Mittwoch, 29. Dezember 2010

Black Heaven (2010)

Kombiniert man David Lynch, Brian De Palma und Marilyn Monroe, bekommt man vielleicht BLACK HEAVEN (L'Autre Monde) heraus, den französischen Thriller von Gilles Marchand (Autor von "Lemming", 2005, dessen Regisseur Dominik Moll hier am Drehbuch mitschrieb).

Der Inhalt: das junge Paar Gaspard (Grégoire Leprince-Ronguet, "Chanson der Liebe", 2007) und Marion (Pauline Etienne) findet in einer Umkleidekabine am Strand einer französischen Küstenstadt ein fremdes Handy mit seltsamer Botschaft. Gaspard ist dazu fasziniert von einer blonden Schönheit, deren Foto er auf dem Handy findet. Die beiden spionieren den Besitzern des Handys nach und müssen mitansehen, wie die Blondine namens Audrey und ihr Freund versuchen, sich gemeinsam das Leben zu nehmen. Die mysteriöse Audrey kann gerettet werden, der Freund stirbt. Marion hat jetzt genug vom Detektivspiel, aber Gaspard ist noch immer wie besessen von Audrey. Bald schon begegnet er ihr erneut, ebenso wie ihrem undurchsichtigem Bruder (Melvil Poupaud, "Die Zeit, die bleibt", 2005), und ehe er sich versieht, befindet er sich in ganz übler, krimineller Gesellschaft, aus der es kein Entkommen mehr gibt...

Gilles Marchand hat seine Vorbilder "Blue Velvet" (1986) und "Lost Highway" (1997) sehr gut studiert, und der naive Held, der durch die Bekanntschaft mit einer schönen Unbekannten in Lebensgefahr gerät, könnte ebenso De Palmas "Body Double" (1984) entstammen, zumal BLACK HEAVEN auch mit der Doppelung Blondine/Brünette spielt.

BLACK HEAVEN ist sehr ruhig erzählt und entwickelt über die Laufzeit eine starke innere Spannung, hat aber auch wegen der Langsamkeit einige Längen. Der besondere Reiz liegt in den Virtual Reality-Sequenzen. Die Charaktere begegnen sich in einer "Second Life"-ähnlichen Internet-Plattform namens "Black Hole", eine schwarzweiße Noir-Welt, in der sie ihre Fantasien ausleben, geheime Treffen vereinbaren oder sich durch Selbstmord an einen schwarzen Strand beamen können, an dem die Zeit still steht und alle Sorgen verschwunden sind. Diese digitalen Sequenzen mit den verfremdeten Stimmen der Darsteller werden gut in die Handlung integriert und bestechen durch surreale Bilder. Die Verbindung von Realszenen und virtueller Realität hat in Spielfilmen nicht oft funktioniert, hier bereichert sie die Erzählung.

Schauspielerisch ist BLACK HEAVEN nicht außergewöhnlich. Grégoire Leprince-Ronguet ist sehr hübsch anzuschauen und bekommt reichlich Großaufnahmen, aber er bleibt weitgehend emotionslos. Nur in der letzten Szene zeigt er, dass er auch spielen kann. Louise Bourgoin ist in erster Linie schön und besitzt die nötige geheimnisvolle Ausstrahlung für ihre Femme Fatale, Melvil Poupaud spielt den leicht durchgeknallten Bösewicht nicht schlecht, aber er wirkt einfach viel zu nett und sympathisch. Hervorragend gelungen ist dafür der düstere, hypnotische Soundtrack der Elektropop-Band "M83", deren Titelthema ein echter Ohrwurm ist.

BLACK HEAVEN hätte ein bisschen mehr Tempo und Figurenzeichnung gut getan, aber die deutlichen Vorbilder, die Virtual Reality-Sequenzen und der Soundtrack sorgen für ein interessantes Filmexperiment.

07/10

Der unschuldige Held auf dem Weg in den Abgrund -
Grégoire Leprince-Ringuet in "L'autre Monde"

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