos und Rie Rasmussen auf der Damentoilette. Da hat sich de Palma wohl einen Traum erfüllt, der erzählerische Sinn dieses erotischen Stelldicheins geht gegen Null. Auch der ausgedehnte Striptease von Romijn-Stamos kurz vor dem Finale bringt den Film nicht weiter und dient lediglich einem Altherren-Voyeurismus. Nein, erotisch ist FEMME FATALE nicht wirklich, trotz der nackten Haut. Und wirklich spannend ist er auch nicht, weil man - und das geht überraschend gegen das Hitchcock-Prinzip - als Zuschauer nie mehr weiß als die Figuren und von de Palma immer auf Abstand gehalten wird. Man darf zuschauen, aber bitte nicht mitfühlen oder anfassen. Eine filmische Peep-Show, wenn man so will.

Was soll man also von FEMME FATALE halten?
Beim ersten Sehen war ich von der optischen Brillanz überwältigt und freute mich als alter de Palma-Fan über die vielen Zitate und Techniken. Aber anders als etwa ein "Spiel auf Zeit" wird FEMME FATALE bei wiederholtem Sehen immer schwächer, weil zu offensichtlich wird, dass hinter dem ganzen Bombast nur gähnende Leere herrscht. Man wünscht sich einen einzigen natürlichen oder authentischen Moment, bekommt aber nur perfekt arrangierten Hochglanz-Schick.

In der ersten Einstellung des Films sehen wir Billy Wilders "Double Indemnity" (1944) mit Barbara Stanwyck als Vorbild aller Femmes Fatales. "Double Indemnity" ist ein Film, den man unendlich oft sehen kann, der neben seiner raffinierten Geschichte klasse Dialoge und faszinierende Charaktere bietet.
FEMME
FATALE hat schon beim zweiten Mal seinen Reiz verloren, weil ihm diese Qualitäten leider komplett abgehen.

06/10

Nein, keine Dusche, sondern eine Damentoilette - "Femme Fatale"

Kommentare:

  1. Hi Mathias, die damaligen Rezension war wiklich viel besser ausgefallen. Ich finde den Film ja immer noch sehr, sehr gut...allerdings hab ich ihn bislang auch kein weiteres Mal angeschaut. LG Ray

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  2. Hi Ray, ja, manchmal ist es komisch, ich fand den damals wirklich großartig, aber so beim dritten Sehen fällt er doch arg auseinander und nimmt sich auch zu ernst (und das bei der dünnen Story). Ich konnte ihm kaum noch etwas abgewinnen. Die älteren de Palmas wie "Dressed to Kill" und "Body Double" kann ich dagegen hundertmal sehen. Liebe Grüße!

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