Dienstag, 16. November 2010

Roman Polanski: Wanted and Desired (2008)

Regisseur Roman Polanski gehört zweifellos zu den faszinierendsten Persönlichkeiten der Filmgeschichte, und sein Leben selbst ist mehr als filmreif.
Als Kind überlebte er das Krakauer Ghetto und musste mit ansehen, wie seine Eltern und weitere Verwandte in Konzentrationslager deportiert wurden, konnte dann fliehen und sich vor den Nazis verstecken, um dann später zu einem der profiliertesten und anerkanntesten Filmkünstler aller Zeiten zu werden, der zahlreiche cineastische Meisterwerke schuf, sowohl in Polen ("Das Messer im Wasser",1962), England ("Ekel", 1965 und "Tanz der Vampire", 1967) als auch später in Hollywood ("Rosemary's Baby", 1968 und "Chinatown", 1974).

Die brutale Ermordung seiner schwangeren Ehefrau Sharon Tate 1969 durch Mitglieder des Charles Manson-Clans gehört zu den schwärzesten Stunden der Hollywood-Geschichte und beendete eine ganze Ära der Sorglosigkeit. Polanski flüchtete sich in Zerstreuung und zahlreiche Affären, bis es schließlich zu der schicksalhaften Begegnung Polanskis mit der jungen Samantha Gailey - damals 13 Jahre alt - kam, die für Fotos posieren sollte und Polanski anschließend der Vergewaltigung bezichtigte.
Offiziell verurteilt wegen unerlaubten Geschlechtsverkehrs mit einer Minderjährigen (nicht wegen Vergewaltigung) saß der Regisseur nach einer endlosen Justizfarce eine zunächst verhängte Strafe ab und wurde vorzeitig entlassen, was seinen Richter wiederum so echauffierte, dass dieser Polanski erneut hinter Gitter bringen wollte, woraufhin Polanski die USA verließ und nie wieder zurückkehrte. Würde er heute noch amerikanischen Boden betreten, würde er erneut inhaftiert werden.

Die Regisseurin Merina Zenovich zeichnet diese einschneidende Phase in Polanskis Leben detailliert nach. Die Dokumentation ROMAN POLANSKI - WANTED AND DESIRED beleuchtet die Vorgeschichte und Hintergründe des gesamten Falls. Zu Wort kommen erstmals auch das (angebliche) Opfer Samantha Gailey, die Polanski nach eigenen Aussagen heute verziehen hat und überzeugt ist, dass er keinen fairen Prozess bekommen hat. Das sehen auch Polanskis Verteidiger und sogar der Staatsanwalt so, die sich ebenfalls ausführlich äußern.
Der Film bleibt dabei angenehm unparteiisch, dennoch kristallisiert sich ein sehr deutliches Bild heraus, in dem Polanskis Richter Laurence J. Rittenband mehr als schlecht wegkommt. Offenbar ging es diesem mehr um die mediale Präsenz und sein eigenes Bild in der Öffentlichkeit als einen gerechten Prozessausgang. Seine Jagd auf Polanski, der bereits die verhängte Strafe verbüßt hatte, entstand lediglich aus verletztem Stolz und Eitelkeit.

Polanski selbst äußert sich in der Doku nicht, es gibt aber zahlreiche Interview-Ausschnitte aus früheren Zeiten mit dem Regisseur, in denen er zu der angeblichen Vergewaltigung und seiner Vorliebe für junge Frauen Stellung bezieht (darunter auch die Pressekonferenz, die er nach der Ermordung seiner Frau gegeben hat, und die wegen seines sicht - und fühlbaren Schmerzes fast unerträglich anzusehen ist). In einem bezeichnenden Moment fragt er seinen Interview-Partner, ob es nicht mehr Themen zu besprechen gäbe als sein Sexleben.

Die Dokumentation entstand, bevor Polanski 2009 spektakulär in der Schweiz verhaftet wurde, als er mitten in den Arbeiten für seinen aktuellen Film "Der Ghostwriter" (2010) steckte, was zu neuem Sensationsjournalismus und einer klaren Bekennung der Schweiz gegen die Willkür der amerikanischen Justiz führte. Dieser neue Abschnitt in der scheinbar unendlichen Geschichte einer Hexenjagd wäre sicher für ROMAN POLANSKI: WANTED AND DESIRED lohnend gewesen, doch auch ohne diesen ist Merina Zenovich ein beeindruckendes Porträt des Regisseurs gelungen, ganz besonders für die Menschen, die meinen, sie könnten Polanski schlicht als "Kinderschänder" abtun. Die Wahrheit ist oft komplexer.

08/10

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