Donnerstag, 2. Dezember 2010

Das letzte Wochenende (1945)

Als Agatha Christie-Adaption genießt René Clairs DAS LETZTE WOCHENENDE (And Then There Were None) einen ausgezeichneten Ruf.
Christies makaberes Mörderspiel "Ten Little Indians" (früher 'Zehn kleine Negerlein', aus Gründen der politischen Korrektheit heute 'Und dann gab's keines mehr' benannt) wurde mehrfach verfilmt, dennoch gilt diese frühe Version als meisterhaft, was in erster Linie am hochklassigen Ensemble liegt.

Der Inhalt dürfte bekannt sein: zehn Menschen werden auf eine einsame Insel vor der Küste Englands eingeladen, um dort das Wochenende bei ihrem mysteriösen Gastgeber Mr. U.N. Owen (= Unknown) zu verbringen. Kurz nach ihrer Ankunft werden die Gäste per Schallplatte von ihrem Gastgeber mehrerer Verbrechen angeklagt, für sie die nie zur Rechenschaft gezogen wurden. Nun sitzen sie fest, ohne Verbindung zur Außenwelt, zusammen mit einem Mörder, der einen nach dem anderen ins Jenseits befördert. Nachdem die ganze Insel abgesucht wurde und sich kein Mr. Owen finden lässt, müssen die noch Lebenden erkennen, dass der Täter einer von ihnen ist...

DAS LETZTE WOCHENENDE ist ein schwarzhumoriges Ratespiel, das weniger mit echter Spannung glänzt als durch das gut aufgelegte Spiel seiner Spitzendarsteller, die zur Crème de la Crème des britischen Kinos und Theaters gehören. Barry Fitzgerald als verschrobener Richter und Walter Huston als versoffener Arzt haben dabei die besten Parts. In den Nebenrollen brillieren Judith Anderson - unvergessen als 'Mrs. Danvers' in Hitchcocks "Rebecca" (1940) - , Louis Hayward (aus Fritz Langs "Das Todeshaus am Flus", 1950) und Roland Young. Einige von ihnen üben sich amüsant im Overacting, insbesondere Mischa Auer als erstes Mordopfer, aber die meisten schaffen es bereits in der ersten (stummen) Szene des Films, die ihre Überfahrt zur Insel schildert, durch markantes Spiel ihre Charaktere zum Leben zu erwecken.

Im Gegensatz zu anderen Adaptionen wie etwa der 70er-Variante "Ein Unbekannter rechnet ab" (1974) kommt hier Agatha Christies makaberer Humor stärker zur Geltung. Die Gäste sind angesichts der Todesfälle zwar einigermaßen schockiert und in Aufregung (wobei niemals so, wie es tatsächlich Menschen angesichts der Situation wären), aber das Personal zu ermorden ist doch reichlich taktlos, weil man dann nicht mal mehr die Marmelade im Haus findet... Daneben gibt es die typischen Bonmots wie "Traue niemals einem Mann, der nicht trinkt."
Leider wurde auch in dieser Version Christies bitteres Original-Ende zugunsten eines aufgesetzten Happy-Ends aufgegeben, was man nur als schade bezeichnen kann, denn so verliert die Geschichte letztlich ihren Biss und die tragische Note.

Als Zuschauer kann man sich munter an der Suche nach dem Täter beteiligen, und selbst wenn man diesen bereits aus anderen Verfilmungen kennt (ja, es ist derselbe), wird der Spaß kaum geschmälert. Zu viel sollte man allerdings nicht erwarten. DAS LETZTE WOCHENENDE ist kein Suspense-Thriller in Hitchcock-Manier, aber ein gepflegtes britisches Kammerspiel, das heute leicht angestaubt wirkt, aber immer noch gut unterhält.

06/10

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