Mittwoch, 3. November 2010

The Fog - Nebel des Grauens (1980)

"Is all that we see or seem, But a dream within a dream"
Edgar Allan Poe

Die Nacht senkt sich über das verschlafene Küstenstädtchen Antonio Bay. Nebel zieht auf. Radiomoderatorin Stevie (Adrienne Barbeau) spielt einschmeichelnde Lounge-Musik. Die Zapfsäulen der Tankstelle spielen verrückt, Möbel verschieben sich von selbst, der Supermarkt wird von einem Beben erschüttert. Alles kleine Anzeichen für das große Grauen, das über die Stadt kommt. Ankündigungen des Nebels, der die unheimlichen Wiedergänger eines gekenterten Schiffes namens "Elizabeth Dane" beherbergt.
Während sich Antonio Bay auf die Feier zum 100. Jahrestag der Stadtgründung vorbereitet, bereiten sich die Geister der "Elizabeth Dane" auf ihre grausame Rache an den Nachkommen ihrer Mörder vor...

John Carpenters Geisterfilm THE FOG - NEBEL DES GRAUENS (The Fog) war ein großer finanzieller Erfolg, wurde aber aus unerfindlichen Gründen stets als schwächeres Werk des Regisseurs eingestuft. Heute hat er beinahe den Ruf, den er verdient - und zwar den eines subtilen Horror-Meisterwerks im Stil von Wises "The Haunting" (1963) und der Val Lewton-Klassiker. Carpenter inszenierte THE FOG nach seinem Riesenerfolg mit "Halloween - Die Nacht des Grauens" (1978) und verließ dafür komplett die Pfade, die er selbst angelegt hatte. Anstatt einen weiteren Slasherfilm abzuliefern, wandte er sich den alten Filmen zu, die er als Kind geliebt hatte, und die durch bloße Andeutungen des Schreckens ihre Wirkung erzielten, in denen Licht und Schatten, Tag und Nacht für angsteinflößende Momente sorgten.

THE FOG beginnt mit einer tickenden Taschenuhr und einer Geschichte, die am Lagerfeuer erzählt wird. So ist auch THE FOG selbst eine Schauermär, die man nicht ernst nehmen und schon gar nicht auf Logik abklopfen sollte. Carpenter schafft ein packendes Set Piece nach dem anderen, und ebenso wie in "Halloween" nutzt er sowohl den Hitchcockschen Suspense (die Ermordung von Charles Cyphers, das Auto, das nicht anspringen will, eine Leiche, die sich hinter Jamie Lee Curtis vom Obduktionstisch erhebt), harte Schocks und sehr viel schleichendes Grauen. Die schlichten Spezialeffekte um den Nebel sind hervorragend gestaltet und deutlich besser als der CGI-Nebel im schlimmen Remake von 2005. Carpenters Synthesizer-Score und die von Adrienne Barbeau im Film gespielten Radio-Schmusesongs verbinden sich auf geniale Weise zu einem stimmungsvollen Soundtrack.

Wie die meisten Filme Carpenters steckt auch THE FOG voller Querbezüge. Der Nachbarort von Antonio Bay heißt Bodega Bay, wie die Stadt in Hitchcocks "Die Vögel" (1961). Janet Leigh, die hier ein Stadtratsmitglied spielt, ist im wahren Leben die Mutter von Hauptdarstellerin Jamie Lee Curtis und unvergessen als Marion Crane in Hitchcocks "Psycho" (1960). Weitere Figuren tragen die Namen von Carpenter-Mitarbeitern (Tommy Wallce, Nick Castle), und der von Darwin Joston ("Das Ende", 1976) gespielte Pathologe heißt ausgerechnet 'Dr. Phibes'.
Auch das Finale, in dem sich die Hauptdarsteller in eine alte Kirche flüchten und sich vor dem Terror der Geister verbarrikadieren, erinnert an Carpenters "Das Ende".

Thematisch geht es in THE FOG um eine uralte Kollektivschuld, die gesühnt werden muss. Die Stadt Antonio Bay wurde regelrecht auf den Leichen unschuldiger Opfer aufgebaut, oder wie Janet Leigh an einer Stelle sagt: Diese Jahresfeier ist eine Farce... Damit liefert der Zyniker Carpenter seinen Kommentar zu Amerika und dessen Gründungsvätern.

Das makellose Ensemble besteht aus bekannten Leinwandgrößen (John Houseman, Leigh, Hal Holbrook) und Carpenters Stammschauspielern (Nancy Loomis, Cyphers, Tom Atkins, Joston). Jamie Lee Curtis darf hier eine völlig andere Figur als in "Halloween" spielen, eine sexuell durchaus aktive, humorvolle und ganz und gar abgeklärte junge Tramperin, mit deren Ankunft - ähnlich wie in "Die Vögel" - das Unheil über die Stadt kommt.
Eine wahre Glanzleistung aber absolviert Carpenters Ehefrau Adrienne Barbeau als Radiomoderatorin, die jede Nacht in ihrem einsamen Leuchtturm verbringt. Man muss bedenken, dass sie die gesamte Filmzeit (mit einer Ausnahme) alleine vor der Kamera agiert und eine intensive Darstellung zeigt, die von launigem Flirten über Unbehagen bis zu namenlosem Schrecken reicht.

Wenn Barbeau am Ende den Bewohnern (und dem Zuschauer) sagt: "Haltet Ausschau nach dem Nebel!" zitiert Carpenter sein großes Vorbild Howard Hawks, dessen Klassiker "Das Ding aus einer anderen Welt" (1951) mit dem berühmten Satz "Keep Watching the Skies!" endet.
Ob Carpenter da schon wusste, dass er drei Jahre später ein Remake von "The Thing" inszenieren würde, das zu seinem größten finanziellen Flop, aber künstlerisch herausragendsten Werk werden sollte...?

10/10


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