Samstag, 6. November 2010

Lourdes (2009)

Jesus, Maria und der Heilige Geist machen Urlaubspläne. "Fahren wir doch nach Lourdes", sagt Jesus. - "Au fein", jubelt die Jungfrau Maria, "da bin ich noch nie gewesen!"
(Zitat aus LOURDES)

Nach ihrem Arthaus-Horrorfilm "Hotel" (2004) hat die österreichische Regisseurin Jessica Hausner sich erneut eines Stoffes angenommen, der sich nicht leicht einordnen lässt.

LOURDES erzählt die Geschichte der jungen Christine (Sylvie Testud), die aufgrund eine Lähmung vom Hals abwärts an den Rollstuhl gefesselt ist und - mehr in Ermangelung von Alternativen als aufgrund echter Hoffnung auf Heilung - eine Busreise nach Lourdes macht. Der Ort, an dem sich pflichtergebene (und weniger pflichtergebene) Malteser, Priester, Leidende und Religions-Touristen begegnen, kommt es in der Tat unerwartet zu einem Wunder - Christine kann wieder gehen. Aber was hat das mit Glauben zu tun? Hat sie das Wunder mehr verdient als andere, und wie zerbrechlich ist ihr kurzes Glück?

LOURDES hat mehrere internationale Filmpreise erhalten, und das verdientermaßen. Jessica Hausner ist mit LOURDES erneut ein ganz und gar eigenständiger Film weitab vom Mainstream gelungen, der das Publikum ebenso ansprechen wie frustrieren kann. Wie schon in "Hotel" (den ich außerordentlich schätze) verweigert sie alle Antworten auf die brennenden Fragen des Publikums. Es wird wenig gesprochen, aber viel beobachtet. Schon in der ersten Einstellung sehen wir den Speisesaal eines Hotels wie eine Bühne, auf der die Akteure nach und nach Platz nehmen. Lourdes ist ein Ort, an dem alle Abläufe minutiös durchgeplant sind, und so nähert sich auch Jessica Hausner dem Stoff.
Die Kameraführung von Martin Gschlacht zeigt den Ort Lourdes stets in den französischen Nationalfarben und enthüllt so viel wie sie verbirgt. Bilder und Inszenierung sind formal ebenso brillant wie streng. Trotzdem ist LOURDES kein schwerer Film. Hausner findet sogar reichlich bitteren Humor in diesem teilweise absurden Spektakel namens Lourdes, in dem die Wunder sich wie alle anderen hinten anstellen müssen. Hier werden Glaube, Hoffnung und Leiden bis zum Exzess ritualisiert und touristisch ausgeschlachtet.

Kritiker loben Hausner oft für ihre Kunst, sich jeder Aussage zu entziehen und dem Zuschauer das Urteil zu überlasen. Das ist nur teilweise wahr, denn die vermeintlich dokumentarische Qualität der Bilder ist natürlich bewusste Inszenierung und niemals zufällig. Wenn eine Karawane Rollstuhlfahrer und Pfleger an einem Andenkenshop voller Nippes und kitschiger Marienstatuen vorbeizieht, kommentiert Hausner sehr wohl das Geschehen, nicht mit Worten, aber in ihren Bildern. Man spürt ihre Haltung, auch wenn sie nie ausgesprochen wird. Sie entspricht dem des Zuschauers. Lourdes - den Ort - zu verstehen ist unmöglich.

Was der Regisseurin grandios gelingt, ist die Weigerung, Werbung für den Katholizismus zu betreiben, obwohl der Film von Lourdes und der Katholischen Kirche mitfinanziert wurde. Unter diesem Gesichtspunkt könnte man LOURDES sogar als subversiv bezeichnen. Die Haltung der Pilger, die nur auf ein Wunder warten und dann enttäuscht sind, wenn es die einzige trifft, die es am "wenigsten verdient" hat, ist messerscharf beobachtet. Die traurigste Figur macht ein katholischer Priester, der auf die Fragen seiner verwirrten Pilger nur Allgemeinplätze übrig hat und immer wieder auf die heile Seele verweist, die dem heilen Körper vorzuziehen sei, eine ebenso ignorante wie zynische Aussage angesichts des Leids, das ihn umgibt. "Wenn man es zu sehr will, das ist dann auch wieder nicht richtig", erkennt eine der Pilgerinnen. Aber was zieht man daraus für einen Schluss?

In der schwierigen Hauptrolle kann Sylvie Testud restlos überzeugen als starke und starrköpfige Christine, die plötzlich auserkoren wird. Mit dem roten Hut stets auf dem Kopf, beobachtet sie - wie die Regisseurin - das Geschehen mal interessiert, mal verwirrt, und dann wieder fasziniert. Elina Löwensohn als aufopferungsvolle Malteserschwester hinterlässt ebenfalls einen starken Eindruck, und als fescher Uniformierter, der sich um Christine bemüht, spielt Bruno Todeschini die vielleicht lebendigste Figur des Films, mit der sich der Zuschauer am ehesten anfreunden kann.

Am Ende bleiben - wie gesagt - viele Fragen offen, auf die es ehrlicherweise auch keine Antwort gibt, so sehr man sie sich auch wünscht. Niemand weiß, warum eine junge Frau plötzlich wieder gehen kann, wie lange ihr Zustand anhält, oder welche Möglichkeiten sie ab jetzt hat. Niemand weiß, ob der Glaube reiner Unsinn naiver Geister oder heilsame Zuflucht bedeutet. Manchmal geschehen auch Wunder in Lourdes. Manchmal nicht. Manchmal auch woanders.

LOURDES ist ein hervorragender Film von einer der interessantesten Regisseurinnen unserer Zeit.

08/10

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