Samstag, 13. November 2010

Jenseits allen Zweifels (1956)

JENSEITS ALLEN ZWEIFELS (Beyond a Reasonable Doubt) war der letzte Spielfilm, den Fritz Lang in den USA inszenierte, bevor er nach Deutschland zurückkehrte, und wie bereits in seinen ersten Hollywood-Filmen „Blinde Wut" (Fury, 1936) und „Gehetzt“ (You Only Live Once, 1937) nahm er sich thematisch der amerikanischen Justiz und der Todesstrafe an.
Das Ergebnis ist allerdings trotz einer brisanten Prämisse und guter Darsteller leider nur mäßig ausgefallen. Zwar hat der Film viele Fans, die ihn für den besten US-Film Langs halten, aber die Mehrheit der Kritiker zeigte sich enttäuscht, das Publikum interessierte sich auch nicht für den Film, und bis heute ist er weltweit nicht auf DVD veröffentlicht worden, was seinen obskuren Status verdeutlicht.

Dana Andrews spielt in JENSEITS ALLEN ZWEIFELS einen Schriftsteller, der beweisen will, dass man unschuldig zum Tode verurteilt werden kann. Zu diesem Zweck legt er mit Hilfe eines befreundeten Zeitungsverlegers, der den Fall hübsch ausschlachten will, bewusst falsche Spuren in einem Mordfall, die alle auf ihn selbst hindeuten. Nicht lange, und die Polizei ist auf seiner Fährte, er wird vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt.
Zu diesem Zeitpunkt soll nun eigentlich der Verleger mit dem Entlastungsmaterial kommen, doch stirbt dieser leider bei einem Autounfall, bei dem das gesamte Beweismaterial vernichtet wird. Auf Andrews wartet der elektrische Stuhl. Nun liegt es allein an seiner Ex-Verlobten (und Tochter des Verlegers) Joan Fontaine, einen Beweis für Andrews’ Unschuld zu finden, bevor dieser das Opfer seines Selbstversuchs wird. Es gelingt ihr schließlich in letzter Sekunde. Doch dann kommt plötzlich alles ganz anders…

JENSEITS ALLEN ZWEIFELS ist trotz der klangvollen Namen der Beteiligten ein sehr kleiner, bescheidener Film, der von RKO mit geringen Mitteln hergestellt wurde. Die Sets sind einfach und wirken oft billig zusammengeschustert, Fritz Langs Regieführung kann man nur als gelangweilt bezeichnen. Es gibt weder eine interessante Kameraposition im gesamten Film noch ein irgendwie geartetes Spiel mit Licht und Schatten. Für einen Regisseur, der expressionistische Filmkunstwerke in Deutschland geschaffen und in den USA mehrere Meisterwerke des Film Noir inszeniert hat, ist das absolut enttäuschend. Auch für die Darsteller fällt Lang nichts ein. Sie sitzen oder stehen zumeist in der Dekoration herum, halten ein Whiskyglas in der einen, eine Zigarette in der anderen Hand und verhandeln den Film per Dialog.

Hinzu kommt, dass die Handlung des Films keinerlei Realitätsanspruch besitzt und sich um alle dramatischen Konflikte drückt, indem er sie einfach ausblendet. So türmen sich Fragen über Fragen – wo ist das moralische Gewissen der Hauptfiguren, die sich gegen die Todesstrafe aussprechen wollen, aber durch ihre falsche Fährtenlegung den „wahren“ Mörder frei davonkommen lassen? Was genau weiß Andrews’ Anwalt, der ihn vor Gericht verteidigt? Wie reagiert Joan Fontaine auf die Nachricht, dass ihr Ex-Verlobter des Mordes angeklagt wird? Wie reagiert sie auf den Tod des Vaters, der die Beweise bei sich hatte? Das alles sehen wir nicht und werden vom Film nicht eingebunden.
Die Echtzeit, die ein Mordprozess bis zu einer angesetzten Hinrichtung dauert, ist völlig ausgehebelt (so sitzt Andrews auch nach Wochen noch im schicken Anzug in der Todeszelle), Teile des Prozesses werden ausgerechnet im TV übertragen (damals völlig unüblich), um die Erzählung zu raffen, und auch die Nebenfiguren müssen sich allesamt sehr sonderbar verhalten, damit Andrews’ Plan funktioniert – so verständigt z.B. eine Tänzerin, an die Andrews sich für seinen Plan herangemacht hat, die Polizei, weil er mit ihr in seinem Wagen ins Grüne fahren möchte, eine reichlich übertriebene Aktion, die von der Polizei sofort geglaubt wird, und – der Gipfel an Absurdität – von Andrews vorausgesehen wurde, weil er so „auf frischer Tat“ ertappt werden kann!

Der stets verlässliche Dana Andrews, dessen beste Zeit bereits vorbei war, spielt seine Hauptrolle auf durchweg einem Ton, und auch Joan Fontaine wirkt fehlbesetzt. Einerseits ist sie zu glamourös für ihre Rolle, andererseits geben Lang und das Script ihr praktisch nichts zu tun – mit einer Ausnahme: wenn am Ende das Schicksal von Andrews in ihren Händen liegt, gelingt es ihrer Figur nicht, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Damit bringt Lang das Dilemma der Todsstrafe und der Geschworenen auf den Punkt, obwohl er sich im übrigen Film sehr mit Aussagen und Standpunkten zurückhält. Man kann sogar sagen, dass JENSEITS ALLEN ZWEIFELS ein Film über die Todesstrafe ist, der nichts mit der Todesstrafe zu tun hat. Stattdessen geht es um persönliches Misstrauen in Beziehungen, Abgründe hinter sympathischen Fassaden und die Schwierigkeit, das Böse zu erkennen, wenn es vor einem steht.

Die überraschende Wendung am Ende, die alles vorher Gesehene in neues Licht rückt (M. Night Shyamalan wäre stolz) wird dabei so beiläufig serviert, dass man als Zuschauer nur verzweifeln kann und sich die immer gültige Frage stellt: Was hätte Hitchcock aus diesem Stoff gemacht?

Bedauerlicherweise lassen Fritz Langs nachfolgende Arbeiten in Deutschland ebenfalls viel von dessen ehemaliger Virtuosität vermissen und wirken ähnlich belanglos und uninspiriert. Man fragt sich, ob einer der größten Filmkünstler aller Zeiten die Lust am Inszenieren verloren hatte, und warum. Sicher wäre ein Stoff wie JENSEITS ALLEN ZWEIFELS ein gefundenes Fressen für jeden Regisseur, voller Dramatik und Brisanz. Aber so ist er nicht mehr als eine Fußnote im Oeuvre des Regisseurs und bei weitem kein würdiger Abschluss einer hochinteressanten Phase seiner Karriere.

2009 wurde mit Michael Douglas und Jesse Metcalfe ein Remake unter dem Titel "Gegen jeden Zweifel" produziert, das vernichtende Kritiken erhielt und vom Publikum vollkommen ignoriert wurde. So wiederholt sich die Geschichte.

05/10

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