Donnerstag, 9. Dezember 2010

Die Mächte des Wahnsinns (1994)

John Carpenters DIE MÄCHTE DES WAHNSINNS (In the Mouth Of Madness) fiel 1994 bei Kritikern weitgehend durch und erreichte auch kein nennenswertes Publikum. So musste der Regisseur wieder einmal den Flop eines ambitionierten Projekts verdauen. Wie schon zuvor geschehen, hat auch dieser Film in den letzten Jahrzehnten seinen Ruf deutlich verbessert und gilt heute als sehenswerter Genre-Beitrag, vielleicht sogar als einer von Carpenters besten "Spät"-Filmen.

Sam Neill, der zum zweiten Mal nach "Jagd auf einen Unsichtbaren" (1992) für John Carpenter vor der Kamera stand, spielt hier den abgezockten Versicherungsdetektiv Trent, der von einem renommierten Verleger (Charlton Heston) beauftragt wird, den verschwundenen Horror-Autor Sutter Cane aufzuspüren, dessen neues Werk "Die Mächte des Wahnsinns" groß herauskommen soll.
Bei seinen Nachforschungen stößt er auf einen fiktiven Schauplatz aus Sutters Büchern namens "Hobb's End". Zusammen mit der Lektorin Linda Styles (Julie Carmen) gelingt es ihm, diese mysteriöse Kleinstadt nach einer alptraumhaften Autofahrt durch die Nacht zu finden. Dort häufen sich surreale Ereignisse und Begebenheiten, und Trent muss erkennen, dass mit dem neuen Werk des Kultautors die Apokalypse über die Welt kommen wird. Vielleicht hat er aber auch seinen Verstand verloren. Oder befindet er sich selbst in einer von Sutter Canes Geschichten und ist nur die Figur eines Romans? ...

Fragen über Fragen, zu denen es nicht viele bis gar keine Antworten gibt. DIE MÄCHTE DES WAHNSINNS wurde von Carpenter selbst als Abschluss seiner "apokalyptischen Trilogie" bezeichnet, zu der die Vorgänger "Das Ding aus einer anderen Welt" (1992) und "Die Fürsten der Dunkelheit" (1987) gehören. In allen drei Filmen geht es um das mögliche Ende der Welt, wie wir sie kennen, und den erfolglosen Versuch, es zu verhindern. Diese Apokalypse sieht jedes Mal anders aus. Mal ist es eine außerirdische Lebensform, dann iste s der Herr Satan persönlich, hier nun steckt der Teufel im Medium selbst, dem Buch. Der Autor ist Prophet und Auslöser.

Mit der Figur des Sutter Cane (gespielt von einem etwas operettenhaften Jürgen Prochnow samt albern toupierten Haaren) ist natürlich Stephen King gemeint, schon der ähnliche Klang des Namens sollte die Alarmglocken klingeln lassen. Sutter Canes Popularität ist eine übersteigerte Version der King-Mania aus den 80ern, als die Buchläden gar nicht so schnell ihre Auslagen füllen konnten wie ihnen die Exemplare aus der Hand gerissen wurden. In Carpenters Film besitzt der Autor Cane aber eine sehr viel größere Macht. Leser verfallen regelrecht dem Wahnsinn und verlieren den Anschluss an die Realität, beim Ausverkauf kommt es zu Mord und Totschlag. So geht es auch Sam Neill, der schon in der ersten Sequenz in eine Nervenheilanstalt eingeliefert wird, und den wir erst danach in der Rückblendenerzählung als rationalen Zyniker kennen lernen, der er einmal war, bevor der Name Sutter Cane eine Rolle in seinem Leben spielte.

Mit den Werken Kings hat der Film DIE MÄCHTE DES WAHNSINNS dann wieder weniger zu tun, stattdessen greift Carpenter ausführlich auf Elemente H.P. Lovecrafts zurück. Er schafft in der fiktiven Stadt "Hobb's End" einen ganz eigenen Kosmos, in dem nichts mehr real scheint. Die nette alte Lady hinter dem Hoteltresen hat ein paar Leichen im Keller, Figuren auf Gemälden bewegen sich, Kinder tauchen auf und verschwinden, ein Entkommen ist unmöglich.
Hier zeichnet Carpenter einen wahr gewordenen Alptraum und holt Bilder und Ideen direkt aus dem Unterbewusstsein, so etwa die wirklich furchterregende Gestalt eines nächtlichen Radfahrers auf der Landstraße oder die vergeblichen Versuche Trents, aus der Stadt zu fliehen, nur um immer wieder in der gleichen Szenerie zu landen (ein Gruß an die "Nightmare on Elm Street"-Reihe).

Für Horror-Fans gibt es viel zu sehen und zu genießen, neben einigen visuellen Schocks sorgen sich wiederholende, blitzartige Montagen von apokalyptischen Bildern für Unbehagen, und am Ende weiß man mit Sicherheit keinen Ausweg mehr aus diesem Labyrinth. Wenn Sam Neill in der letzten Sequenz ein leeres Kino betritt, in dem die Filmversion von DIE MÄCHTE DES WAHNSINNS läuft, schließt sich nicht nur ein Kreis, es beginnen gleich mehrere neue. Das Publikum bleibt verwirrt zurück.
Carpenter beteiligt den Zuschauer bewusst nicht, sondern lässt ihn nur zusehen. Ein Beleg dafür ist die frühe Szene, in der Sam Neill den Aufenthaltsort von Sutter Cane aufspürt, indem er dessen Buchcover zerschneidet und eine geheime Landkarte entdeckt. Das Publikum hat keinen Schimmer, wie er auf diesen genialen Einfall kommt, und wie genau dieser eigentlich aussieht, ihm wird lediglich das Ergebnis präsentiert. Ist dies nun der Versuch, eine Geschichte zu erzählen, die offensichtlich nicht logisch abläuft, ein Experiment in Auflösung oder Dekonstruktion des Genres? Man weiß es nicht.
Auch später erhält man keine Hilfe beim Durchqueren der Handlung. Dinge passieren links und rechts, einige erschreckend, andere schwarzhumorig (besonders der Auftritt von David Warner als Psychiater mit einer "Omen"-Anspielung). Auch hier bleibt er Lovecraft treu, der ist auch nicht einfach zu lesen.

Hinzu kommt, dass Sam Neills Charakter - obwohl einwandfrei gespielt - keinerlei Identifikationsmöglichkeit bietet, dazu ist sein Trent schlicht zu abgebrüht und selbst ein Rätsel, ganz zu schweigen von seinem eigenartigen Humor. Mit Julie Carmen hat Carpenter eine typische "Hawksian Woman" mit auf die Reise geschickt, intelligent, zäh und schnippisch, aber auch mit ihr wird man nicht warm.

So bleibt DIE MÄCHTE DES WAHNSINNS ein merkwürdig faszinierender Film, in dem doch so wenig einen Sinn zu ergeben scheint, der aber als Ganzes dennoch befriedigt, weil man zumindest seinem Regisseur einen Sinn zugestehen mag - es verhält sich ein bisschen wie mit David Lynch. Der Film profitiert definitiv von mehrfachem Sehen. Obwohl ich nie richtig begeistert bin, steht er doch in schöner Regelmäßigkeit bei mir auf dem Programm. Das müssen die Mächte des Wahnsinns sein...

8.5/10


Und dann ist die Welt plötzlich blau... Sam Neill im Netz der Mächte des Wahnsinns

Kommentare:

  1. Hi Mathias, ich finde "Die Mächte des Wahnsinns" auch sehr interessant und gut. LG Ray

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  2. Hi Ray, was den Horror der 90er angeht, gehört er sogar zu den besten, denke ich, mir fehlt aber immer ein bisschen die starke Spannung der frühen Carpenter-Filme. Ich sehe ihn aber auch immer wieder gern. Liebe Grüße!

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