Freitag, 17. Dezember 2010

Carlito's Way (1993)

Nach dem katastrophalen Flop "Fegefeuer der Eitelkeiten" (1990) und dem ebenfalls erfolglosen "Mein Bruder Kain" (1992) brauchte Regisseur Brian de Palma unbedingt einen Hit. Was lag da näher, als es erneut mit einem Gangsterstoff zu versuchen, immerhin war "The Untouchables" (1987) einer seiner größten Erfolge bei Kritik und Publikum, und auch sein Gangster-Epos "Scarface" (1983) besaß mittlerweile Kultstatus.
Dabei war De Palma nicht die erste Wahl für CARLITO'S WAY (Carlito's Way), der Abel Ferrara und John McKenzie angeboten wurde. Als diese ablehnten, schlug Al Pacino de Palma vor, der sich nach anfänglichem Zögern überzeugen ließ und mit dem Film sein erhofftes Comeback schaffte.

Nach dem Roman "After Hours" von Edwin Torres erzählt CARLITO'S WAY vom Mafioso Carlito Brigante (Pacino), der mit der Hilfe seines Freundes Kleinfeld (Sean Penn), einem zwielichtigen Anwalt, vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen wird. Mit kriminellen Machenschaften will Carlito nichts mehr zu tun haben, er will nur genug Geld zusammensparen, um auf die Bahamas auszuwandern, zusammen mit seiner Geliebten Gail (Penelope Ann Miller). Doch zu viele ehemalige Weggefährten haben noch eine Rechnung mit Carlito offen, und Anwalt Kleinfeld bringt ihn durch eigene Verwicklungen in Mord und Totschlag so sehr in Bedrängnis, dass ihm schließlich nur noch die Flucht bleibt. Doch erfüllt sich für einen Mann wie Carlito der Traum vom Paradies?

Nein, wie wir schon im Vorspann sehen, der in klassischem Schwarzweiß erzählt wird, und in dem Pacino angeschossen und schwer verwundet abtransportiert wird, während uns Patrick Doyles Musik bereits verrät, dass der Film kein gutes Ende nehmen wird.
Die Geschichte wird von de Palma als große Rückblende erzählt und landet am Ende wieder dort, wo sie begonnen hat. Das Bild vom kitschigen Sonnenuntergang kennen wir bereits aus "Scarface", und auch hier dürfen die Charaktere von Erlösung träumen, werden sie aber nicht empfangen. Bezeichnenderweise heißt auch Carlito's Nachtclub "El Paraiso".

Mit der Figur des Carlito entfernen sich de Palma und Pacino vom rotzigen Gangster Tony Montana. Carlito ist in die Jahre gekommen, ein bisschen weise geworden und will nur noch seine Ruhe. Er verhält sich loyal zu seinem hinterhältigen Freund Kleinfeld, empfindet echte Liebesgefühle für Gail und versucht es zunächst bei allen im Guten. Sein (zu) weiches Herz bringt ihn aber immer wieder in lebensgefährliche Situationen. Carlitos Tage als Legende der Straße sind abgelaufen, schließlich ist es der junge Aufschneider Benny Blanco (herrlich eitel: John Leguizamo), der ihm zum Verhängnis wird.

Brian de Palma inszeniert CARLITO'S WAY als große tragische Oper. Die Gewaltdarstellung hält sich sehr in Grenzen, und auch die Charaktere sind deutlich sympathischer angelegt, sogar die negativen Figuren. Insgesamt ist sein Gangsterdrama entsprechend publikumsfreundlicher als der rohe "Scarface". Ein paar Klischees und Zugeständnisse an den Mainstream bleiben da nicht aus. So ist Penelope Ann Millers Rolle - die klassische 'Hure mit dem goldenen Herzen' - etwas farblos geraten. Obwohl sie zunächst ruppig eingeführt wird, wird sie zur Statistin verdammt, für die Handlung hat sie außer einer Schwangerschaft nichts beizutragen.

Neben dem wie immer fabelhaften Pacino brilliert ein äußerlich völlig veränderter Sean Penn als dauerkoksender Winkeladvokat. Für die Kleingangster in Carlitos Umgebung hat de Palma skurrile Typen gefunden, die ein sehr unterhaltsames Bild abgeben. De Palmas Talent im Arrangieren von spannungsgeladenen Set Pieces kommt gleich mehrfach zum Tragen, insbesondere im packenden Finale, wenn Pacino um sein Leben rennt, um den Zug in Richtung "Paradies" rechtzeitig zu erreichen, während ihm ein paar Killer auf den Fersen sind. Diese fast 20-minütige Sequenz kommt fast ohne Dialoge aus, führt uns aus Pacinos Club hinaus in die U-Bahn und bis zur Grand Central Station (De Palma liebt Bahnhöfe, wie man unschwer an "Blow Out" und den "Untouchables" erkennen kann), wo es zu einem grandiosen Shoot-Out kommt, bevor alles tragisch endet.

CARLITO'S WAY gehört trotz der Zugeständnisse zu den besten Werken de Palmas und ist einer der wenigen (vielleicht überhaupt der einzige) Filme, in denen ich mir statt des vom Regisseur bevorzugten ein glücklicheres Ende gewünscht hätte. Nachdem man so viel mit Carlito mitgelitten und durchlebt hat, will man einfach, dass er den Absprung schafft. Ebenso wie sein Protagonist Carlito ist auch der Regisseur mit den Jahren gleichzeitig milder mit seinen Figuren als auch verbitterter in seiner Weltsicht geworden. Dass er Pacinos Carlito das verdiente Happy-End verweigert, ist auch Ausdruck eines überwältigenden Pessimismus'. Eine Oper endet nun mal selten fröhlich.

09/10

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