Samstag, 27. November 2010

Victor/Victoria (1982)

Nachdem Blake Edwards mit seinem sehr persönlichen Angriff auf Hollywood, "S.O.B." (1981), einen finanziellen Flop produziert hatte, wagte er sich mit VICTOR/VICTORIA (Victor/Victoria) an ein aufwändiges Remake des UFA-Klassikers "Viktor und Viktoria" von 1933, peppte die ohnehin schon originelle Story mit wundervoller Musik von Henry Mancini und einer geistreichen Betrachtung von Geschlechterrollen auf.

Er schuf damit seinen vielleicht schönsten Film.

Der Schauplatz ist das winterliche Paris, 30er Jahre. Die arbeitslose und hungernde Opernsängerin Victoria (Julie Andrews) ist kurz davor, ihre Unschuld für ein Fleischbällchen zu verhökern, da begegnet ihr der homosexuelle Entertainer Toddy (Robert Preston), mit dem sie sich spontan anfreundet, und der auf eine geniale Idee kommt, wie man gemeinsam aus der Misere herauskäme - indem sich Victoria als männlicher Travestiekünstler ausgibt. Umgehend wird Victoria in den schwulen polnischen Grafen Victor Grasinski verwandelt, der auf der Bühne vorgibt, eine Frau zu sein. Bald darauf wird Victor/Victoria zum umjubelten Star der Pariser Bühnen.
Die Probleme beginnen, als Gangsterboss King Marchand (James Garner) sich in die Sängerin verliebt. Da er davon ausgehen muss, dass es sich bei Victoria um einen Mann handelt, stürzt ihn das in mittelschweres Gefühlschaos, das ihn dazu bringt, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Victoria und Toddy hingegen müssen einiges anstellen, damit die geschaffene Illusion nicht von einem Privatdetektiv, dem abservierten Gangsterflittchen Norma (Lesley Ann Warren) oder anderen Neidern entlarvt wird...

Hatte Blake Edwards in "S.O.B." noch das Publikum mit einer Unmenge egozentrischer Charaktere und Karikaturen überfordert, so wimmelt es in VICTOR/VICTORIA geradezu von sympathischen und liebenswerten Figuren. Das Paris der 30er ist ein hervorragender Schauplatz für diese ganz moderne Betrachtung von Liebe zwischen gleichen und verschiedenen Geschlechtern, auch wenn es ungefähr so realistisch ist wie das Paris in Billy Wilders "Irma La Douce" (1963). Die ebenfalls gelungene UFA-Komödie von 1933 wird dabei kräftig entstaubt und liefert eine glänzende Vorlage zur Modernisierung, so ist VICTOR/VICTORIA auch ein Musterbeispiel für ein gutes Remake, das dem Original keinen Schaden zufügt und es dank neuer Darstellungsmöglichkeiten und veränderter Moralvorstellungen um weitere Dimensionen bereichert.
Die 30er waren auch die Zeit der großen Hollywood-Diven, und so beginnt der Film auch mit einem Foto von Marlene Dietrich, deren berühmte Auftritte in "Männerkleidung" und emanzipierte Haltung von Julie Andrews übernommen wird, während Lesley Ann Warren in Kostüm und Makeup deutlich an Jean Harlow erinnert.

Viele von Edwards' schwächeren Filmen leiden unter dem Ungleichgewicht von Slapstick, Sentimentalität und Ernsthaftigkeit. In VICTOR/VICTORIA ist die Mischung perfekt. Die Dialoge sprühen gleichzeitig vor Tiefsinn und Leichtigkeit, der Slapstick (wie die Choreografie gleich mehrerer Massenprügeleien) ist exakt getimt und behindert nie die dramatische Konstellation.
Edwards zeigt keine Berührungsängste, wenn es um das Thema Homosexualität geht, mit einer Ausnahme - ursprünglich sollte sich James Garner in Andrews verlieben, ohne zu wissen, dass sie in Wirklichkeit eine Frau ist ("Es ist mir egal, ob du ein Mann bist", sagt Garner, wenn er Andrews küsst, darauf sie: "Ich bin es nicht!", darauf er: "Das ist mir trotzdem egal!"). Wie Edwards später zugab, verließ ihn kurzzeitig der Mut, und er baute eine Szene ein, in der Garner sich in Andrews' Badezimmer versteckt und somit die Wahrheit kennt. Das ist aber nicht weiter tragisch, denn immerhin erzählt der Film ja nicht, dass Garner sich tatsächlich in einen Mann, sondern eben in Andrews verliebt.

Nicht nur einmal übrigens wird man an Billy Wilders Klassiker "Manche mögen's heiß" (1959) erinnert, sowohl in der Art der Darstellungen wie im Spiel mit Geschlechter-Identitäten. Hier wie da geht es um zwei arbeitslose Musiker, die durch eine Verkleidung ihrer prekären Situation entkommen. Auch die Dialoge (wie der Austausch von Garner mit seinem Bodyguard Alex Karras: "Ruh dich aus, wir gehen morgen früh Golf spielen!" - "Aber Boss, es schneit draußen!" - "Dann nehmen wir eben ROTE Bälle!") stehen ganz in der Tradition von Wilder und Lubitsch. Das ist das größte Kompliment, das man einer Komödie der 80er Jahre machen kann.

Das große Ensemble harmoniert trotz unterschiedlichster Spielweisen ganz wunderbar. In den Hauptrollen zeigen Andrews und Garner die vielleicht besten Leistungen ihrer Karriere, während Robert Preston und Lesley Ann Warren in den etwas kleineren Parts so fantastisch spielen, dass sie fast den Film im Alleingang stehlen, was Regisseur Edwards nur dadurch verhindert, indem er ihnen begrenzte Filmzeit einräumt. Lesley Ann Warrens Over the Top-Darstellung des blondierten Gangsterliebchens ("Ich bin geil!") gehört zu den einprägsamsten komischen Darbietungen der Filmgeschichte, und Robert Preston erhält als tuntiger, aber nie cartoonhaft überzogener schwuler Freund von Andrews die besten Dialoge und menschlich berührendsten Momente.
Für die Running Gags zuständig sind urkomische Nebendarsteller wie Graham Stark als skurriler Kellner oder Herb Tanney (als 'Sherlock' Tanney im Abspann aufgeführt) als trotteliger Detektiv in bester Peter Sellers-Manier, der abwechselnd vom Blitz getroffen wird, sich die Finger bricht oder von maroden Barhockern fällt. Eine sehr sensible Darstellung (die fast im Spektakel untergeht) zeigt Alex Karras als Leibwächter von Gangsterboss Garner, der sich dank dessen Bekenntnis zu Victor/Victoria endlich zum eigenen Coming Out durchringt.

Keine Rezension des Films wäre vollständig ohne die Erwähnung von Henry Mancinis Musik und der Muscialnummern, die fabelhaft inszeniert und choreografiert sind. Die beiden großen Ausstattungsnummern "Le Jazz Hot" und "The Shady Dame from Seville" sind ein wahrer Augen- und Ohrenschmaus, die "kleineren" Nummern bestechen durch liebevolles (und humorvolles) Arrangement. Der eigentliche Höhepunkt ist Julie Andrews' Interpretation von "Crazy World", die gänzlich in ihrer Schlichtheit betört - eine Großaufnahme von Andrews und ein 360°-Kameraschwenk reichen völlig für den maximalen emotionalen Effekt aus.
Den größten Abräumer hält sich Edwards bis zum Schluss auf, wenn Robert Preston als Schlussdarbietung eine Parodie auf Julie Andrews' "Shady Dame from Seville" auf die Bühne legt, komplett in Drag und dementsprechenden Pannen (die Tänzer brechen unter seinem Gewicht zusammen oder weigern sich, ihn überhaupt zu halten, was ihm ein "You Bitches!" entlockt). Der Film ist übrigens sehr gut und sorgfältig synchronisiert worden.

VICTOR/VICTORIA erhielt jubelnde Kritiken und wurde ein großer internationaler Erfolg. Mancini und Leslie Bricusse erhielten einen verdienten Oscar für die Filmmusik, Andrews, Edwards, Warren und Preston wurden nominiert. Über zehn Jahre später entstand das gleichnamige Broadway-Musical, mit dem Julie Andrews erneut große Erfolge feiern konnte.
Der Film ist ein moderner Klassiker und eines der letzten großen Filmmusicals. Blake Edwards ist nicht nur beschwingtes, augenzwinkerndes und dennoch anspruchsvolles Entertainment gelungen, sondern auch ein aufrichtiges Plädoyer für Toleranz und das Vertrauen in sich selbst, ganz egal, wie anders man sich fühlt.
VICTOR/VICTORIA gehört zu meinen persönlichen zehn Lieblingsfilmen.

10/10


Der Gangsterboss und der schwule polnische Graf - James Garner & Julie Andrews

Kommentare:

  1. Hi Mathias, inzwischen sieht es ja nach einer Blake Edwards Filmreihe aus.
    Ich persönlich finde seine Filme qualitativ recht unterschiedlich.
    "Tiffany", "Der rosarote Panther" oder "Victor/Victoria" sind natürlich klasse.
    Auch die für ihn weniger typischen Filme "Der letzte Zug" oder "Missouri".
    Dagegen konnte ich mit "10" nie viel anfangen. Mit "Blind Date" und "Skin Deep" sogar noch weniger.
    LG Ray

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  2. Hi Ray, das sehe ich sehr ähnlich! Wobei ich "Blind Date" noch ganz amüsant fand, aber "Skin Deep" und "10" sind auch nicht mein Fall. Ganz schlimm sind die noch weniger bekannten "Frauen waren sein Hobby", "Sunset" und "Ärger, nichts als Ärger". Gelungen finde ich noch den "Partyschreck" und "Das große Rennen". Aber es stimmt, sehr durchwachsen. Liebe Grüße!

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