Montag, 22. November 2010

Zehn - Die Traumfrau (1979)

Manchmal trifft ein Film so sehr den Nerv seiner Zeit, dass sein Erfolg in keinem Verhältnis zu seiner tatsächlichen Qualität steht.
Regisseur Blake Edwards hat in seiner Karriere viele sehr gute Filme inszeniert, aber sein großer Hit ZEHN - DIE TRAUMFRAU (Ten) gehört nicht unbedingt dazu.
Ich erinnere mich noch, wie er erstmals in den 80ern im TV lief und ich ihn damals - besonders angesichts seines Rufs - als schwerfällig, geschwätzig und langweilig empfand. Heute, 25 Jahre später, ist der Eindruck immer noch derselbe.

ZEHN erzählt die Leidensgeschichte des Komponisten Dudley Moore, der mit 42 frustriert und selbstmitleidig seiner verlorenen Jugend nachtrauert und ständig jungen Frauen hinterhergafft, obwohl er ein großzügiges Haus, einen teuren Wagen und mit Julie Andrews eine hinreißende, erfolgreiche Partnerin an der Seite hat. Das hilft aber nicht, wenn man tief in der Midlife-Krise steckt. Als Dudley die schöne Bo Derek (eine "10" auf der 1-10-Skala, daher der Titel) auf dem Weg zu ihrer Trauung beobachtet, fühlt er sich magisch angezogen, und als er ihr im Urlaub in Mexiko erneut begegnet, setzt er alles daran, der frisch Verheirateten näher zu kommen, was zu mehreren peinlichen Situationen führt. Schließlich aber wird das Unglaubliche wahr, und Bo lädt ihn in ihr Apartment ein. Sie zündet einen Joint an, legt Ravels "Bolero" auf, und ab geht die Post...oder wird Dudley etwa doch rechtzeitig bewusst, dass er einem Phantom nachjagt?

Mit der Zeichnung einer männlichen Hauptfigur, die mitten in einer selbst gemachten Lebenskrise steckt, hat Blake Edwards zweifellos den Zeitgeist getroffen, und so wurde sein Film zum Riesenhit. ZEHN ist ebenfalls untrennbar mit Ravels "Bolero" verbunden und hat Bo Derek auf einen Schlag so berühmt gemacht, dass Frauen in aller Welt ihren Afro-Look nachahmten - eine eindeutige Geschmacksverirrung der frühen 80er. Noch heute soll es Menschen geben, die mit den Klängen des "Bolero" ihr müdes Sexleben aufpeppen wollen (ebenso wie Leute nach Adrian Lynes "9 1/2 Wochen" ihre Kühlschränke zweckentfremdeten). Das Orchesterstück wurde durch den Film dermaßen zu Tode gespielt, dass ich persönlich es nicht mehr hören kann - in die gleiche Kategorie fällt auch Orffs "Carmina Burana", das in penetranter Regelmäßigkeit für saudumme Einmärsche von Boxern, Fußballspielern und anderen Feingeistern missbraucht wird.

Neben diesen Popkultur-Phänomenen aber bietet ZEHN reichlich wenig. Der Witz hält sich arg in Grenzen und besteht fast ausschließlich aus Slapstick, der zwar zu Blake Edwards' Spezialitäten gehört, hier aber oft schlecht getimt ist. Die Dialoge erreichen nur manchmal intelligentes Niveau, auf jeden Fall gibt es viel zu viele davon. Geschieht kein Slapstick, gehen die Figuren am Strand spazieren oder sitzen wahlweise im Bett, an Bars oder am Klavier. Von dem irrwitzigen Tempo, das Edwards' "Pink Panther"-Reihe auszeichnet, und das eine solche Komödie brauchen würde, ist hier nichts zu spüren, und so hinterlässt ZEHN einen schwerfälligen, aufgeblasenen Eindruck. In dem ganzen Gerede gehen die wenigen wirklich intelligenten Sätze oft verloren.

Die Rolle von Dudley Moore wurde ursprünglich von George Segal ("Achterbahn", 1977) gespielt, der aber nach kurzer Drehzeit ausgewechselt wurde. Ohne seine Szenen gesehen zu haben, könnte man sich durchaus vorstellen, dass der attraktive Segal in der Rolle des armen Würstchens doch fehlbesetzt war. Moore hingegen ist als Würstchen hervorragend. Er gibt eine absolut jämmerliche Gestalt ab, und man fragt sich, was eine Julie Andrews an ihm finden mag. Das gehört natürlich zum Reiz des Films, in dem ein Mann nicht erkennen kann, was er alles erreicht hat und nur nach Dingen verlangt, die scheinbar unerreichbar sind - bis er sie erreicht und feststellt, dass er bislang eigentlich ganz glücklich war.

Julie Andrews (Edwards' Ehefrau) wird leider verschenkt, darf einige Songs zum besten geben und sich ansonsten stets Sorgen um Dudley Moores Eskapaden machen, ohne jemals zurückzuschlagen oder sich abzunabeln. Die kluge Frau wartet, bis der Mann den Weg nach Hause findet, sagt der Film, dem kann man zustimmen oder auch nicht.
Bo Derek, die durch ZEHN weltweit zum Schönheitsideal einer ganzen Genreration erklärt wurde, hat schauspielerisch wenig zu bieten, wird aber spektakulär in Szene gesetzt. Über Schönheit mag ich mich nicht streiten, finde aber, dass Derek schon hier in jungen Jahren extrem künstlich aussah und vermutlich als Anfang vom Ende natürlicher Schönheit in Hollywood Maßstäbe setzte. Die Auswirkungen dieses Schönheitsideals sehen wir heute.

Exzellent besetzt sind die Nebenrollen mit hochkarätigen Darstellern wie Dee Wallace, Brian Dennehy und Robert Webber. Webber lebt mit seinem jungen Lover in einem hübschen Strandhaus, und die schwule Beziehung wird von Blake Edwards nie zum Ziel von Hohn oder Spott, sondern ist die einzig stabile Liebesbeziehung im gesamten Film. Als Moore seinen Freund Webber zu dessen Liebhaber befragt: "Macht der eigentlich auch was anderes außer Schwimmen und Sonnenbaden?", erwidert Webber ungerührt: "Ja. Er macht mich glücklich, und dafür kann er von mir aus den ganzen Tag schwimmen und sonnenbaden."
Diesen erwachsenen Umgang mit einer schwulen Liebe hat Edwards in dem kurz später entstandenen "Victor/Victoria" (1982), der zu seinen schönsten Filmen zählt, fortgesetzt. Das ist für einen Film der späten 70er keine Selbstverständlichkeit.

Der zuvor entstandene französische Film "Ein Elefant irrt sich gewaltig" (1976), der viele von Edwards Themen vorwegnimmt, ist klar der bessere Film, und sogar das US-Remake "Die Frau in Rot" (1984) kann heute besser unterhalten als ZEHN. Wer aber aus nostalgischen Gründen sehen will, was die ganze Welt an Bo Derek und ihrem Afro-Look erotisch fand, und wie der "Bolero" Einzug in die Popkultur hielt, der kann mit ZEHN eine ganz nette Zeitreise unternehmen.

Nach seinem großen Erfolg mit ZEHN fiel Edwards mit seiner folgenden Hollywood-Satire "S.O.B. - Hollywoods letzter Heuler" (1981) bei Kritikern und Publikum gnadenlos durch und musste lernen, dass man in Hollywood einen Tag lang der Liebling der Massen und am nächsten der Buhmann der Nation sein kann. Er erholte sich aber schnell mit dem populären "Victor/Victoria". Im Jahr 1989 inszenierte Edwards mit "Skin Deep - Männer haben's auch nicht leicht" ein Quasi-Update von ZEHN, mit mäßigem Erfolg. Die Zeit von Männern in der Midlife-Krise war definitiv vorbei.

04/10

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