Mittwoch, 24. November 2010

Reifezeugnis (1977)

Der beste "Tatort" aller Zeiten?

Mit Kino hat Wolfgang Petersens "Tatort" REIFEZEUGNIS aus dem Jahr 1977 zwar auf den ersten Blick nicht viel zu tun (obwohl er auch im Ausland sehr erfolgreich lief), da seine offensichtlichen Qualitäten ihn aber zum Klassiker der TV-Reihe machten und er heute noch besser anzuschauen ist als manch aktueller Kinofilm, sollte er ruhig ein weiteres Mal besprochen werden.

REIFEZEUGNIS erzählt von der 16-jährigen Sina Wolf (Nastassja Kinski), die ein heimliches Verhältnis mit ihrem verheirateten Gymnasiallehrer Fichte (Christian Quadflieg) pflegt. Als die beiden beim Liebesspiel an einem verschwiegenen See von Sinas Mitschüler Michael (Markus Boysen) beobachtet werden, droht dieser, die Affäre auffliegen zu lassen, sollte Sina ihm nicht sexuell gefällig sein. Unter Druck lässt sich Sina überreden, mit Michael in den Wald zu gehen, wo er sich an sie heranmacht. Sina erschlägt ihren Mitschüler mit einem Stein und schiebt die Schuld auf einen Serienvergewaltiger, der gerade von der Polizei gesucht wird, und dessen Phantombild sie in der Zeitung gesehen hat. Kommissar Finke (Klaus Schwarzkopf) aber hat seine Zweifel an der Geschichte...

REIFEZEUGNIS war bei seiner Erstausstrahlung ein Straßenfeger und sorgte nicht nur wegen Nastassja Kinskis freizügiger Darstellung für wochenlange Diskussionen. Wolfgang Petersen und Drehbuchautor Herbert Lichtenfeld thematisieren Unzucht mit minderjährigen Schutzbefohlenen und zeichnen dazu den Lehrer mit Vorliebe für 16-jährige Mädels als sympathischen jungen Mann, der durch die Ereignisse in die Klemme und bald unter Verdacht gerät. Mit der Besetzung von Christian Quadflieg wird dieser gewagte Kniff auf die Spitze getrieben, denn ihm gelingt es mühelos, das Publikum auf seine Seite zu ziehen und seine Liebe zur Schülerin Kinski glaubhaft zu machen. Man möchte, dass er davonkommt, obwohl er seine Ehefrau (Judy Winter) betrügt, Schularbeiten fälscht und nur an seinem eigenen Wohlergehen interessiert ist. Nicht einmal, als die Affäre endgültig bekannt ist, schafft er es, sie zu beenden, sondern landet gleich wieder mit Kinski im Bett.

Das Drehbuch von Herbert Lichtenfeld ist in jeder Hinsicht ein Musterbeispiel, das ganze Drehbuchseminare ersetzt. Jede Figur erfüllt eine Funktion für die Geschichte, jede Szene bringt die Handlung voran und/oder definiert die Charaktere, in jeder Situation weiß der Zuschauer exakt, was die Charaktere empfinden und was sie wollen. Es gibt trotz der Lauflänge von 107 Minuten keine einzige überflüssige Sequenz, man möchte eher mehr als weniger sehen. Der ermittelnde Kommissar Schwarzkopf taucht erst nach 25 Minuten auf, was heute undenkbar wäre. Die Dialoge sind weder um Skurrilität und Witz bemüht, noch wird hier um Betroffenheit gebettelt. Wolfgang Petersen inszeniert nüchtern, mitleidlos und ökonomisch, auch er verschwendet keine Kameraeinstellung und bleibt immer dicht an den Charakteren. Auch wenn das gemächliche Tempo junge Zuschauer heute eher einschläfern dürfte, entwickeln Buch und Regie von der ersten Minute an eine klassische Krimi-Spannung, obwohl sie auf den Whodunit verzichten und den Zuschauer nie im Unklaren lassen.

Und es wird noch besser. Neben der Kriminalhandlung entwirft Autor Lichtenfeld ein geradezu entlarvendes Gesellschaftsbild. Die idyllische Umgebung der Holsteinischen Schweiz mit den hübschen Einfamilienhäusern und adretten Gymnasien beherbergt Charaktere, die keinerlei moralische Reife (!) aufweisen, weder die Schüler noch die Lehrer. Jeder, der von dem heimlichen Liebesverhältnis erfährt, nutzt es für seine Zwecke, niemand entrüstet sich darüber. Mitschüler Boysen versucht es mit sexueller Nötigung bei Kinski und muss dafür mit dem Leben bezahlen, während zwei mittelmäßig begabte Schülerinnen sich umgehend bessere Noten verschaffen, indem sie Lehrer Quadflieg erpressen. Der hat ohnehin kein Gefühl für Verantwortung und Anstand. Seine kühle Frau - grandios gespielt von Judy Winter - erschrickt nicht einmal, als sie von der Beziehung erfährt (scheinbar ist das schon häufiger vorgekommen), sondern fragt nur "Schläfst du mit Sina?", befiehlt ihrem schwächlichen Gatten, das Verhältnis zu beenden und der jungen Schülerin nicht das Gefühl zu geben, sie "wäre nur ein Spielzeug" gewesen. Weder macht sie ihm Vorwürfe, noch ändert das Geschehene etwas an ihrer liberalen Einstellung. Sogar der Assistent des Kommissars hat Verständnis für Quadflieg, weil Nastassja Kinski so "ein Bild von einem Mädchen" ist, und ergeht sich in Mitgefühl, bis sein Chef ihm trocken sagt "Hör jetzt auf!", der wohl wichtigste Satz mit mehrfacher Bedeutung für den Film und die Figuren.

Nastassja Kinski ist unter Petersens Regie das Zentrum des Films. REIFEZEUGNIS beginnt mit ihrer im Off gesprochenen Liebeserklärung und endet mit der Verhaftung des verzweifelten Mädchens, das unfähig ist, sich umzubringen ("Ich war sogar im Wasser, aber ich kann ja schwimmen!").
Dass die junge Kinski mehrfach ihren nackten Busen zeigt, hat das deutsche Fernsehpublikum seinerzeit ebenso schockiert wie entzückt, sie wird nicht nur von den Charakteren, sondern auch vom Film deutlich sexualisiert. Auch das wäre heute so nicht mehr möglich. Für seine Zeit war REIFEZEUGNIS ein hochmoderner Film, der mit einigen Tabus brach und ein Stück Realität in deutsche Wohnzimmer brachte, und das alles versteckt hinter einer Krimi-Handlung, die überraschend einfach gestrickt ist und doch wegen der Charaktere so fesselt.

Ein wenig erinnert REIFEZEUGNIS - auch wenn der Vergleich auf den ersten Blick etwas gewagt scheint - an die Filme Claude Chabrols, in denen ebenfalls der gehobene Mittelstand mit all seinen Abgründen unterhaltsam und mit gezielter Bösartigkeit beleuchtet wurde.
REIFEZEUGNIS ist natürlich gealtert, lohnt sich aber immer wieder als Beleg für die Klasse und Sorgfalt deutscher TV-Produktionen der 70er. Er genießt seinen Ruf absolut zu Recht.

9.5/10

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