Mittwoch, 1. Dezember 2010

Das Ding aus einer anderen Welt (1982)

Die Antarktis. Unendliche Weiten. Ein Schlittenhund läuft durch die Schneewüste, verfolgt von einem Hubschrauber. Einer der Piloten schießt auf den Hund. Dieser rettet sich in eine US-Forschungsstation. Die Hubschrauberpiloten jagen sich selbst unabsichtlich in die Luft. Die Männer der Station nehmen den Hund bei sich auf - und holen sich damit Tod und Entsetzen ins Haus, auch bekannt als DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT (The Thing).

Dieses "Ding", vor Urzeiten mit seinem Raumschiff im ewigen Eis gelandet, besitzt selbst keine Form. Es übernimmt Lebewesen und benutzt sie als Hülle fürs eigene Überleben. Bis die Forscher dahinter kommen, welches Grauen sich unter ihnen befindet, hat es längst die Crew dezimiert und ist unaufhaltsam. Niemand weiß mehr, welcher der Männer bereits infiziert ist, oder in welchem Körper sich das "Ding" gerade befindet. Wer ist noch Mensch, wer schon "Ding"? Niemand traut mehr dem anderen, und alles deutet darauf hin, als würde das "Ding" als Letzter triumphieren...

John Carpenter hat Howard Hawks stets zu seinem größten Vorbild erklärt und in allen frühen Filmen reichlich zitiert. Da überraschte es wenig, dass er sich nach dem Erfolg der "Klapperschlange" (1981) Hawks' Klassiker "The Thing" (1951) annahm und ein Remake inszenierte, das aber weniger eine Kopie des Originals darstellt, sondern mehr eine Neuinterpretation des Stoffes, dicht angelehnt an die literarische Vorlage von John W. Campbell Jr. namens "Who Goes There?". War bei Hawks das "Ding" noch ein Darsteller (James Arness) im Gummi-Monsterkostüm, ist es bei Carpenter eine Lebensform, die um einiges zerstörerischer und raffinierter agiert.

DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT stellte sich als katastrophaler Flop an den Kinokassen heraus, was im Rückblick auf den damaligen Kinotrend geschoben wird. Spielbergs "E.T." (1982) hatte gerade die Massen verzaubert, und niemand wollte einen derart grimmigen, nihilistischen Film über eine außerirdische Lebensform sehen, die nicht nach Hause telefonieren will, sondern töten. Aus heutiger Sicht ist es kaum fassbar, dass auch Experten und Kritiker die Qualität des Stoffes verkannten und Carpenter reihenweise als blutrünstigen Gewaltpornopgraphen bezeichneten - ein Vorwurf, der ihn bis heute verfolgt, und der so abwegig erscheint, gerade weil seine Klassiker "Halloween - Die Nacht des Grauens" (1976) und "The Fog" (1979) Musterbeispiele an suggestivem Horror sind.

In der Tat wird in DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT kräftig an der Gewaltschraube gedreht, wobei die Special Effects nicht unbedingt splatterig, dafür aber umso surrealer, phantastischer erdacht sind. Natürlich ist ein abgetrennter Kopf, der langsam vom Seziertisch rutscht, und aus dem plötzlich Spinnenbeine wachsen, mit denen er davonkrabbelt ("You've Got to Be Fuckin' Kidding' Me!", wie einer der Männer passend feststellt) nicht schön anzuschauen, doch das Grauen liegt hier wesentlich tiefer als in den aufgeschlitzten Kehlen des typischen Slasherfilms. Stattdessen zielt Carpenter frontal auf die physische wie metaphorische Verwundbarkeit des Menschen, er kehrt im wahrsten Sinne ihr Innerstes nach außen.
Der menschliche Körper ist für das "Ding" nur ein Nest, eine Transporthülle, die man nach Belieben gebrauchen, verändern und wieder verlassen kann. So bekommen wir grotesk entstellte Formen zu sehen, die manchmal sogar belustigen. Ein offener Bauch entblößt Reißzahnreihen, ein Kopf verschlingt einen Forscher, Blutproben entwickeln ein bizarres Eigenleben, Körperflüssigkeiten, Knochen, Innereien und sogar die Gene spielen verrückt.

Mit Hilfe der unglaublichen Tricks und Masken von Rob Bottin, die heute noch ihresgleichen suchen und jedem modernen CGI-Effekt an Detailfreude, Innovation und Originalität um Welten überlegen sind, entsteht so ein kaum zu beschreibendes Spektakel, in dessen Verlauf der Zuschauer in regelmäßigen Abständen gefordert wird. Carpenter nimmt seinen Film und das "Ding" ernst, todernst.

Neben den technischen Meisterleistungen, der bedrohlichen Musik Ennio Morricones (die stark an Carpenters Kompositionen erinnert und in einigen Szenen auch von ihm selbst hinzugefügt wurde), der brillanten Cinemascope-Fotografie, die das ewige Eis, die Kälte und den Schnee fühlbar macht, begeistert DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT aber auch auf inhaltlicher Ebene.
Wie kaum ein zweiter Film schafft er es, eine Atmosphäre von Paranoia so überzeugend zu bebildern. In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig zu erwähnen, dass Carpenter immer wieder die eindimensionalen bis nicht vorhandenen Charakterisierungen der Forschungscrew-Mitglieder vorgeworfen wurden, welche klar einem nachvollziehbaren Suspense im Weg stehen. Mit anderen Worten, dem Zuschauer ist es herzlich wurscht, wer von den Forschern als nächster draufgeht oder wer am Ende überlebt, weil sie einem sowieso fremd bleiben. Abgesehen von Kurt Russells Hubschrauberpilot MacReady (mit Cowboyhut erneut der schweigsame Outlaw unter den Männern) gibt es keine weitere Identifikationsfigur, beim ersten Sehen ist es sogar schwierig, die Männer auseinander zu halten oder ihre genaue Anzahl zu bestimmen.

Dies ist eine bewusste Entscheidung (Carpenter hat oft genug bewiesen, dass er es anders kann, wenn er denn möchte), die dem Film hilft, eine Atmosphäre des Unberechenbaren zu schaffen und jede Emotionalität zu entziehen. Die Dezimierung der Crew und die Übernahme des Camps durch das "Ding" soll keine klassische Thriller-Spannung erzeugen, sondern die Urangst des Zuschauers vor dem Unbekannten schüren, vor den Dingen, die wir nicht verstehen. Krankheiten, körperliche Veränderung, Entfremdung, Isolation, Hoffnungslosigkeit, das sind die Themen vom DING AUS EINER ANDEREN WELT, und trotz gelegentlich aufflackernden Humors bleibt der Film so eisig wie seine Location.

Ist es nicht letztlich sogar die Angst vor dem Tod, die Carpenter schildert? Niemand weiß, wen es als nächsten trifft, wie er zuschlägt, mit wie vielen Schmerzen es verbunden sein wird, ob es schnell oder langsam geht, und die Einsicht, dass es gegen das Unvermeidliche keine Gegenwehr gib? Das Filmende ist in dieser Hinsicht ein Glanzstück. Offener hätte Carpenter sein Werk nicht verlassen können. "See What Happens", sagt Russell, allein gelassen mit dem letzten Überlebenden - und dem Ding. Oder ist einer von ihnen bereits das "Ding"? Oder beide?

Mittlerweile ist DAS DING AUS EINER ANDREN WELT glücklicherweise anerkannt und gilt als Meilenstein und einer der besten Filme der 80er, er ist auf jeden Fall eines der besten Remakes aller Zeiten, weil er die Qualitäten des Originals bewahrt und noch neue hinzufügt.
Trotz aller Liebe zu Hawks ist mir persönlich seine Version von 1951 etwas zu dialoglastig (und das Monsterkostüm nicht überzeugend genug). Carpenters Variante mit seiner tödlichen Stille und der gnadenlosen Konsequenz hat mich beim ersten Sehen geradezu aus dem Sessel gerissen, an der Kehle gepackt, verschlungen und wieder ausgespuckt.

Möglicherweise war ich danach nicht mehr derselbe.

Oder vielleicht sogar - das "Ding"...

10/10



Das stimmungsvolle Teaser-Poster



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