Freitag, 26. November 2010

S.O.B. - Hollywoods letzter Heuler (1981)

Dass man in Hollywood keinen Spaß versteht, wenn es um die Beschmutzung des eigenen Nests geht, das weiß man spätestens seit Billy Wilders "Sunset Boulevard" (1950), der bei seinem Erscheinen nicht gerade gut ankam und bei den Oscars gnadenlos ignoriert wurde. Auch spätere Versuche, die "Traumfabrik" zu beleuchten (etwa Schlesingers großartiger "Der Tag der Heuschrecke", 1975), scheiterten beim Publikum.

So erging es auch Regisseur Blake Edwards, der nach dem Riesenerfolg von "Zehn - Die Traumfrau" (1979) freie Hand bei der Stoffauswahl hatte und sich entschloss, seine bitteren Erfahrungen, die er Jahre zuvor mit dem gigantischen Flop "Darling Lili" (1970) gemacht hatte, in einer bitterbösen Hollywood-Satire zu verarbeiten.

In S.O.B. - HOLLYWOODS LETZTER HEULER (SOB) hat der gefeierte Produzent Felix Farmer (Richard Mulligan) gerade einen teuren Flop namens "Night Wind" produziert, woraufhin er einen Nervenzusammenbruch bekommt. Nun versucht er mehrfach erfolglos, sich das Leben zu nehmen, stellt sich aber jedes Mal zu ungeschickt an. Seine Ehefrau Sally (Julie Andrews), Hauptdarstellerin des Misserfolgs, will sich scheiden lassen, wovon ihr aber Agenten und PR-Berater abraten, weil das ihr Image beschädigen könnte. Felix' Freunde und Bekannte veranstalten lieber Nackt-Parties als sich mit Felix' Problemen herumzuschlagen. Doch dann kommt Felix die rettende Idee - aus dem Reinfall könnte man durch zusätzliche Szenen und Umschnitte einen Softporno machen, der ganz Hollywood die Sprache verschlägt. Sogar die prüde Sally ist bereit, sich für die Kamera auszuziehen, um den Ruf der ewigen Jungfrau loszuwerden. Umgehend produziert Farmer eine erotische Version seines Streifens, doch beim Versuch, den Film an sich zu bringen, der vom Studioboss (Robert Vaughn) einkassiert wurde, wird Felix von der Polizei erschossen. Ganz Hollywood versammelt sich zu einer bewegenden Trauerfeier, nicht ahnend, dass Felix gar nicht im Sarg liegt. Seine Leiche wurde nämlich von drei Freunden entwendet und für einen letzten Ausflug auf hoher See zurecht gemacht...

Das klingt nach einer Menge Spaß, Zynismus und gemeinen Seitenhieben, doch leider kann S.O.B. seinen Anspruch nur bedingt erfüllen. Ironischerweise bekam Edwards schon während der Fertigstellung genau die Probleme, über die er im Film erzählt. Er überzog das Budget und musste sich Einmischungen des Studios gefallen lassen. Als der Film herauskam, wurde er ein gnadenloser Flop - so schließt sich der Kreis. Aufgrund seines Misserfolgs gilt S.O.B. heute - wie viele Flops - als unterschätzte Meisterleistung.

Tatsächlich gelingen Edwards ein paar grandiose Szenen. So sehen wir z.B. den Film-im-Film "Night Wind" in zwei Varianten - zunächst als harmloses Musical, in dem Julie Andrews durch eine Traumlandschaft voll überdimensionalem Spielzeug tanzt, später dann als erotisch aufgepeppte Version mit halbnackten Tänzern in Sadomaso-Kostümen und einem sexy Verführer, der Andrews nachstellt, bis sie dann in einem Spiegelkabinett die nackten Brüste zeigt, was nur möglich ist durch eine Injektion mit Muntermachern, die ihr vom Arzt Robert Preston verabreicht wurde.
Diese Szene war offensichtlich auch für Andrews wichtig, die in S.O.B. eine klar autobiografisch angelegte Figur spielt und selbst stets mit dem Sauberfrau-Image zu kämpfen hatte, das ihr Filme wie "Mary Poppins" (1964) und der Edelkitsch "The Sound of Music" (1965) eingebrockt hatten. Dass Andrews auch sexy sein kann, wird dennoch nicht bewiesen, denn sogar ihre Entblößung bleibt irgendwie harmlos. Aber muss man mit dem Talent auch noch sexy sein?

Der typische Edwards-Slapstick darf natürlich nicht fehlen, und ein besonders grimmiger Running Gag besteht darin, dass vor Felix Farmers Strandhaus den gesamten Film über eine Leiche liegt, die von niemandem bemerkt wird, weil alle nur mit sich selbst beschäftigt sind. Lediglich der Hund des Toten wacht bei dem verstorbenen Herrchen. Merke: in Hollywood haben nur Hunde ein Gefühl für Anstand und Loyalität. Nicht nur in Hollywood, würde ich sagen.

Neben solch brillanten Einfällen aber fehlt es S.O.B. sowohl an klarer Struktur als auch an Rhythmusgefühl und Konzentration. Die erste Filmstunde schildert lediglich die gegebene Situation von Felix Farmer und dessen Selbstmordversuche, die Handlung kommt dabei nicht vom Fleck. In der zweiten Hälfte ist man als Zuschauer kurz gespannt, wie die erotische Version des Flops aussieht und ob der Plan aufgeht, doch nach der oben beschriebenen Sequenz endet dieser Erzählstrang abrupt, um dann zu den Vorbereitungen für Farmers Trauerfeier überzugehen. Das bisschen Spannung, das sich aufgebaut hat, endet vollkommen unbefriedigend. Der folgende Einbruch beim Bestatter, in dessen Verlauf Felix' Leiche entwendet wird, ist viel zu lang und langatmig inszeniert, und die holprige Dramaturgie, die sich stets neuen Hauptfiguren zuwendet (so taucht Julie Andrews in der ersten Filmhälfte kaum auf, übernimmt dann plötzlich den Hauptpart, um ihn kurz darauf an Holden und Webber abzugeben), lässt den Zuschauer jedes Zeitgefühl verlieren.

Die namhafte Darsteller-Riege von Shelley Winters über Larry Hagman, William Holden und Robert Webber hat offensichtlich Spaß, aber dieser überträgt sich nicht immer auf den Zuschauer. Robert Vaughn als Studioboss trägt beim Sex gern Mieder und Strapse, der heruntergekommene Arzt Robert Preston (der in Edwards' "Victor/Victoria" 1982 eine Glanzleistung zeigen sollte) verpasst jedem eine Spritze, wenn er sich gerade nicht mit Wodka zuschüttet, und Loretta Swit wird als geifernde Klatschkolumnistin ständig verletzt und ins Krankenhaus transportiert. Hauptdarsteller Mulligan, an dessen Geschichte man eigentlich interessiert sein sollte, spielt seinen durchgeknallten Felix Farmer (der Name spielt auf Frances Farmer an, den Hollywood-Star, der an der Traumfabrik zugrunde ging, siehe auch "Frances", 1982) vollkommen überzogen, und auch einige von Edwards' rohen Gags gehen nach hinten los.

So erklärt sich auch die vollkommen unterschiedliche Aufnahme S.O.B.s von Seiten der Kritik. S.O.B. wurde für den Golden Globe als auch die Goldene Himbeere nominiert. Man kann ihn als gnadenloses Abschlachten der Hollywood-Eitelkeiten bewundern oder ihn als vollkommen misslungen betrachten. Ich selbst habe ihn mehrmals gesehen und jedes Mal unterschiedlich bewertet. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich wie immer in der Mitte.

Unterhaltsam ist S.O.B. auf jeden Fall, und er bietet ein paar saftige und bissige Gags. Er hat aber auch einige Längen, und wenn es um düstere Einblicke hinter die Kulissen der Hollywood-Maschinerie geht, ziehe ich die oben genannten Filme vor.

07/10


Das (grässliche) deutsche Plakat zum Film

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