Dienstag, 9. November 2010

Ein Unbekannter rechnet ab (1974)

Agatha Christies Roman "Ten Little Indians" ist ein Klassiker des Whodunits und wurde aufgrund seiner zeitlosen Qualitäten unzählige Male verfilmt und in TV-Serien verarbeitet.

EIN UNBEKANNTER RECHNET AB (Ten Little Indians) stammt aus der guten alten Zeit der 70er, in der sich Filmfans und Cineasten bei der Bezeichnung "Internationale Co-Produktion" entweder mit Grausen abwandten oder ins Schwärmen gerieten. Ich gehöre eher zu der Schwärmer-Fraktion, denn diese Phase hat neben vielen Geschmacksverirrungen auch erstklassigen Spitzentrash und Meisterwerke hervorgebracht.
Und so bietet auch EIN UNBEKANNTER RECHNET AB fast alles, was das Nostalgie-Herz erfreut.

Die bekannte Story: in einem iranischen Wüstenpalast (bei Christie eine einsame Insel vor der Küste Englands) versammeln sich zehn Menschen, die von einem Unbekannten namens U.N. Owen (= Unknown) eingeladen wurden. Kurz nach ihrer Ankunft werden sie mittels Tonbandaufnahme diverser Verbrechen angeklagt, derer sie sich schuldig gemacht haben, aber der Justiz entkommen sind. Der anonyme Strafrichter beginnt nun, einen nach dem anderen hinzurichten. Die Überlebenden, die keine Hilfe von außen erwarten können, müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass der Mörder möglicherweise einer von ihnen ist...

EIN UNBEKANNTER RECHNET AB besticht in erster Linie durch das erstklassige Ensemble aus hochkarätigen Schauspielern. Oliver Reed überrascht dabei in der Hauptrolle mit einer sehr zurückhaltenden, entspannten Darstellung und überlässt das Overacting Gert Fröbe, der die Gelegenheit wie immer dankbar annimmt. Chabrol-Ehefrau und Arthaus-Star Stéphane Audran agiert souverän kühl, Charles Aznavour darf ein (furchtbares) Chanson zum besten geben und wird gleich als Erster umgebracht, Elke Sommer überzeugt als sexy Sympathieträgerin. Sommer und Reed bilden ein sehr attraktives Gespann - offenbar hatte Reed so viel Spaß beim Dreh, dass er ständig an Elke herumfummelt und ihr im Vorbeigehen auf den Po klapst, was sie stets mit Lächeln hinnimmt.
Die vielleicht beste Leistung zeigt Sir Richard Attenborough als kranker Richter. Desweiteren spielen Bond-Bösewicht ("Feuerball",1965) Adolfo Celi und Herbert Lom. Die Stimme des Unbekannten auf dem Tonband stammt (im Original) von Orson Welles persönlich.

Ebenfalls gelungen ist das Setting. Neben dem beeindruckenden Palast-Inneren mit dem Kellerlabyrinth sorgt die Wüstenlandschaft mit antiken Ruinen und einsamen Säulen für eine bizarre Atmosphäre. Komponist Carlo Rustichelli begleitet das mörderische Geschehen mit einem lupenreinen Italo-Score in bester Giallo-Tradition, so dass der Film auch zum Hörgenuss wird, wenn schon das steife Drehbuch kaum Überraschungen bietet.
Regisseur Peter Collinson besitzt leider kein Talent für klassischen Hitchcock-Suspense und verlässt sich ganz auf seine Besetzung. Das ist schade, weil das stimmungsvolle Ambiente und der Plot viel Raum für Spannung bieten, die hier ungenutzt in der Wüste verdorrt. Wie schlecht Collinson als Thriller-Regisseur war, bewies er kurz darauf in seinem grauenvollen Remake von Siodmaks "Die Wendeltreppe" (1945), "Das Geheimnis der Wendeltreppe" (1975).

Insgesamt handelt es sich bei EIN UNBEKANNTER RECHNET AB um solides europäisches Kino mit Starbesetzung, kein Meilenstein des Thrillers und bei weitem nicht die beste Christie-Verfilmung, aber gute Unterhaltung mit Kultfaktor. Wer eine bessere Adaption sucht, sollte sich René Clairs Schwarzweißversion namens "Das letzte Wochenende" aus dem Jahre 1945 anschauen, oder die "Mit Schirm, Charme und Melone"-Episode "Fliegen Sie mal ohne" (The Superlative Seven), in der John Steed (Patrick MacNee) zu einem Kostümfest auf eine einsame Insel geladen wird, auf der bereits Särge für die Gäste warten...

07/10

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