Donnerstag, 4. November 2010

Giallo (2009)

Mit Dario Argento geht es mir ähnlich wie mit Woody Allen. Beide haben mir so unvergesslich schöne Kinostunden im Leben bereitet, dass ich jeden neuen Film gerne sehe und nach Spuren der einstigen Genialität suche, was meistens ein mühseliges Unterfangen darstellt. Und ich gebe nicht auf, ihre Filme mögen zu wollen, auch wenn sie es mir nicht leicht machen.

GIALLO (Giallo) hat lange nach seiner Fertigstellung nun endlich eine offizielle DVD-Veröffentlichung in den USA erhalten. Der Rest der Welt muss weiter warten. Der Film erhielt so verheerende Kritiken von offizieller Seite und Fans, dass man froh sein darf, ihn überhaupt sehen zu können.
Anders als der Titel vermuten lassen könnte, hat Argento mit GIALLO keine Hommage an seine 70er-Meisterwerke inszeniert oder ein geliebtes Genre auf den Punkt gebracht, sondern das Wort (Giallo = Gelb) weist lediglich auf eine Besonderheit des Täters hin. Ja, das ist leider schon alles.

Adrien Brody, der den Film co-produzierte und persönlich dafür sorgte, dass er nicht in die US-Kinos kam (er hatte wahrscheinlich Angst, er müsse seinen Oscar zurückgeben), spielt in GIALLO einen traumatisierten Cop, der im Keller des Polizeipräsidiums von Turin am Fall eines Serienkillers arbeitet, der eine schöne Frau nach der anderen entführt, verstümmelt und tötet. Offenbar ist ihm alles Schöne zuwider. Als ein bekanntes Model verschwindet, bittet deren Schwester Linda (Emmanuelle Seigner) unseren eigenwilligen Ermittler um Hilfe. Gemeinsam kommen sie dem Mörder (ebenfalls Adrian Brody) auf die Spur...

Warum Brody allerdings Frau Seigner die ganze Zeit erduldet und zu sämtlichen Tatorten mitnimmt, wird - wie so vieles - nicht wirklich erklärt, außer dass er sie ganz lecker findet, was man verstehen kann. Warum für einen so wichtigen Fall nur ein einziger Ermittler eingesetzt wird, bleibt ebenfalls ein Rätsel - das dem Film aber bewusst ist (es wird im Dialog angesprochen).

Dabei beginnt GIALLO durchaus vielversprechend: eine Oper, eine Entführung, ein paar ungewöhnliche Kamerawinkel und eine bombastische Filmmusik von Marco Werba lassen kurz den Verdacht aufkommen, GIALLO könne ein sehenswerter Thriller werden, und die ersten 20 Minuten sind bei weitem nicht so schlecht wie die vielen Verrisse behaupten.
Das Problem liegt in der völligen Banalität des Drehbuchs. Nichts wird raffiniert entwickelt, Brodys Ermittlungsarbeiten, die anfangs als "unkonventionell" beschrieben werden, sind im Grunde nicht existent (er und Seigner stolpern praktisch über den Mörder), es gibt keinerlei überraschende Wendungen oder intelligente Ideen, der gesamte Film verläuft so vorhersehbar, dass er nach ca. der Hälfte sterbenslangweilig wird, und er endet dann geradezu jämmerlich.
Schlimmer noch, Brodys Vorstellung als Serienkiller in einer unaussprechlich albernen Maske (in der er wie ein dunkelhaariger Thomas Gottschalk aussieht) spottet jeder Beschreibung. Warum der Schauspieler hier eine Doppelrolle spielt, bleibt unklar. Die beiden Figuren haben nichts miteinander zu tun und werden nur durch eine schlimme Kindheit verbunden, die sie - wenngleich nicht gemeinsam! - erlebt haben.

GIALLO kommt nach dem gelungenen Auftakt nur noch selten von der Stelle, was auch an Brodys exaltiertem, verlangsamtem Spiel liegt. Emmanuelle Seigner besitzt glücklicherweise genug Persönlichkeit und Attraktivität, das Drehbuch hingegen liefert nichts über ihren Charakter, ihre Vorgeschichte oder ihre Beziehung zu der verschwundenen Schwester. Sie ist ein einziges leeres Nichts an Figur.
Brody und Seigner tragen beide den 'Polanski-Stempel' (sie ist Polanskis Ehefrau und hat in mehreren seiner Filme mitgespielt, Brody erhielt für Polanskis "Der Panist" 2002 den Oscar), aber unter Argento wird man lediglich daran erinnert, wie gut sie in anderen Filmen waren.

Der Look von GIALLO ist - das musste man befürchten - ebenso flach wie der seiner Vorgänger (insbesondere "The Card Player", 2004). Bis auf ein paar hübsche Sets (der Täter lebt in einem Gasometer) und Kamerawinkel gibt es hier wenig, was den Fan erfreuen könnte, vielleicht am ehesten noch die optisch verfremdeten Rückblenden in Brodys Kindheit, die ebenso wie die Musik Marco Werbas äußerst opernhaft gestaltet sind.
Die Szenen im "Folterkeller" des Täters nerven schnell dadurch, dass dieser nur grunzend umherschleicht, während seine Entführungsopfer ununterbrochen kreischen oder ihn wahlweise beschimpfen. Niemals leidet oder fühlt man als Zuschauer mit einem der Charaktere. Man kann sich GIALLO anschauen und leidlich unterhalten, aber involviert wird man in keiner Sekunde. Wenn der Film vorbei ist, hinterlässt er ein schales Gefühl. Das beste an GIALLO ist das originelle Plakat, das leider Lust auf einen völlig anderen Film macht.

Wohin geht nun Argentos Weg? Angekündigt als nächstes Werk ist "Dracula 3-D". Ja, ernsthaft. Sollte er tatsächlich entstehen, werde ich ihn mir anschauen, komme was da wolle, denn eins ist klar - sogar der schwächste Argento ist mir immer noch zehnmal lieber als der aktuelle Genre-Müll aus den USA.

04/10

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