Montag, 29. November 2010

Liebende Frauen (1969)

Was die Qualität von Romanverfilmungen angeht, ist Ken Russells LIEBENDE FRAUEN (Women in Love) aus dem Jahr 1969 ein Musterbeispiel, denn hier wird die Vorlage von D.H. Lawrence in Wort und Geist eingefangen, der Film bleibt aber ein eigenständiges, hochgradig visuelles Erlebnis und trägt die deutliche Handschrift seines Regisseurs.

Ken Russell, der britische Regie-Exzentriker, hat mit LIEBENDE FRAUEN seinen Publikums-Durchbruch geschafft, der Film erhielt den Golden Globe sowie einen Oscar für die brillante Glenda Jackson. Eine Handlung im klassischen Sinne besitzt LIEBENDE FRAUEN dabei nicht, er ist auch weit entfernt von gepflegter Langeweile, wie sie im Kostümdrama häufig vorkommt. Hier geht es nicht um tadellose Frisuren und geschmackvolle Kostüme.
Ken Russell erzählt von vier Menschen, die sich im England der 20er vor dem Hintergrund der Industrialisierung im Beziehungschaos befinden, und es sind diese stark definierten Charaktere und ihre Standpunkte, die den Film vorantreiben. Während die Männer nach der Definition von Liebe suchen und sich in männliche Verbrüderung flüchten, haben sich die Frauen bereits entschieden, mit allen Konsequenzen.

Ken Russell, bekannt für seine Lust an provokanten Themen, hat das Kino der späten 60er mit LIEBENDE FRAUEN ein großes Stück vorangebracht, insbesondere durch die Darstellung von unverklemmter Nacktheit und einer den Film dominierenden erotischen Spannung zwischen allen Beteiligten. Dazu liefert er Szenen, die nur ihm einfallen - der nackte Alan Bates streift im Mondlicht durch den Garten und wird eins mit der Natur, Glenda Jackson tanzt sich durch eine Herde Bullen, ein bizarres Ballet wird zur Charleston-Nummer. Das Alte muss dem Neuen weichen, Menschen werden durch Maschinen ersetzt, aber die Fragen nach Liebe, Leben und Tod bleiben dieselben.

In einer köstlichen Sequenz, die einem Gedicht von D.H. Lawrence entstammt, erklärt Alan Bates bei einem Picknick, wie man eine Feige isst, und das macht er auf so obszöne Weise, dass nicht nur die versammelte Gesellschaft Gänsehaut bekommt. Und in der wohl berüchtigsten Szene tragen Bates und Oliver Reed einen nackten Ringkampf vor flackerndem Kaminfeuer aus, den sie keuchend und schwitzend bis zum Höhepunkt führen. Russell sagte später, der Film hätte auch "Liebende Männer" heißen können, und die Beziehung von Bates und Reed sei die wahre Liebesgeschichte des Films.

Das alles ist eigenwilliges, aber insgesamt sehr kontrolliertes, pralles Kino, ein filmischer Leckerbissen mit durchweg intelligenten Dialogen und fantastischen Schauspielern. Ein wichtiger und großer Film der 60er, der auch heute noch fesselt, weil er viele Regeln der Erzählkinos bricht. 1989 inszenierte Russell mit "Der Regenbogen" (The Rainbow) die Vorgeschichte der LIEBENDEN FRAUEN, ebenfalls nach einem Roman von Lawrence - eine sehr sehenswerte Verfilmung.

09/10

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